Leben

Aus der Schmoll-Ecke "Die blöde Fotze" - unter meinem Balkon

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Auf dem Balkon erfährt man mehr vom Leben anderer, als einem lieb ist.

(Foto: Thomas Schmoll)

Wer sich ein Bild davon machen will, wie aggressiv unsere Gesellschaft geworden ist, der möge sich einen Sommer lang auf einen Berliner Balkon setzen. Unser Autor hat es getan und täglich Gemecker, Gemotze und Gewaltandrohung beobachtet.

Böse, böse Überschrift. Bitte beruhigen Sie sich und verwerfen Sie den Gedanken, Ihre Computertastatur oder - die älteren unter Ihnen - Ihren Füllfederhalter zu bemühen, um eine Wutmail oder einen Protestbrief an die Redaktion von n-tv.de zu verfassen. Meine Nachbarin unter mir ist nicht gemeint. Sie ist eine verhuschte, langweilige und introvertierte Dame, die sich kleidet, als wäre sie aus der Zeit gefallen. Da diese Charaktereigenschaften bisweilen auch auf mich zutreffen und ich allem Modischen vor Jahren entsagt habe, darf ich das über die Frau schreiben.

Blöde Fotze sagt man nicht. Man muss heftig einen an der Waffel haben, eine Frau in dieser Art und Weise zu beschimpfen. Der blöde Brüllheini unter meinem Balkon hat es getan. Ich habe keine Ahnung, wer der Neandertaler war. Sicher ist nur: Er ist einer von den viel zu vielen Deutschen, denen Facebook zur Verbreitung ihres verbalen Mülls nicht (mehr) genügt und die sich deshalb im wahren Leben austoben.

Ich arbeite daheim. Nämlich auf dem Balkon. Ich hocke dort von den ersten warmen Tagen im Frühling bis zum Spätsommer, malträtiere mein Laptop und verziehe mich maximal zum Telefonieren ins Innere meiner Höhle. Ich wohne in - oder besser: über - einer Fahrradstraße. Die soll - wie der Name suggeriert - Fahrradfahrer bevorzugen. Was aber kein Schwein interessiert. Schon gar nicht die Polizei, die hier nie oder nur mal eben so kontrolliert. Sie kommt nur, wenn es gilt, einen der unrechtmäßig besetzten Behindertenparkplätze freizuräumen oder einen Mord aufzuklären.

Ein Mord geschah vor einigen Monaten in einem Haus der Nachbarschaft. Dass noch niemand auf der Fahrradstraße umgebracht wurde, ist ein Wunder und obendrein nur eine Frage der Zeit. Sie glauben nicht, geschätzter Leser, wie es dort zugeht. Geschützt in der Sicherheitszone meines Balkons habe ich es erlebt und kann bezeugen: Unsere Gesellschaft verroht tatsächlich. Jeden Tag brüllen sich wildfremde Wilde an, beschimpfen sich aufs Übelste und drohen sich gegenseitig das Zufügen körperlicher Schäden an. "Ich steig gleich aus und hau dir eine in die Fresse!", sagt der eine, während der andere empfiehlt: "Steig aus deinem Auto, dann hau ich dir eine in die Fresse!"

Kinder und Eltern brüllen wie am Spieß

Gar nicht erst berichten möchte ich von Zehntausenden überforderten Eltern unter meinem Balkon, die den Widerstand bockiger Kinder mit Gewalt brechen, in dem sie die armen Wesen am Arm packen und durch die Gegend zerren. Oder Väter und Mütter, die mit dem Entzug von Aufmerksamkeit ("Dann gehe ich eben allein zu Oma") oder Süßwaren ("So, heute gibt es kein Eis") drohen in der Hoffnung, ein Kind vom Heulen abzubringen. Dabei wird gerade dann aus dem Heulen ein Kreischen, ein Schreien lauter als die Sirene eines Rettungswagens. Welches Kind will schon gerne allein gelassen werden oder auf ein Eis verzichten müssen? Also brüllt es wie am Spieß, bis Mutter oder Vater es dann halt doch mit zur Oma nehmen und/oder ein Eis zusagen.

Nun denken Sie sicher an Neukölln, den Wedding oder einen anderen sogenannten Problembezirk in Berlin. Ganz falsch, ich wohne im bürgerlichen Wilmersdorf, einem Stadtteil, den ich als hochgradig langweilig einstufen muss, weshalb ich hier gerne lebe. "Brennpunktschulen" und arabische Clans haben wir nicht, soweit ich informiert bin. Aber vielleicht ist es genau das, was die Aggression fördert. Die Langeweile. Es fehlt an Action. Möglicherweise geht es den Gutbürgerlichen zu gut. Ich weiß es nicht.

Was ich allerdings herausgefunden habe, ist: In den Streits geht es jeweils um: NICHTS. Der eine ist ein Arschloch, weil er beim Einparken länger braucht, als es der andere nach seinen Maßstäben für richtig hält. Jemand ist ein Vollidiot, weil er sich und sein Fahrzeug oder Fahrrad nicht in Luft auflösen kann. Das Vergehen der Frau, die als blöde Fotze beschimpft worden war, konnte ich übrigens nicht ermitteln. Wahrscheinlich hat sie besagtem Neandertaler auf dem Weg zu einem wichtigen Termin, bei dem es um die Schaffung von fünf Millionen Arbeitsplätzen ging, einen Zeitverlust zwischen 30 und 60 Sekunden beschert.

Klimaanlagen sind eine Lösung

Da im Hochsommer das verbale Gemetzel unter meinem Balkon noch zunahm, wollte ich wissen, ob ein Zusammenhang zwischen Hitze und Aggression existiert. Also habe ich gegoogelt. Als erster Treffer wurde ein kompetentes Medium angezeigt: die "Apotheken-Umschau". Der Artikel mit der Überschrift "Macht Hitze aggressiv?" ist mit einer Frau bebildert. Sie könnte aus der Zalando-Werbung sein und vor Glück schreien. Das täuscht. Unter dem Foto steht: "Schreien vor Wut: Bei Hitze brennen die Sicherungen leichter durch." Aha! Warum die Frau Wut hat, geht aus dem Text leider nicht hervor. Ihre Zähne und Haare können nicht der Grund sein. Die sind top.

Im Vorspann heißt es: "Wie wirkt sich der Klimawandel auf unsere Aggressionen aus?" Nun ist der Klimawandel also auch für die zunehmende Aggression in der Gesellschaft verantwortlich. Die Spirale der Aggression geht wie folgt: Autofahrer erzeugt Schadstoff, Erderwärmung beschleunigt sich, der Sommer wird noch heißer, Autofahrer wird noch aggressiver und ist am Ende selbst schuld, dass er Frauen als blöde Fotze bezeichnet. Dieser Aspekt des Klimawandels wird meiner Meinung nach viel zu wenig diskutiert.

In dem Artikel der "Apotheken-Umschau" heißt es: "Je nach Situation kann Hitze verschiedene Gefühle auslösen. Badegäste freuen sich über den Sonnenschein. Wenn im Auto oder im Büro hingegen die Klimaanlage fehlt, werden heiße Tage zur Belastungsprobe für die Nerven." Ich habe der Bezirksverwaltung Wilmersdorf eine Mail geschickt mit der dringenden Bitte, spätestens im März das Straßenverkehrsschild "Fahrradstraße" um den Hinweis zu ergänzen: "Nur für Autos mit Klimaanlage" sowie "Klimaanlage einschalten". Ich hoffe, dass es hilft und der Sommer 2019 friedlicher wird. Ich weiß natürlich, dass das Einschalten der Klimaanlage den Klimawandel nur noch beschleunigt und damit Aggression in meiner Straße weiter zunehmen könnte. Aber einen Tod müssen wir eben sterben.

Quelle: n-tv.de

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