Leben

Schluss mit Schnitzel und Steak? Bald gibt es viel mehr Kunstfleisch

110197820.jpg

Der Startup-Gründer Didier Toubia mit einer Petrischale und einem Teller mit einem Steak. In der Petrischale befinden sich bestimmte Stammzellen einer Kuh, aus denen künftig in drei bis vier Wochen ein Steak im Labor gezüchtet werden soll.

(Foto: picture alliance/dpa)

In 20 Jahren sieht Ernährung völlig anders aus als heute, da sind sich Experten sicher: Die Menschen werden dann kaum noch "echtes" Fleisch essen - stattdessen liegen gezüchtete Steaks und Frikadellen aus Bakterien auf den Tellern.

Ein Drittel aller Landflächen der Erde wird für Tierhaltung genutzt. Entweder weiden Rinder und andere Nutztiere darauf oder es sind Felder, auf denen Futter für die Tiere angebaut wird. Eine stetig wachsende Weltbevölkerung kann sich diese Platzverschwendung nicht mehr lange leisten. Hinzu kommt, dass landwirtschaftliche Tierhaltung enorm schädlich für die Umwelt ist: Dünger für die Futterpflanzen sickert in die Böden, Antibiotika gelangen ins Grundwasser, methanhaltige Rülpser von Kühen, Schafen und Ziegen belasten das Klima.

Kein Wunder also, dass die Suche nach platzsparenden und umweltfreundlichen Fleischalternativen in den letzten Jahren ordentlich Fahrt aufgenommen hat. Landwirtschaftsexperte Carsten Gerhardt von der Unternehmensberatung A.T. Kearney sagt es deutlich: "Wir stehen vor nichts weniger als dem Ende der Fleischproduktion, wie wir sie kennen". Schon 2040, so prophezeit eine von ihm mit durchgeführte Studie, werden nur noch 40 Prozent des verzehrten Fleisches solches sein, wie man es bisher kennt. Der größere Teil wird demzufolge mit rund 35 Prozent gezüchtetes Fleisch aus der Petrischale sein. Vegane Fleischersatzprodukte würden dann rund ein Viertel des neuen Fleischkonsums darstellen.

Steaks aus der Petrischale

Einige Fleischersatzprodukte liegen bei Vegetariern schon lange auf dem Teller: Die Grundstoffe sind Soja, Lupinen oder das japanische Weizengemisch Seitan. Wahre Fleischliebhaber konnten sich dafür bislang allerdings nicht erwärmen - Aussehen, Geschmack oder Konsistenz sind für sie zu weit entfernt vom gewohnten Steak.

Das könnte sich bald ändern: Wenn nämlich Laborfleisch marktreif wird! Einer der Pioniere auf diesem Gebiet: das Unternehmen Aleph Farms aus Israel. Die Forscher der Firma haben einen Weg gefunden, um aus einzelnen Kuhzellen Muskelgewebe wachsen zu lassen. Mit einer 3D-Textur, die sich vom echten Steak kaum unterscheiden soll.

Noch ist die Produktion zu teuer für den Massenmarkt, aber womöglich nicht mehr lange:  "Das wird auf jeden Fall kommen, dafür müssen allerdings finanzielle Mittel bereit gestellt werden - aus der Privatwirtschaft und insbesondere aus der Politik!", prophezeit Sebastian Biedermann vom Verband für Alternative Proteinquellen (BALPro), der im März 2019 gegründet wurde. Laborfleisch ist aber nur ein Weg, die jetzigen Tierhaltung überflüssig zu machen. Neuartige vegane Alternativen sind der andere.

Neuartige vegane Alternativen

Wie man die Kunden dazu bringt, solche Produkte zu kaufen? Ganz einfach: Indem sie schmecken und aussehen wie Fleisch - so die Strategie von Unternehmen wie Beyond Meat und Impossible Foods. Ihre Burger, die hauptsächlich aus Erbsen- beziehungsweise Kartoffelproteinen bestehen, sorgten im vergangenen Jahr für viel Aufsehen. Die US-amerikanischen Beyond Meat-Burger schafften es immerhin schon in die Kühltheken von Lidl, wo sie rasend schnell ausverkauft waren. Ein Nachteil dieser Fast-wie-Fleisch-Burger: Sie sind aufgrund der vielen Zusatzstoffe nicht gesünder als Fast Food, belegt eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Hamburg.

Wer es gesund will, darf sich aber auf einige der anderen Kreationen freuen, an denen Forscher derzeit tüfteln: Produkte aus Algen zum Beispiel. Diese Meeresbewohner stecken voller Proteine und lassen sich klimaschonend und kostengünstig züchten. Als Nahrungsergänzungsmittel gibt es Spirulina und Chlorella schon - wie sie zum "richtigen" Lebensmittel werden, das überlegt man noch. Eine Ähnlichkeit zu Fleisch sollte man bei diesen Ausgangsstoffen allerdings nicht erwarten. Ernährungswissenschaftlich kommt es aber sowieso hauptsächlich auf den Proteingehalt an. Kohlenhydrate und Zucker stehen weltweit ausreichend zur Verfügung - hochwertige Proteine dagegen sind in vielen klimatisch extremen Regionen der Erde Mangelware.

Ideal wäre eine Proteinquelle, für die man keine Landwirtschaft bräuchte - die damit überall verfügbar wäre. Gibt es nicht? Doch, selbst das gibt es: Das finnische Startup Solar Foods wirbt damit, Nahrung aus Luft herzustellen. Das sieht so aus, dass sie Bodenmikroben mit CO2 und ein paar Vitaminen füttern - und schon stellen die Mikroben brav hochwertige Proteine her. Die kann man dann als Pulver richtigen Lebensmitteln beimischen - sei es Fleischersatz, Brotteig oder Joghurt. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Quelle: ntv.de