Leben
Der Oberkörper muss Eindruck machen!
Der Oberkörper muss Eindruck machen!(Foto: imago/Ikon Images)
Samstag, 28. April 2018

In Vino Verena: Das Geheimnis halbnackter Männer im Bad

Eine Kolumne von Verena Maria Dittrich

"Sweet Johnny", "Sveni84", "Beau39": Unsere Autorin hat sich auf einem Dating-Portal umgeschaut und ist - fasziniert. Was Akademiker und einsame Nasenlöcher mit bebenden Körpern und engen Höschen zu tun haben, lesen Sie hier.

"Guck mal, haste schon mal so riesige Nasenlöcher gesehen?" Ich bin mit einer Bekannten im Fitnesscenter. Alle Geräte sind belegt, die Hütte ist proppenvoll. Während wir darauf warten, dass die Sportsfreunde mit den ästhetischen Muskelbergen die Geräte freimachen, stöbern wir ein bisschen auf einer Dating-Plattform, bei der sie sich ganz frisch als "Mimi" angemeldet hat.

Mimi ist 37 und sagt, es sei in letzter Zeit immer schwieriger, Männer kennenzulernen. "Vielleicht bin ich verschroben. Ich habe das Gefühl, dass sich Singles heutzutage nur noch übers Internet kennenlernen." Am schlimmsten sei Tinder, "da wollen alle sofort bumsen".

Ich kenne mich mit Tinder zwar nicht aus, aber denke großspurig an die diversen Erfahrungsberichte, die ich über Dating-Portale gelesen habe. Tief sitzen die Vorurteile. Doch Mimi weiß zu begeistern und die Stoßzeit an den Geräten zu überbrücken. Sie zeigt mir, dass sie schon "45 Likes" erhalten habe und sieben Männer sie zur "Favoritin" erklärt hätten. Favoritin wofür, denke ich, aber man will ja nicht unhöflich sein und blöde Fragen stellen.

"Sieh dir Sweet Johnny an!"

So viele Singles, so viele Männer, die auf der Suche nach einer Frau oder einer Affäre unfreiwillig komisch sind, doch jedes suchende Töpfchen soll ja irgendwann auch sein Deckelchen finden. Die Dating-Plattform bekundet, Mimis "Beliebtheit" sei trotz "Likes" und "Besuchern" ziemlich mickrig, was daran liege, dass sie noch kein "Premium-Member" sei. Sie erhält Tipps, wie sie "beliebter" wird. "Spiele!", "Chatte mit neuen Männern!", "Sieh dir Sweet Johnny an!"

Video

Moment. Sweet Johnny? Das klingt doch interessant. Ausgerechnet jetzt schaut Mimi nach Männern, "die gerade in der Umgebung sind", was ich nicht verstehe, denn "die Männer in der Umgebung" sind ja die Rasierklingen-Schmuggler, die seit einer gefühlten Ewigkeit die Geräte in Beschlag nehmen und sich dabei im Spiegel anglotzen. Ich überlege, laut "Sweet Johnny!" durchs Fitti zu plärren.

Derweil ist der echte "Sweet Johnny" 19 Kilometer entfernt. Halbnackt liegt er in einem Vorgarten mit blühenden Narzissen. Neben ihm steht eine Dose Jack Daniel's und Cola. Sweet Johnny gibt an, Jurist zu sein, was höchstwahrscheinlich der Wahrheit entspricht, denn vermutlich hat er gerade einen dicken Fall gewonnen und feiert, wie das bei Anwälten gang und gäbe ist, nackig und mit Whiskey-Cola in seinem frühlingshaft angehauchten Vorgarten.

"Lass die Sonne deinen Körper verwöhnen!"

Mimi braucht keinen Anwalt, Mimi will nur jemanden fürs Herz. Bei vielen Suchenden steht hinter "Beruf" sowieso nur: "vorhanden". Beim Betrachten der "Singles in der Umgebung" fällt mir sofort Folgendes auf - und das liebe Männer soll nicht despektierlich klingen, aber: Was macht ihr nur für abgedrehte Selfies? Ich bitte um Erklärung.

Hier meine wissenschaftliche Selfie-Analyse: Von den Besuchern auf Mimis Profil fotografierten sich 47 Herren sehr nah von unten. Frau kann durch die Nasenlöcher direkt ins Oberstübchen durchgucken. Was aber ein weit verbreitetes Phänomen zu sein scheint: Sehr viele Männer fotografieren sich im Bad vor dem Spiegel. Ich verstehe natürlich die Intention, man(n) will ein bisschen Eindruck machen, ja, der Oberkörper kann sich sehen lassen. Aber!!! Das Bad ist meistens extrem ranzig. Es ist so mistig und versifft, dass man förmlich dabei zuschauen kann, wie der Schimmel aus den Fliesenfugen kraucht!

Dieses Oben-ohne-Ding scheint auch 'ne größere Nummer zu sein. Gern auch vor der geliebten Chrom-Karosserie. "The Fast and the Furious" wird bei der holden Weiblichkeit schon ziehen, scheint so mancher Bursche zu denken. "Sveni84" steht vor einer rustikalen Schrankwand und sammelt allem Anschein nach Bierkrüge; "Beau39" fläzt nackt in einem Bett, neben dem ein Staubsauger steht. Was hat "Beau39" mit dem Gerät vor? In Beaus Bude ist weit und breit kein Teppich sichtbar. Ich rede mir ein, dass er ja vielleicht seine Badematten absaugt, man soll ja nicht immer gleich das böse Kopfkino abspulen.

Derweil trudeln persönliche Nachrichten ein, etliche davon im modernen Stakkato-Style, einige aber auch im coolen Poetry-Slam. Hier Mimis prosaische Top Lyrics:

"Hey Mimi, na?"

"Na?"

"Lass die Sonne deinen bebenden Körper verwöhnen!"

"Bock zu bumsen?"

"Mimi, wo ist dein Krimi?"

"Du sieht nice aus, aber bist du auch so nice, wie du aussiehst?"

"Na du?"

"Oh, eine blinde Mimi!"

Mimi fragt jetzt tatsächlich, wieso der eine Typ schreibt, ihr Körper würde beben. Ich versichere ihr, dass der zu Hause garantiert jede Menge Pablo-Neruda-Bände stehen hat. "Ronny B", der Mimi versehentlich blind nennt, aber wohl blond gemeint haben dürfte, liegt vielleicht gar nicht mal so verkehrt. Denn meistens übersehen wir vor lauter Blindheit die Menschen, die uns zugeneigt sind. Auf seinem Profilbild sitzt Ronny in einer Küche. Im Regal hinter ihm sehr deutlich zu erkennen: ein veganes Kochbuch. Ronny hat seinen Zeigefinger lässig auf seinen Mund gelegt.

Wir fragen uns, warum der oberkörperfreie Ronny diese leicht verwegene "Pssst!"-Geste macht. Es hat was von Geheimnis. Doch das Rätsel ist schnell gelöst. Es kann sich nur um die drei Nummern zu enge, knallrote Badehose handeln, die er vermutlich heimlich weiter anzieht, obwohl seine Gattin die Buchse schon zigmal aussortiert hat und jedes Mal extrem Hasskappe schiebt, wenn sie ihn mit dem Teil erwischt. Aber weil der Ronny seine Frau ärgern will, weil die plötzlich meint, die vegane Küche zu favorisieren, zieht er das jetzt so lange durch, bis es wieder ordentliche Würste gibt. Denn Ronnys Interessen sind: "Steaks, Barbecue und Essen mit Freunden".

"Liebe und Gehacktes"

Auch "Jerome" macht einen sehr fetzigen ersten Eindruck. Sein Profilfoto zeigt den kernigen Jerome vor einem japanisch anmutenden, teuer aussehenden Messerblock. Bei genauer Betrachtung erkennbar: Ein Messer fehlt. Jeromes Armin-Mueller-Stahl-Blick ist sehr intensiv. Seine Interessen: "Liebe und Gehacktes".

Ansprechend wirkt auch "Danny", Traum vieler Schwiegermütter. Danny ist Arzt, genauer gesagt: Frauenarzt. Damit es zu keinerlei Verwechslungen kommt, sitzt Danny laissez-faire-mäßig und ganz in Weiß, inklusive weißer Socken, die aus schwarzen Birkenstocks hervorblitzen, auf dem Behandlungsstuhl, auf dem sonst die Patientinnen liegen. Sehr strange, dieser Dr. Danny. Man will ihn am liebsten sofort fragen, wie viele Damen ihm mit diesem Bild schon die Bude eingerannt haben.

Mimi und ich schauen uns die "Besucher", die sich in ihren Nasszellen ablichten, genauer an. So viele verschimmelte Fugen in Deutschlands Bädern, so viele große, einsame Nasenlöcher! Einige wollen aber auch nicht gleich zu viel über sich verraten: "Not too much information", schreibt "Mr. Nobody", bei dem unter Interesse steht: "Hohe Berge (Zwinkersmiley)".

"ChrisKross" liebt "Erforschen" und "Devotions", Künstler "Enno" sucht eine "reizbare Frau". Oh, eine neue Nachricht, diesmal von "Chris Heart": "Hallo, heißt du wirklich Mimi? Wenn du willst, bin ich dein Krimi."

Mimi - die reizbare Frau

Wir switchen rüber zu den Frauenprofilen, viele suchen wie Mimi "jemanden fürs Herz". Auch Frauen wollen - logo! - beeindrucken. Flunkern gehört überall dazu, cool sind die Verkorksten, die sofort sagen: "Ich bin zwar total verkorkst, aber ansonsten super!" In diesem Moment bin ich dankbar für den Mann zu Hause, der mich mit all meinen Marotten auf Händen trägt.

Endlich werden die Geräte frei. Doch plötzlich stellt sich ein Sportsmann mit schön definierten Oberarmen an unsere Seite und fragt, ob er uns beim Trizeps-Training behilflich sein soll. Und noch bevor Mimi "Nö" antworten kann, fügt er hinzu: "Nur so ein Tipp: Ihr Ladys nehmt immer zu wenig Gewichte! Der Muskel muss richtig ausgereizt werden. So haben Winkearme keine Chance. Ansonsten bleibt die Muskulatur erschlafft." Er will nur nett sein, er meint es wirklich nicht böse. Wir hassen ihn trotzdem auf der Stelle.

Während wir knurrend überlegen, wie wir ihn unauffällig ausschalten, fahren wir über unsere "erschlaffte Muskulatur" und gehen jede Wette ein: Der Typ hat zu Hause hundert Prozent Fugenschimmel. Und da ist er, aus heiterem Himmel - der erste Treffer auf der Dating-Plattform. Mimi ist gerade eine sehr "reizbare Frau" - perfekt für Künstler "Enno".

Quelle: n-tv.de