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Neue Corona-Grenzwerte Die Hospitalisierungsinzidenz ist fehlerhaft und irreführend

Erst wurde sie zum "neuen Leitindikator" erklärt, dann lange Zeit missachtet, jetzt ist sie zurück: Mit gemeinsamen Grenzwerten bei der Hospitalisierungsinzidenz wollen Bund und Länder die aktuelle Corona-Welle brechen. Dabei waren die Daten bisher wenig hilfreich. Wieso sollte das jetzt anders sein?

Die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz hatte in Deutschland keinen guten Start. Jetzt bekommt sie eine zweite Chance: Mit bundesweit einheitlichen Schwellenwerten soll der Indikator künftig als fixer Orientierungspunkt für Schutzmaßnahmen in der Pandemiebekämpfung dienen. Darauf haben sich Bund und Länder in der Ministerpräsidentenkonferenz am Donnerstag verständigt.

Demnach soll ab einer Rate von 3 neu hospitalisierten Covid-19-Fällen innerhalb von sieben Tagen je 100.000 Einwohner eine flächendeckende 2G-Regel gelten. Aktuell ist das in allen Bundesländern der Fall, das heißt, bald sollen nur noch Geimpfte oder Genesene Zutritt zu Veranstaltungen oder Freizeiteinrichtungen erhalten. Bei Werten über 6 wird zusätzlich das Vorweisen eines negativen Tests verlangt. In der höchsten Warnstufe, ab einer Hospitalisierungsinzidenz von 9, dürfen die Länder weitergehende Schutzmaßnahmen ergreifen.

Tageswerte werden deutlich unterschätzt

Es ist bereits der zweite Versuch, den "neuen Leitindikator" als solchen zu etablieren. Denn seit seiner Einführung im Juli hat der Wert vor allem Irritationen ausgelöst. Weil Fallmeldungen mit erheblichen Meldeverzug beim Robert-Koch-Institut (RKI) eingehen, gelten die täglich vermeldeten Werte als viel zu niedrig und wenig aussagekräftig, ja sogar irreführend.

ntv.de berechnet deshalb für jeden Tageswert einen zusätzlichen Schätzwert, der die zu erwartenden Nachmeldungen berücksichtigt. Dabei wird auch deutlich, dass der Meldeverzug von Land zu Land sehr unterschiedlich ausfällt. In Hamburg etwa müssen die Tageswerte oft nachträglich um mehr als das Doppelte nach oben korrigiert werden.

Unvollständige Daten sind nicht das einzige Problem

Doch selbst wenn man die Kritik am Meldesystem und den unvollständigen Daten außer Acht lässt, bringt die Hospitalisierungsrate als "maßgeblicher Indikator" einige Risiken mit sich. Experten hatten vor den Folgen einer solchen Pandemiepolitik gewarnt: Wer abwartet, bis sich die Infektionszahlen auf den Intensivstationen bemerkbar machen, hat weniger Zeit zum Gegensteuern.

In der Praxis hat sich diese Befürchtung längst bestätigt: Sowohl in Sachsen, als auch Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen laufen die Intensivstationen voll und Krankenhäuser arbeiten an der Kapazitätsgrenze, während die Hospitalisierungsinzidenz zum Teil weit unter den zuvor definierten Warnschwellen vor sich hin dümpelt.

Man kann durchaus sagen: Solche sogenannten Frühwarnsysteme bilden nicht die Realität ab - sie werden von ihr eingeholt. Erst im Rückblick, mit mindestens zwei Wochen Verzug, lässt sich feststellen, wie viele Covid-19-Patienten tatsächlich in ein Krankenhaus eingeliefert werden mussten - und zwar ausgehend von dem Zeitpunkt des Meldedatums der Infektion, nicht etwa der Krankenhausaufnahme.

Diese Art der Datenerhebung führt dazu, dass die Kurve der Hospitalisierungsinzidenz im historischen Zeitverlauf, also inklusive aller bekannten Nachmeldungen, stets abzufallen scheint. Die Daten sind schlichtweg unvollständig.

Angst vor dem Kollaps: Wie hoch darf der Tageswert steigen?

Anhand der "fixierten" Tageswerte lässt sich immerhin ein Trend ablesen. Eine zuverlässige Einschätzung der Lage in den Krankenhäusern lässt sich damit aber nicht abgeben. Es fehlt an Erfahrungswerten und Maßstäben: Wie viel ist zu viel? Ab wann bricht das Gesundheitssystem zusammen? Welcher Schwellenwert ist angemessen? Das konnte bisher niemand so genau sagen.

Einige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen haben sich bisher nicht einmal die Mühe gemacht, Grenzwerte bei der Hospitalisierungsinzidenz festzulegen. Andere nutzten bislang einen Mix aus verschiedenen Indikatoren, in der die Hospitalisierungsrate eher eine untergeordnete Rolle spielte und meist von anderen Warnsignalen überlagert wird, etwa der tatsächlichen Auslastung der Intensivstationen.

Genau mit diesem föderalen Flickenteppich soll nun Schluss sein. Mit den einheitlichen Grenzwerten bekommen Landräte, Bürgermeister und Landesministerien zwar ein politisches Instrument, um Maßnahmen gegenüber der Bevölkerung zu begründen. Doch ob die Schwellenwerte klug gewählt sind, steht auf einem anderen Papier.

Woher kommen die Warnstufen bei 3, 6 und 9?

Ursprünglich hatte es sogar mal geheißen, einheitliche Schwellenwerte seien bei der Hospitalisierungsinzidenz nicht sinnvoll. Schließlich ist die Versorgungslage mit Krankenhausbetten von Region zu Region sehr unterschiedlich. Auch die nun beschlossenen Warnstufen (bei einer Hospitalisierungsinzidenz von 3, 6 und 9) werfen Fragen auf.

Das RKI hatte in seiner aktualisierten Control-Covid-Strategie Schwellenwerte bei 1,5 und 5 empfohlen. Dabei handelt es sich offensichtlich um eine konservative Schätzung: Angesichts der Schwächen im Meldesystem setzt man die Schwelle lieber niedrig an, um Handlungsspielraum für den Notfall zu bewahren.

Die jetzt beschlossenen Grenzwerte liegen deutlich darüber - und erlauben es den meisten Bundesländern, die Corona-Maßnahmen auf eine einfache 2G-Regel zu beschränken und darauf zu hoffen, dass das ausreicht. Aktuell würde nur ein Bundesland, nämlich Bayern, in die zweithöchste Warnstufe fallen. Zwei Länder, Sachsen-Anhalt und Thüringen hätten die Lizenz zur "Notbremse" - hier liegt die Hospitalisierungsinzidenz über 9.

Der Realitätscheck zeigt: Es sieht nicht gut aus

Was jedoch auffällt: Die erfassten Hospitalisierungsdaten scheinen teilweise so gar nicht zu der tatsächlichen Entwicklung in den Krankenhäusern zu passen. Aus Sachsen beispielsweise dringen eindeutige Signale: Laut dem aktuell dort noch geltenden Frühwarnsystem ist die "Überlastungsstufe" bereits erreicht. Die maximal vorgesehene Zahl an Betten für Covid-19-Patienten auf der Normalstation ist überschritten. Die Hospitalisierungsinzidenz hingegen: abgesackt. Auch in Baden-Württemberg haben sich die Intensivstationen viel schneller gefüllt, als es die Hospitalisierungsinzidenz vermuten lassen würde.

Wie will die Politik mit solchen Situationen künftig umgehen? Wenn die Belastungsgrenze ganz offensichtlich erreicht ist, kann man schlecht weitermachen wie bisher - auch nicht mit Verweis auf einen Leitindikator, der signalisiert, dass alles noch in Ordnung sei.

Quelle: ntv.de

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