Der Kadett D von OpelUnscheinbarer Revolutionär
Mit dem Kadett D ist bei Opel eine Revolution eingetreten und es hat kaum jemand gemerkt. Das Modell schwenkte endgültig auf den Frontantrieb um. Doch bereits zum Start fristete das Auto eher ein Schattendasein. Bei den Kunden war der D-Kadett allerdings beliebt.
Bei den deutschen Herstellern erforderte es allerdings einiges an Überzeugungsarbeit, bis das Umdenken einsetzte. Schließlich hatte auch Volkswagen ewig am alten Käfer mit Heckmotor und Heckantrieb festgehalten, bis man 1974 mit dem Golf erfolgreich den modernen Weg beschritt. In Rüsselsheim sollte das Umdenken noch länger dauern. Denn auch als der Golf bereits Verkaufserfolge einfuhr, rollte das traditionell als Kadett bezeichnete Opel-Kompaktmodell weiter mit der ebenso traditionellen Kombination aus Frontmotor und angetriebenen Hinterrädern umher.
Erst ein halbes Jahrzehnt später war es dann so weit: "Neuer Kadett: Ein Opel wie noch nie" überschrieb seinerzeit die Zeitschrift "mot" einen ersten Bericht über den Kadett der fünften Generation. Die Überschrift mag aus heutiger Sicht leicht übertrieben wirken - schließlich geht der D-Kadett als normales Kompaktmodell ohne herausragenden Eigenschaften durch.
Premiere der großen Heckklappe
Und doch war er auch "ein Opel wie noch nie". Endlich hatte man nämlich die Umstellung vom alten Heck- auf den modernen Frontantrieb geschafft. Und es gab noch eine Neuerung, die sich vor allem im Design ausdrückte: Die vorherigen Kadetten orientierten sich nämlich formal an der klassischen Limousinenform, die sich durch die Dreiteilung aus Motorhaube, Fahrgastraum und Kofferraum in Stufenheckform auszeichnet.
Weil der Neue nun aber ein modernes Auto sein sollte, wurde auch seine Karosserielinie näher an die der Konkurrenz gerückt - die verzichtete auch damals schon auf das angehängte Stufenheck und erlaubte den Zugang auf das Gepäckfach durch große Heckklappen im Schrägheck ihrer Kompaktmodelle.
Stufenheck-Kompromiss
Also kam auch der Kadett D mit einem solchen modernen Schrägheck daher. Allerdings war Opel ein Unternehmen, das gerne auf Traditionen setzte und es gab auch konservative Kunden, die so etwas bevorzugten. Um die Liebhaber des Kofferraumdeckels nicht mit einer modernen Heckklappe zu vergrätzen, setzte man beim Kadett D auf eine etwas schrullige Taktik: Wer die große Heckklappe verschmähte, konnte auch eine Version ordern, die zwar auf den ersten Blick identisch aussah - wenn nicht unterhalb des Heckfensters diese beiden Scharniere wären. Die dienten nämlich als Öffnungsmechnismus eines kleinen Kofferraumdeckels. Die Heckscheibe klappte in dieser Version nicht mit auf - wie bei den Stufenheck-Modellen eben.
Eine andere Neuerung ließ sich nicht tarnen: Waren die bisherigen Opel durchweg an ihrem etwas plärrigen Auspuffgeräusch zu erkennen, klang der Kadett D nun anders. Das war zum einen gewollt, hatte aber auch damit zu tun, das mit dem neuen Kadett eine neue Generation an Motoren Einzug hielt.
Kadett D in England als Astra
Wer Angst hatte, dass soviel Neues nicht wirklich zuverlässig sein konnte, irrte sich glücklicherweise. Die Autotester gaben dem Kadett durchweg gute Noten, lobten die Motoren ebenso wie das Fahrverhalten und im Endeffekt die gesamte Konstruktion. Auch als die Kadetten längst zahlreich auf den Straßen unterwegs waren, offenbarten sie kaum technische Schwächen - allein Fälle von Verschleiß an den Nockenwellen wurden bekannt. Und später zeigte sich, dass der Kadett wie nahezu alle Autos aus diesen Jahren dem Rost nicht ewig widerstehen konnte.
Abgesehen davon war der Kadett D nicht nur technisch wegweisend für die Zukunft der Marke. Auch im Hinblick auf den Umgang mit den Modellbezeichnungen dachte man nach vorn: Dass der Kadett bei der britischen Opel-Schwester Vauxhall mit dem Namen Astra bereits die Bezeichnung des hier erst viel später sogenannten Kadett-Nachfolgers trug, ist ein Beispiel dafür. Außerdem gab es ein Sondermodell des Kadett mit der Bezeichnung Corsa. Und die Bezeichnung ist nicht nur zufällig identisch mit dem Namen des späteren Opel-Kleinwagens: Mit dem Sondermodell wollte man testen, wie der Name ankommt.
GTE gegen GTI
In der Öffentlichkeit aber war der Opel Kadett D bald nur ein Kompaktmodell unter vielen anderen - wenn auch ein recht erfolgreiches. Die Umstellung der Technik hielt kaum jemand vom Kauf ab. Das Auto wurde ebenso wie die frühen Golf zur typischen Erscheinung auf den Straßen während der 80er Jahre. Wirklich auffällig waren nur wenige der Kadetten: zum Beispiel der 85 kW/115 PS starke GTE, der gegen den erfolgreichen Golf GTI antrat.
Echte Raritäten waren damals wie heute die Cabrioumbauten einiger Anbieter, die jedoch nur wenige Käufer fanden. Was man vom Basismodell nicht sagen konnte: Das wurde bis zum Modellwechsel 1984 mehr als zwei Millionen Mal produziert. Und selbst zu diesem Zeitpunkt empfand man die technische Basis noch als so frisch, dass sie im folgenden Kadett E zum Einsatz kam. Opel hatte also vor 30 Jahren einen wirklichen Meilenstein geschaffen - dem man ruhig ein weinig Respekt zollen darf, wenn eines der verbleibenden Exemplare auf den Straßen entdeckt wird.