Leben

In Vino Verena aus den USA "Ah, from Germany! Hitler kaputt!"

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Trump-Kritik am Venice Beach mit Kolumnistin.

(Foto: privat)

Wie kommt man in einer Autostadt wie Los Angeles zu Fuß zurecht? Wem gehört Donald Trump? Und was sagt ein armenischer Taxifahrer über die Deutschen? Unsere Kolumnistin über ihre wilde Auszeit zwischen Hollywood und Freeway.

PUTIN OWNS TRUMP. "Stand das da wirklich gerade auf dem Plakat?", frage ich meinen Beifahrer. Der sagt, "ja klar". Weil ich in den letzten Jahren gefühlt sehr viel gearbeitet und nie so richtig Urlaub gemacht habe, kam ich kürzlich auf die glorreiche Idee, mir eine Auszeit zu gönnen. Mal abschalten vom Autorenalltag, der nicht so spannend ist, wie die meisten denken, sondern oft ziemlich öde daherkommt. Man wird mit der Zeit ganz schrullig. Ich finde meine Schrulligkeit eigentlich ganz okay, aber zu schrullig ist auch nicht so dufte, schließlich hat man ja ab und an, wenn es sich nicht vermeiden lässt, noch mit Menschen zu tun.

Für die Auszeit habe ich mir die USA ausgesucht. Weil ich noch nie in den Vereinigten Staaten war, habe ich das für eine ausgesprochen gute Idee gehalten, was sie bestimmt in den meisten Fällen auch ist. Also für normale Menschen. Für Menschen, die nicht an permanenter Reizüberflutung und Hochsensibilität leiden, das Ganze wie in meinem Fall gepaart mit einem mächtigen Sockenschuss. Wenn ich nämlich aus Amerika wieder zurück bin, werde ich höchstwahrscheinlich 500 neue Auszeiten von dieser einen Auszeit hier brauchen. Aber lassen Sie mich die Sache von vorn aufdröseln.

Verdächtiges Pulver und Autos wie bei "Transformers"

Fast alles in den Staaten haut mich um. Allein die Einreise! Jesus Maria. Ist es zu glauben, dass es sieben Anläufe braucht, um meine Fingerabdrücke zu sichern? Weil in meinem Inneren für gewöhnlich Sturm herrscht, sind meine Hände immer kalt, manchmal, wenn ich aufgeregt bin, sind sie gar richtig feucht. Wenn so ein grimmig dreinblickender Border-Beamter also etwas unverhofft meine Fingerabdrücke will, fangen meine Hände sprichwörtlich an zu tropfen. Ich versiffe den Amerikanern prompt ihr schönes Hightech-Fingerprint-Gerät. Das fällt natürlich negativ auf!

Raus aus der Reihe mit dieser verdächtigen Person und ab zum nächsten Scan-Kontrolletti. Erstmal bisschen filzen. Ich bin noch nie gefilzt worden und denke darüber nach, ob sie den Birkenzucker in meiner Kosmetiktasche für verdächtiges Pulver halten könnten. Ich wüsste mit meinem eingestaubten Englisch nicht, wie ich denen das harmlose Zahnpulver schmackhaft machen könnte, denn Zahnärzte in den USA, ja, das ist nochmal eine ganz eigene Nummer! Eine Nation, die Zahnärzte eher als Gebiss-Mechaniker betrachtet, deren Reparatur-Räume sich gleich neben der Tankstelle befinden, hat eben ihre ganz eigene Sichtweise auf meine Reiseutensilien.

Nach der Filzerei lande ich wenig später mit so einer Automatikschüssel auf einem dicht befahrenen, sechsspurigen Freeway. Um mich herum Autos wie bei "Transformers". Ich rechne jeden Moment damit, dass Optimus Prime sich neben mir aufbaut und irgendetwas von Alien-Invasion verkündet. So viele Autos, so, sooo viele Autos! Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele Autos gesehen! Gut, wenn man so selten wie ich vor die Tür kommt, kein Wunder. Es gibt hier SUV, die so groß wie LKW sind, mit Rädern so riesig wie die Profitgier der Autoindustrie. Viele hier hinterfragen das natürlich kritisch, aber hey, wir sind in Los Angeles, der Autostadt schlechthin! Jemand erzählt mir, dass es hier in den Zwanzigerjahren einst eine hübsche Straßenbahn gegeben habe. Die wurde von der Autoindustrie aufgekauft mit dem Zweck, sie direkt abzuschaffen.

Autos, überall Autos!

So fügen sich die Angelenos, die ohne ihre Monsterkarren quasi aufgeschmissen wären, zu einer gigantischen, bunten Blechschlange zusammen, die schnaubend den Freeway entlangkraucht - und ich mittendrin. Hupen bringt nichts und Geduld ist eine Tugend. Das Gute: Hier herrscht Tempolimit. Das ist beruhigend. Kein Einziger klebt zu dicht an meiner Stoßstange und drückt permanent auf die Lichthupe, wie mir das oft in Deutschland passiert, wenn ich mit meinem Franzosen wieder für einen Sonntagsfahrer gehalten werde, weil ich mit 140 Sachen in den Spreewald knattere.

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L.A. ohne Auto ist eher schwierig.

(Foto: privat)

Gleich in meiner ersten Nacht hier in L.A. träume ich. Ich träume davon, sämtliche Autobosse lebenslänglich zu Fuß gehen zu lassen. Und das sieht sehr absurd aus, denn sie laufen nicht auf den Straßen, sondern auf den Dächern der Autos entlang, mit denen sie die Menschheit zugeschissen haben. Und sie wimmern und weinen und haben schon ganz blaue Zehen von dem beschwerlichen Fußmarsch. Einer ruft: Aber wir sichern Arbeitsplätze! Wir müssen den Klimawandel mit einer Mauer in die Knie zwingen!

Apropos Fußmarsch: Weil ich in einem Artikel gelesen habe, man käme in L.A. auch zu Fuß ans Ziel, probiere ich Knalltüte das bei nächstbester Gelegenheit natürlich aus. In Badeschlappen rauf zum Hollywoodzeichen. Meine Stadtplan-App ist guter Dinge und zeigt mir etwas von knapp drei Stunden an. Ich laufe und laufe und manchmal wird mir fast der Hintern abgehupt, aber hey, meine L.A.-zu-Fuß-App sagt, ich könne neben dem Freeway entlangscharwenzeln und dabei an den Auspuffen wie an Blumen schnuppern.

Mir geht die Pumpe bei dem Gedanken, ob ich diese Auszeit vielleicht gar nicht überlebe. Die Lunge findet's auch nicht lustig. Ich muss husten. Und mit dem Husten drehen die restlichen Sinne durch. Ich bin am Limit. Aber komisch, die Badeschlappen sehen noch ganz passabel aus! Frage: Wie viele Kilometer macht so ein Latsch eigentlich mit, bevor er wie mein Gemüt in sich zusammenfällt?

Falco und der armenische Taxifahrer

Ein Blick auf meine Herz-App auf meinem Handy sagt mir: Ich bin 30 Kilometer zu Fuß gelaufen. DREISSIG Kilometer! Ich! An einem Tag! So viel laufe ich in Berlin in drei Jahren! Obwohl dieser Gedanke in mir so etwas wie Freude auslöst, ist die L.A.-zu-Fuß-App auf meinem Display plötzlich verschwunden. Hat die sich jetzt selbst deinstalliert, frage ich mich und stelle mir vor, wie toll ich diese Idee für so manche krude Autolobbyisten-Hirne finden würde, aber hey, in L.A. gibt es ja auch Taxis! Und Uber. Ich flenne ein bisschen am Straßenrand ob der Erschöpfung und auch, weil ich einfach nicht nach Hause finde und es bereits dämmert. Da hält doch tatsächlich neben mir - ein Taxifahrer!

Während er mich heimfährt und ich ihm verklickere, dass ich mich in L.A. super auskenne, er also gar nicht erst auf die Idee zu kommen braucht, mich über Santa Monica nach Valley Village zu karren, kommen wir ins Gespräch. Areg sagt, er komme aus Armenien und spreche fünf Sprachen. Im Radio läuft "Rock Me Amadeus" von Falco und wir singen mit. Was ich in L.A. mache, fragt er. Auszeit, sage ich. Da lacht er. Woher ich komme, will er wissen. Aus Deutschland, antworte ich und er sagt: "Ah, from Germany! Hitler kaputt!"

Auf der Interstate 405 erhellen die Scheinwerfer wieder das PUTIN-OWNS-TRUMP-Plakat. Areg schimpft. Über den Verkehr, Donald Trump und Leute, die immer "How are you doing?" sagen, obwohl es sie im Grunde gar nicht interessiert. Deutschland und Merkel finde er "totally nice", dann singt er: "Eins zwei Polizei, drei vier Grenadier ..."

Zurück in meiner Gegend laufe ich die letzten Schritte zu meinem Guest House. In der Einfahrt stehen zwei SUV auf drei Parkplätzen. Das nächste Problem, denke ich und muss mich zwingen, dass ich spätabends in L.A., mit meinen Badeschlappen auf dem heißen Asphalt eines endlosen Sommers, nicht auch noch anfange, über Parkplätze nachzudenken. Die Grillen zirpen in den Büschen, es riecht nach Zimt, am Himmel stehen die ersten Sterne. Nur irgendwo, ganz weit weg, heulen Sirenen.

Quelle: n-tv.de

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