Leben

Heirat in den Zeiten von Corona Conni Köpp über Liebe, Chancen und Mut

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Conni Köpp in ihrem Element.

(Foto: CK)

Natürlich glaubt sie an die Liebe - wenn nicht sie, wer denn dann? Conni Köpp ist freie Traurednerin und erfüllt Paaren, die nicht in der Kirche heiraten wollen, den Traum von einer Feier, die ganz auf ihre Wünsche zugeschnitten ist. Bald kommt der Mai, der klassische Hochzeitsmonat, doch Corona macht den Verliebten und Köpp einen Strich durch die Rechnung. Wie sie die momentane Zeit erlebt und ob sie mehr Chancen sieht als Hindernisse, erzählt sie ntv.de.

ntv.de: Du bist Traurednerin, dein Auftragsbuch 2020 ist voll ab Wonnemonat Mai. Wie ist die Stimmung bei dir und den Paaren, wenn einer der schönsten Tage im Leben von Verliebten nun zu platzen droht? 

Conni Köpp: 2020 ist sicherlich das intensivste Trau-Jahr seit Jahren. Das Coronavirus hebelt die Welt aus seinen Angeln, die schreiend in den Wehen liegt und doch dabei ist, Neues zu gebären. Da ist die Natur, die sich erholen und endlich von uns aufatmen kann - und auf der anderen Seite ist da Schmerz, aus Sicht der Dienstleister und Paare, die gemeinsam beten, hoffen und kreativ nach spannenden Alternativen suchen, damit nicht jeder Traum gleich platzen muss. Das sind wohl die schönsten Nebenwirkungen bei einer weltweiten Krise: Zusammenhalt, Solidarität, weltweite Empathie und kollektive Kreativität.

Wie gehst du selbst damit um?

Ausgestattet mit Vertrauen, Optimismus und liebevoller Nähe zu meinen tapferen Paaren, die derzeit alle etwas miteinander verbindet: Hoffnung, Liebe - und natürlich mich. Wir Dienstleister rücken noch näher und intensiver an unsere Paare heran, trocknen virtuell ein paar Tränen, verteilen Mut und Zuversicht und basteln an Alternativen und Optionen, denn der Traum vom Heiraten bleibt und muss nicht automatisch platzen. Bisher bangen erst die Mai- und Juni-Paare und wollen diese um ein Jahr verschieben. Oder sie wollen an der Idee festhalten, den Termin in den stürmischen Herbst und romantischen Winter - zudem im engeren Kreis - zu verlegen. Das wäre natürlich - aus wirtschaftlicher und organisatorischer Sicht - die schönste Lösung gerade für alle Dienstleister.

Gewinnst du dem Ganzen auch etwas Gutes ab?

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Sie glaubt an die Solidarität und geht auch ungewöhnliche Wege: Conni Köpp.

(Foto: Anri Coza Photography)

2020 ist ein Meilenstein der Welt- und Menschheitsgeschichte! Alles neu! Alles anders! Alles möglich! Da finden Freie Trauungen plötzlich noch vor der Eheschließung auf dem Standesamt statt, wo derzeit großes Chaos herrscht. Locations bieten Verlegungen auf Ende des Jahres an, ohne übliche Stornogebühren. Alle sitzen im selben Boot und entweder gehen wir gemeinsam unter oder steuern in eine Zeit, die nach endlich mehr Flexibilität und Menschlichkeit schreit. Und solange Internet und Telefone nicht zusammenbrechen, können wir auf eine wunderbare Weise kommunizieren und zusammenwachsen. Jede Krise verlangt Opfer, die gebracht werden müssen, um etwas Besseres und Neues zu erschaffen, weil sich das Alte nicht mehr bewährt. Wenn wir verstanden haben, worum es im Leben wirklich geht, nämlich um Werte, die verschüttet lagen, macht die Krise deutlicher denn je, welche Haltungen Menschen einnehmen. Und so stehen sich Pessimisten und Optimisten gegenüber. Ich glaube aber, Optimisten reißen eher Pessimisten mit, statt umgekehrt. Es lebe die Solidarität, und es lebe die Chance! Und ich persönlich komme meinem Traum von winterlichen Trauungen näher - mit Fellen, Fackeln, Kamin und Kutschen. 

Wie ist die Stimmung unter den Kollegen?

Wenn bis vor Kurzem das Surreale, nicht Greifbare herrschte, die Enttäuschung und natürlich die Ängste wegen der wirtschaftlichen Verluste gerade der Auftrittskünstler und Großveranstalter dominierten, so setzten wir jetzt alle auf die uns versprochenen Hilfsgelder. Jeder von uns hofft, dass das Gros unserer Paare aufs Ende des Jahres verlegen, denn um ein ganzes Jahr zu verschieben, bedeutet Planungschaos, weil viele Buchungen für 2021 natürlich schon stehen. Wie können wir jedem gerecht werden? Wir gehen davon aus, dass es 2021 erstmals zu zwei Trauungen am Tag kommen kann, dass die Hochsaison bereits im März beginnt und auch Werktage eine Chance bekommen. Was sich jetzt aber enorm auszahlt, sind die tollen Vernetzungen untereinander, die Stütze, die wir für einander sind, als Mutmacher, Kraftspender, Ideengeber und Hoffnungsträger. Erstmals habe ich sogar begonnen, wieder zu beten.

Wie verändert sich gerade deine Arbeit?

Es ist verrückt! Es war schnell abzusehen, dass 2020 alle vorherigen guten Jahre sogar noch übertrumpft. Und ausgerechnet jetzt ereilt uns das Virus, das nahezu die ganze Welt lahm legt. Doch weiß auch mich zu wehren, indem ich mit den Paaren bespreche, wie sie an ihrem "Ja, ich will!" festhalten können. Und so wird eben die Nebensaison zum Schauplatz, werden bereits gravierte Eheringe um ein zweites Datum erweitert - um dieses historische Jahr, von dem man seinen Enkeln noch erzählen wird. Meine Paare verhalten sich vorbildlich und zuvorkommend, zahlen oder zahlten bereits die erste Hälfte meines Honorars. Traurig machen mich Berichte in Netzen über Paare und Dienstleister, die nur noch über Anwälte kommunizieren.

Was zählt jetzt besonders?

In Krisenzeiten müssen Liebe und Mitmenschlichkeit, müssen Solidarität und Fairness überwiegen. Zum Glück hatte ich in sechs Jahren nicht eine einzige Negativerfahrung. Weiter bin ich dankbar dafür, dass ich meinen Paaren allein über Telefonate und meine Website ein gutes Bauchgefühl vermitteln kann, wenn derzeit persönliche Kennenlerntreffen wegfallen. Schön auch, wie sich mein etwas unkonventionelleres Konzept gerade auszahlt, denn alle meine Paare sitzen aktiv an ihren Hausaufgaben und müssen sich sehr intensiv mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Vielleicht läuft ja im Hintergrund die Liebeslieder-Playlist, die ich für alle Paare auf Spotify erstellte.

Hast du finanzielle Ängste?

Mein Urvertrauen ist unerschütterlich. Je stressiger und unruhiger die Welt um mich herum, desto gelassener werde ich. 2015 hatte ich bereits alles verloren. Doch wenn man nichts mehr zu verlieren hat, dann kann man nur eines: Gewinnen! Genau so kam es dann. Ich weiß, dass jeder um mich herum betroffen ist, was alle noch näher zusammenschweißt. Es bedarf keiner Erklärung, wie es dem anderen geht, nur die Frage, wer was gerade braucht. Zurück zur Tauschwirtschaft!

Was sind deine konkreten Sorgen?

*Datenschutz

Ich ernähre meine Kinder allein. Insofern setze ich auf Flexibilität und Abenteuerlust meiner Paare: Warum nicht auch mal Trauungen um Mitternacht? Wie wäre es mit einer kleinen Trauung im engsten Kreise, die natürlich gefilmt wird, damit zur großen Party zum späteren Zeitpunkt alle über eine große Leinwand den Film schauen können. Das Virus steckt uns in ein großes Abenteuer, das seine Schatten weit voraus wirft. Egoismus ist das größte Gift - Zusammenhalt und Lösungen aber die Heilung, damit niemand ausblutet. Also, woran auch immer wir Dienstleister basteln - für die Paare und auch um unser eigenes Überleben - die Freie Trauung wird in diesem Jahr zu etwas historisch Besonderem, auch weil man nicht in schönen Zeiten "ja" zueinander sagt, sondern in der größten Krise, die wir je erfahren haben.

Wie bist du abgesichert?

Ich bin sicher, von Einigen aus der Branche belächelt zu werden, weil ich Absprachen nur per Handschlag treffe, also gerade jetzt - im schlimmsten Falle - nicht auf unterschriebene Verträge zurückgreifen kann. Das aber macht mir ebenfalls null Angst. Meine Paare haben mein Wort - und ich habe ihres. Wir vertrauen uns wie Verbündete. Sollte ich mich jemals getäuscht haben, hat meine weibliche Intuition versagt (lacht). Meine große Tochter hält derzeit mit vielen anderen Alltagshelden das Leben außerhalb der vier Wände am Laufen. 'Bescheidenheit ist eine Tugend' könnte jetzt das Motto unseres Lebens heißen, ja und? Ich kann doch nicht heulen, weil ich kein Sushi essen gehen kann, während mein Lieblingslokal ums Überleben kämpft.

Hast du Alternativen?

Sollte ich, entgegen aller Erwartung, dieses Jahr finanziell nicht überleben, kommt Plan B. Sprechen? Modeln? Texten? Und vielleicht Buch Nummer sechs? Ich bleibe im Vertrauen und nähre mich von einem Wunsch: Dass ich noch lange meine Berufung leben darf und Turteltauben glücklich machen kann.

Was kommt wohl nach der Krise?

(lacht) Babys? Trennungen? Anträge? Für alle drei Optionen habe ich das passende Angebot. Tatsächlich glaube auch ich, dass sich Beziehungen und das Familienleben verändert haben. Besonders Männer könnte es dabei noch intensiver treffen.

Warum?

(lacht) Wie hieß es gerade mit Freunden in einer Facetime-Gruppe? "Die Jungs werden sich noch umschauen und endlich hautnah erfahren, was ihre Frauen wirklich leisten". Als Mütter, Geliebte, Hausfrau, Köchin, Planerin, Erzieherin und Trösterin. Und entweder lieben sie genau dafür ihre Frauen noch mehr, oder Paare entlieben sich, weil sie es nicht gewohnt sind, so dicht aufeinander zu hocken, zu reden, zu harmonieren, sich miteinander zu beschäftigen und zu kommunizieren. Wie gut kannte man sich eigentlich? Welche Schnittmengen hat man? Untreue Männer können weder ihre Geliebten treffen noch sich beim Job die Eier schaukeln, nein - sie sind plötzlich Vollzeitdaddys. Und jetzt wird sich die Spreu vom Weizen trennen! (lacht) Hoffentlich aber wird gleichzeitig auch viel Nachholbedarf an Nähe befriedigt.

Was, wenn du und deine Redner erkranken?

Wir alle vermeiden natürlich persönliche Treffen, die finden jetzt in virtuellen Foren statt. Ich gebe zu, es hat bei mir noch genau zwei Ausnahmen gegeben, da ich auch Trauerrednerin bin. Ausgerechnet verstarb vor einigen Wochen jeweils ein Elternteil meiner besten Freundinnen. Doch geht es um die besten Freunde, gibt es keine Überlegung, auch wenn wir uns nicht wie gewohnt in den Armen liegen können. Das schmerzt am meisten, dass Corona die Bremse für ehrenvolle Abschiede ist. Dass eine Trauerrede für die Abwesenden gefilmt wird. Dass Schwerkranke in Krankenhäusern keine Besuche mehr bekommen dürfen, was nicht gerade zur schnelleren Genesung beiträgt. Zurück zur Frage: Sollten wir alle zeitgleich erkranken, mein Paar aber nicht, dann schicke ich eine andere Kollegen oder Freundin aus meinen Netzwerken. Meine Paare haben mein Wort, dass an ihrem gebuchten Tag die Trauung auch stattfindet. Und zur Not sitze ich hinter einer Glasscheibe. Meine Tasche ist zwei Wochen vor der Trauung gepackt, vorbereitet für den Ernstfall. Glauben will ich aber lieber an was Schöneres.

Mit Conni Köpp, verliebtereden.de, sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de