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Drug-Checking-Projekt vor Start Berlin will Drogenkonsum sicherer machen

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In Berlin sollen Konsumenten künftig Proben illegaler Drogen in einer Beratungsstelle abgeben und testen lassen können.

(Foto: imago images/Future Image)

Beim Drug Checking können Drogenkonsumenten Substanzen auf Verunreinigungen untersuchen lassen - und so Überdosierungen vermeiden. Was in anderen Ländern längst funktioniert, stößt in Deutschland bisher auf Widerstand. In Berlin soll das Projekt aber schon bald starten.

Zum Wochenende gehörte zumindest in Zeiten vor Corona für viele das Feierngehen - und zum Feiern gehen für manch einen Clubgänger auch Ecstasy, Koks oder Speed. Und für rund 600.000 Menschen in Deutschland ist Drogenkonsum Alltag, sie sind abhängig von illegalen Drogen. Doch nicht nur deren offensichtliche Nebenwirkungen sind ein Problem: Die Inhaltsstoffe von Pillen auf dem Schwarzmarkt schwanken extrem - und Konsumenten können sich nie wirklich sicher sein, was und wie viel sie sich da eigentlich einwerfen. Im schlimmsten Fall drohen eine Überdosierung oder eine Vergiftung.

1398 Menschen starben im vergangenen Jahr in Deutschland am Konsum illegaler Substanzen, knapp 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Überdosierung von Opioiden war dabei die häufigste Todesursache, so steht es im Bericht der Drogenbeauftragten des Bundes, Daniela Ludwig. Aber auch an Partydrogen starben mehr Menschen als zuvor.

In Berlin soll das künftig durch Drug Checking vermieden werden: Konsumenten können Proben illegaler Drogen in einer Beratungsstelle abgeben und testen lassen. In einem Labor werden dann verunreinigte und überdosierte Substanzen identifiziert. Pünktlich zum Wochenende soll das Ergebnis vorliegen - kostenlos und anonym. "Erfahrungsgemäß verzichten die Konsumenten dann auf den Konsum von mit gesundheitsgefährlichen Streckmitteln verunreinigten Substanzen", sagt der Koordinator des Drug-Checking-Projekts Berlin, Tibor Harrach. Getragen wird das Projekt von der Drogenhilfe Fixpunkt, der Schwulenberatung und der Suchtberatung Vista Berlin, grünes Licht vom Senat gibt es längst. Doch schon bevor das Coronavirus in die Stadt kam, wurde der Startschuss des Projekts immer wieder verschoben.

Befeuert Drug Checking Drogenkonsum?

"Das ist immer ein schmaler Grat", sagt Ulrich W. Preuß, Klinikdirektor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Herborn und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin. Wichtigstes Element beim Drug Checking sei, dass Drogenkonsumenten überhaupt mit dem Hilfesystem in Kontakt kommen können. "Auf der anderen Seite laufen Drug Tester natürlich auch Gefahr, sich dem Vorwurf auszusetzen, den Konsum zu fördern", so Preuß. "Aber wenn schon nicht verhindert werden kann, dass illegale Substanzen konsumiert werden, dann sollten die Personen davon wenigstens keinen Schaden nehmen."

Das Drug Checking, so lautet auch das Hauptargument der Kritiker, mache den Drogenkonsum einfacher - und gaukele vor, dass er sicher sei. Harrach kann solche Argumente entkräften. Die Erfahrung aus anderen europäischen Ländern zeige ebenso wie wissenschaftliche Studien, dass Drug Checking den Drogenkonsum nicht befördere, sagt er. "Im Gegenteil: Durch die Beratung wird eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsumverhalten ermöglicht." Je öfter jemand das Drug Checking in Anspruch nehme, desto kritischer schaue er auf seinen Konsum - und konsumiere am Ende sogar vorsichtiger und damit weniger.

Denn beim Drug Checking werden nicht nur die Substanzen unter die Lupe genommen - die Konsumenten können mit Beratern auch einen Fragebogen zu ihrem Konsum- und Risikoverhalten ausfüllen. Welche Substanzen werden in welcher Dosierung genommen? Gab es im Zusammenhang mit dem Konsum Panikattacken, Depressionen oder körperliche Problemen? Gibt es Schwierigkeiten mit dem Partner, der Familie oder am Arbeitsplatz? "Das dient den Konsumenten zur Reflexion, aber auch als Grundlage für ein anschließendes Beratungsgespräch, falls das gewünscht wird", sagt Harrach.

Deutsche Drogenpolitik ist extrem konservativ

Die rot-rot-grüne Berliner Regierung ist überzeugt. Der Start des Drug-Checking-Projekts ist im Koalitionsvertrag festgehalten, jeweils 200.000 Euro für die Jahre 2020 und 2021 im Haushalt vorgesehen. Doch bisher verzögerte sich das Projekt immer wieder. "Es sind sehr viele Instanzen beteiligt", sagt Harrach. Das Justiz-, Innen- und Gesundheitsressort etwa, auch Staatsanwaltschaft und Polizei sind eingebunden. FDP und CDU kritisierten das Projekt stets - das Geld solle lieber in die Polizei- und Präventionsarbeit gesteckt werden, hieß es.

Auch aus dem Innenministerium und dem BKA kommt Kritik, sagt Suchtmediziner Preuß. "Man kann aber zu Recht mit Blick auf die Vergangenheit sagen, dass sich die Befürchtungen im Hinblick auf Änderungen an der diagnostischen Behandlungsstrategie - zum Beispiel die Substitution mit dem Ersatzstoff Methadon bei Heroinabhängigen - alle nicht bewahrheitet haben." Denn so schön der Gedanke auch sei, dass Opioidabhängige völlig abstinent werden, so unrealistisch sei er in vielen Fällen.

"Deutschland hinkt hinterher, die Drogenpolitik ist oftmals extrem konservativ. Sogar die sonst so 'konservative' Schweiz ist uns in vielem da voraus", sagt Preuß. Denn in vielen anderen europäischen Ländern gibt es das Drug Checking längst - neben der Schweiz etwa in Frankreich, den Niederlanden und im österreichischen Innsbruck. Dort hatte sich unlängst die Drogenbeauftragte Ludwig umgeschaut und sich anschließend überraschend positiv geäußert. "Damit können Konsumenten erreicht werden, die von der klassischen Suchtberatung nicht angesprochen werden", hatte sie der "Rheinischen Post" gesagt.

Rechtliches Gutachten gibt grünes Licht

Kann die CSU-Politikerin damit ein Umdenken in der deutschen Drogenpolitik einleiten? "Es würde mich sehr freuen, wenn sie in Fragen der Schadensminimierung ihren schönen Worten endlich auch mal gute Taten in Bayern folgen lassen würde", fordert Harrach. "Das betrifft einerseits Drug Checking und andererseits die Ermöglichung der in bayerischen Großstädten dringend benötigten Drogenkonsumräume." Harrach glaubt trotzdem, dass die Einführung von Drug Checking in allen deutschen Bundesländern nur noch eine Frage der Zeit ist. "Aber jetzt schauen alle erst einmal zu uns nach Berlin."

Dabei sollte das Drug Checking auch andernorts längst starten, in Hessen etwa wurde das Modellprojekt aber polizeilich unterbunden. Rechtswissenschaftler und Kriminologe Arthur Kreuzer, der viel zu Drogen und Suchtpolitik forschte, schrieb deshalb im Januar einen offenen Brief an Ludwig, Gesundheitsminister Jens Spahn und Justizministerin Christine Lambrecht. In diesem fordert er, "endlich die ausländischen Modelle und positiven Erfahrungen zur Kenntnis zu nehmen und wenigstens modellhaft auch hierzulande zu erproben, ob sich ein Modell des Drug Checking bewährt".

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In Berlin gibt es zumindest schon im Rahmen von Drogenberatung eine
Partydrogensprechstunde und Sonar, ein in der Partyszene tätiges
Präventionsprojekt. Hier können sich Konsumenten zu Fragen rund um ihren Konsum und ihre Lebenssituation beraten lassen. "Das geplante Drug Checking richtet sich über die Partyszene hinaus an alle Konsumenten illegaler psychoaktiver Substanzen", sagt Harrach. "Also auch an solche, die ihren Konsum eher im privaten Raum praktizieren oder Menschen aus der offenen Drogenszene." Ein solches Drug-Checking-Projekt gab es bereits in den 90er Jahren in Berlin, auch Harrach war damals an "Eve & Rave" in Zusammenarbeit mit dem gerichtsmedizinischen Institut der Charité beteiligt. 1996 wurde es allerdings "durch die Strafverfolgungsbehörden repressiv beendet", sagt Harrach.

Rechtlich ist diesmal alles in trockenen Tüchern, ein bei Rechtswissenschaftler Cornelius Nestler von der Universität Köln in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten gibt grünes Licht: "Auch wenn es sich um Substanzen handelt, deren Besitz ohne eine Erlaubnis zum Erwerb grundsätzlich strafbar ist, erlangen wir beim Drug Checking keinen Besitz, weil uns der 'Besitzwille', also die Möglichkeit, frei über die Substanz zu verfügen, fehlt", fasst Harrach das Gutachten zusammen. "Wir nehmen sie nur entgegen, um sie ins Labor zur Analyse und der damit einhergehenden Vernichtung zu bringen." Theoretisch kann es also losgehen. Bis Berliner tatsächlich ihre Drogen testen lassen dürften, könnte es aber noch eine Weile dauern.

Quelle: ntv.de