Leben

Ökodörfer und Gemeinschaften Die andere Art des Miteinanders

20081905.jpg

In Sieben Linden in der Altmark leben inzwischen fast 150 Menschen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jenseits der klassischen Familie finden sich Menschen immer häufiger in Kommunen oder Gemeinschaften zusammen, die miteinander leben und arbeiten wollen. Wie genau, das finden sie erst dabei heraus.

Die Menschen wohnen in Bauwagen, Jurten, alten Bauernhäusern oder modernen Strohbauten. Ihre Orte heißen Ökodörfer oder Gemeinschaften. Inzwischen ist diese Lebensform zu einer weltweiten Bewegung geworden, mehr als 12.000 gibt es schon, mehr als ein paar Dutzend allein in Deutschland. "Das Verbindende dieser intentionalen Gemeinschaften ist, dass die Menschen über die Familie hinaus gemeinschaftlich leben und arbeiten wollen", sagt Dr. Iris Kunze n-tv.de. Die Sozialgeografin und Soziologin forscht seit Jahren über diese neuen Formen des Zusammenlebens.

Eine Weile lebte sie sogar in Sieben Linden, einem Ökodorf in Sachsen-Anhalt. Nach Vorläuferprojekten wurde das "ganzheitliche Gemeinschaftsprojekt", wie es in der Selbstbeschreibung auf der Webseite heißt, 1997 gegründet. Ziel des Zusammenlebens in der Altmark ist laut einem Grundsatzpapier eine "sozial und ökologisch ausgerichtete Siedlung für bis zu 300 Menschen". Dabei sollen sich hohe Lebensqualität und ein möglichst kleiner ökologischer Fußabdruck miteinander verbinden.

Wie bei vielen dieser Modelle sind auch die mittlerweile fast 150 Bewohner von Sieben Linden genossenschaftlich organisiert, Wald, Garten- und Ackerland werden nachhaltig bewirtschaftet. Die produzierten Lebensmittel dienen zu einem erheblichen Anteil der Selbstversorgung. Schon mit diesem Ansatz stößt Sieben Linden an Grenzen. Denn rechnet man die investierte Arbeitszeit mit, ist die selbst angebaute Nahrung teurer als ein Einkauf beim Bio-Großhandel. Um ihre eigenen ökologischen Ansprüche zu leben, entschieden sich die Bewohner dennoch für diesen Weg.

Soziales Experimentierfeld

Schon daran sieht man, dass Sieben Linden wie viele Gemeinschaften viel mehr als eine ökologisch-ökonomische Zweckgemeinschaft ist. Denn es geht mindestens genauso sehr darum, Modelle zu entwickeln und Lösungen auszuprobieren, die auch anderswo funktionieren könnten. Viele sehen in den meist überschaubaren Gemeinschaften deshalb Zukunftslabore für ein menschlicheres Miteinanderleben. Kunze nennt sie ein "spannendes Experimentierfeld" mit umfangreichen Möglichkeiten mitzuwirken.

Ob diese neuen Formen des Gemeinsamseins mit reduzierter Privatsphäre und auszutragenden Konflikten lebbar sind, können Interessenten meist in einer Testphase erkunden. Die 2010 in der Nähe von Crailsheim in den früheren Wirtschafts- und Wohngebäuden einer Behinderteneinrichtung gegründete Gemeinschaft Tempelhof bietet deshalb eine längere Kennenlernphase an. Dazu gehören Wochenenden oder Einstiegswochen, in denen man bereits vor Ort lebt und an Projekten mitarbeitet. Später folgen sogenannte Gemeinschafts-Intensivprozesse, sieben- bis zehntägige Zusammenkünfte, bei denen es beispielweise um Distanz und Nähe oder die Persönlichkeitsentwicklung in der Gemeinschaft geht. Am Ende eines mindestens 12-monatigen Prozesses steht eine Konsens-Entscheidung, ob man zusammenpasst oder nicht.

Mitglieder des Tempelhofes zahlen dann eine Einlage von 30.000 Euro, dafür haben sie ein Wohnrecht. Für die Gemeinschaftsverpflegung werden 250 Euro im Monat fällig, Wohnraum kostet pro Quadratmeter 5 Euro warm. Wer kommt, muss prinzipiell in der Lage sein, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. "Grundsätzlich streben wir eine gemeinsame Ökonomie an, die Aspekte von Geben, Nehmen und Schenken wieder sichtbarer machen kann", heißt es auf der Webseite der Gemeinschaft. Mitglieder, die im und ausschließlich für den Tempelhof arbeiten, erhalten schon jetzt ein Bedarfseinkommen.

Die Kultur des Schenkens, der Verzicht auf Geld und allzu viele individuelle Besitztümer kennzeichnen viele der Ökodörfer. In der Kommune Niederkaufungen, die seit mehr als 30 Jahren existiert, bilden die etwa 80 Mitglieder sogar eine komplette Vermögensgemeinschaft. Alles Geld, was in den Handwerksbetrieben, der Kita, der Pflegeeinrichtung für Demenzkranke, in der Landwirtschaft und dem dazugehörigen Hofladen erwirtschaftet wird, fließt in einen gemeinsamen Topf. Auch alles Vermögen der Mitglieder geht in die Gemeinschaftskasse. Wer etwas braucht, nimmt sich das Geld dafür. Ausgaben über 150 Euro werden ausgehängt, damit die anderen widersprechen können, wenn sie wollen. Über die Jahrzehnte hat die Kommune in Nordhessen immer Plus gemacht, trotzdem bleibt sie mit diesem radikalen Ansatz in dieser Größenordnung die Ausnahme.

Grundfragen mit herausfordernden Antworten

ANZEIGE
Jenseits von Wachstum und Nutzenmaximierung:: Modelle für ein gemeinwohlorientiertes Wirtschaften
EUR 19,80
*Datenschutz

Vor allem in ländlichen Gebieten gründen sich immer wieder neue Gemeinschaften, doch nicht allen ist ein so langes Leben beschieden wie Sieben Linden oder Niederkaufungen. "Die Hürden, sie am Laufen zu halten, sind hoch", sagt Sozialforscherin Kunze. Sich ein Gemeinschaftsleben quasi völlig neu zu erarbeiten, ist herausfordernd. Wie soll gewohnt werden? Was wird geteilt, was nicht? Wie organisiert man sich, trifft Entscheidungen?

Weil jeder diese Fragen für sich anders beantwortet, spielen in den Gemeinschaften gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien eine große Rolle. In vielen unterschreiben Neuankömmlinge einen Schiedsvertrag, in dem sie sich verpflichten, sich im Streitfall einer Mediation zu unterziehen. Oft gibt es nach jahrelanger Erfahrung entwickelte Regeln, wie Entscheidungsprozesse am effektivsten und verträglichsten laufen. Entschieden wird dann im sogenannten Konsent, also dann, wenn es keine schwerwiegenden Einwände gibt. Manche Gemeinschaften entscheiden aber auch erst, wenn wirklich alle dafür sind.

Vor Jahren hat Kunze untersucht, was Menschen in die Gemeinschaften zieht. Auf Platz drei der Motive landete der Wunsch nach Persönlichkeitswachstum. Platz zwei war die Suche nach finanzieller und sozialer Heimat und Geborgenheit. Für die Wissenschaftlicher überraschend war jedoch Platz eins. Die meisten erhoffen sich in dieser Lebensform mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Ausgerechnet in der Gemeinschaft liegt für viele der Schlüssel zur größten individuellen Freiheit.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema