Leben

Toxisches Arbeitsumfeld Auch Jobs können giftig sein

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In einer toxischen Arbeitsumgebung macht der tollste Job keinen Spaß.

(Foto: imago/photothek)

Schreiende Chefs, lästernde Kollegen, viel zu viele Überstunden - das können Anzeichen für ein toxisches Arbeitsumfeld sein. Und das gibt es nicht nur bei Kreativen und Hochbezahlten, sondern auch in ganz normalen Büros, in Kindergärten oder Supermärkten.

Bei toxischen Beziehungen denken die meisten an ihre Partnerschaft, vielleicht noch an die Familie oder Freunde. Allerdings macht sich das Phänomen auch zunehmend im beruflichen Umfeld bemerkbar. Vielen fallen dabei zunächst zwar einzelne Situationen auf, die sie im Job als falsch oder unangemessen empfinden, oft dauert es jedoch eine ganze Weile, bis sie sich eingestehen, dass diese Dinge offenbar System haben.

Wie in persönlichen Beziehungen auch ist es nämlich gar nicht so leicht, ein toxisches Arbeitsumfeld zu erkennen. Die Autorin Tara Wittwer, die sich intensiv damit beschäftigt, rät deshalb auch an dieser Stelle, unbedingt auf das Bauchgefühl zu hören. Sie ist inzwischen überzeugt: Am häufigsten kommen toxische Beziehungen im beruflichen Kontext vor. Als sie auf ihrem Instagram-Account ihre Follower fragte, wo sie die meisten toxischen Beziehungen erlebt haben, "lag die Arbeitswelt noch vor der Partnerschaft", erzählt Wittwer ntv.de. Dabei hätten sich Kindergärtnerinnen, Pflegepersonen, aber auch Büroangestellte gemeldet. "Das hat mich wirklich erschreckt."

Engagement oder Aufopferung?

Denn in der landläufigen Vorstellung sind es vor allem sehr kreative und hochbezahlte Arbeitsumfelder, in denen es schnell toxisch wird. Filme wie "Der Teufel trägt Prada" gaukeln beruflich ehrgeizigen Menschen vor, dass es normal sei, für die Karriere Erniedrigungen und Überbelastungen hinzunehmen. "Die toxischen Umstände werden dort regelrecht glorifiziert", sagt Wittwer.

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Andererseits kann man den Film auch als Lehrstunde sehen, auf welche Anzeichen man achten sollte. Da werden Informationen nicht an alle kommuniziert oder es fehlt grundsätzlich an Professionalität und Respekt. Auch schreiende Chefs sind ein Indiz für ein toxisches Arbeitsumfeld, ebenso Diskussionsrunden, in denen es keinen kritischen Austausch gibt. Stattdessen wird viel gelästert und getratscht, die Folge sind oft Mobbing oder viele Krankschreibungen und Kündigungen.

Wittwer hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem jungen Menschen eingebläut wurde, "die Zähne zusammenzubeißen, um weiterzukommen". Man müsse eben auch mal Überstunden machen, um zu zeigen, dass man den Erfolg will. "So ist die Leistungsgesellschaft. Man ist erst dann gut, wenn man den Job nicht nur als Job sieht." In kleinen Firmen oder Startups werden die ungesunden Arbeitsbedingungen häufig hinter einer besonders familiären Atmosphäre oder "hinter frischem Obst und einem Kicker versteckt", erzählt Wittwer. "Es werden immer leidenschaftliche und hochmotivierte Mitarbeiter gesucht, gemeint sind aber aufopferungsbereite Menschen."

Grenzen setzen

Dabei verschwimme die Grenze zwischen privat und professionell immer mehr. "Das macht es einfacher, immer mehr zu erwarten und noch mehr zu nehmen." Aus gelegentlichen Überstunden werde so beispielsweise ständige Mehrarbeit. "Das wird schnell zu emotionaler Manipulation, man hat ein schlechtes Gewissen", beobachtet die Autorin. "Man wird schuldig gemacht, obwohl die Anforderungen außerhalb der Arbeitszeit oder des Aufgabengebietes liegen." Anerkennung gibt es trotzdem häufig nicht oder das nächste Projekt wartet bereits.

Dabei schaden sich die Unternehmen mit ihrem toxischen Arbeitsumfeld auch selbst. Das macht sich sogar in den Bilanzen bemerkbar. Wertgeschätzte Mitarbeiter sind zufriedener und weniger krank. Eine geringere Fluktuation sorgt dafür, dass nicht immer wieder neue Mitarbeiter eingearbeitet werden müssen. Auch Wissensverluste können erheblich weniger Schaden anrichten. Bewerber oder Arbeitnehmer, die Grenzen formulieren, sind trotzdem häufig erheblichem Druck ausgesetzt. Wittwer kann nicht zuletzt aus eigener Erfahrung berichten, dass die Trennung zwischen Privatleben und Job oder das deutliche Ansprechen von toxischen Arbeitsumständen durchaus dazu führen kann, den Job zu verlieren oder gar nicht erst zu bekommen.

Auch das ist ein Grund, warum viele lange unter solchen Umständen weiterarbeiten, obwohl sie dafür oft den Preis der mentalen oder körperlichen Gesundheit zahlen. Erst nach einem Burnout oder einer sehr unappetitlichen beruflichen Trennung gelingt es ihnen, sich wieder ein gesundes Arbeitsumfeld zu schaffen oder zu suchen. Für Wittwer schließt sich damit ein Kreis, bei dem man auch die eigene Persönlichkeit in den Blick nehmen muss: "Es ist wichtig, mit sich selbst Frieden zu schließen und dann zufrieden zu sein. Dann ist es auch leichter, Grenzen zu setzen."

Quelle: ntv.de

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