Leben

Der "dritte Pädagoge" Ein Wal wird in Italien zur Kinderkrippe

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In der "Balena"-Kinderkrippe gibt es keine blickdichten Trennwände.

(Foto: Moreno Maggi)

Im norditalienischen Guastalla lassen sich Architekten beim Bau einer Kinderkrippe von der Geschichte um eine freche Märchenfigur inspirieren. Die Kinder fühlen sich sofort wohl. Die Erzieher sind irritiert - aber nur kurz.

Was der Struwwelpeter für deutschsprachige Kinder ist - oder mittlerweile eher war -, ist und bleibt in Italien bis heute die Geschichte von Pinocchio. Auch der kleine Hampelmann treibt so manchen Schabernack. Letztendlich landet er zusammen mit dem Tischlermeister Geppetto, der ihn aus einem Holzstück geschnitzt hatte, im Bauch eines Wals. Aber Pinocchio hat die Chance, seine Fehler einzusehen und zu bereuen, und verwandelt sich über Nacht in einen wohlerzogenen, geschniegelten Jungen.

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Die Kinder fühlten sich sofort wohl.

(Foto: Moreno Maggi)

Beim Struwwelpeter gibt es kein Happy End. Bei Pinocchio schon, weswegen sich seine Geschichte auch ganz anders verwerten lässt. Das kann man an der Kinderkrippe "La Balena" (der Wal) sehen, die sich in Guastalla befindet, einer Gemeinde in der norditalienischen Provinz Reggio Emilia. Die Gegend wurde 2012 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht, bei dem auch zwei Kinderkrippen gänzlich zerstört wurden. Die Gemeinde beschloss, auf dem Areal eine neue Einrichtung zu errichten und beauftragte das Architektenbüro MCA Architetti. Dessen Gründer Mario Cuccinella zählt zu den international renommiertesten Architekten Italiens, besonders was seine Forschungen im Bereich der Nachhaltigkeit betrifft.

Gespür für Träume, Freuden und Ängste

Für Kinder zu bauen, ist eine ganz andere Herausforderung, als Wohn- oder Bürogebäude zu entwerfen. Nicht weil es leichter oder schwerer ist, sondern weil es so etwas wie ein Reset erfordert. So zumindest stellt man sich das als Laie vor. Das stimme auch, aber nur zum Teil, meint der Projektleiter der "Balena"-Krippe, Marco Dell'Agli, im Gespräch mit ntv.de. Denn Kinder seien wir ja alle einmal gewesen und so ein Auftrag biete die einmalige Gelegenheit, für eine kurze Zeit wieder in die Kinderschuhe zu schlüpfen, "die Wünsche, die Freuden aber auch die Ängste von damals wieder auszugraben". Und das sei doch schön.

Aber sie wollten den Kleinen nicht nur eine neue Krippe bauen, sondern auch ein Geschenk machen, fährt Dell'Agli fort. Und so entstand die Idee, eine Geschichte in ein Erlebnis umzuwandeln. "Die Wal-Episode aus Pinocchio eignete sich bestens dazu, sich in einen Raum zu verwandeln, in dem Kinder herumtollen und sich wohlfühlen."

Die Struktur des Wal-Kindergartens ist ganz aus Holz, also 100 Prozent nachhaltig und erdbebensicher. Interessant ist außerdem, dass der Bau in gewisser Weise an ein Spiel erinnert, bei dem die fertigen Elemente eins nach dem anderen aufgestellt werden. Die Konstruktionsweise mit Fertigbauelementen hat es außerdem ermöglicht, die Krippe in nur einem Jahr fertigzustellen und die Kosten zu begrenzen. Die beliefen sich samt Innenausstattung auf circa 1500 Euro pro Quadratmeter. "So sah es die Ausschreibung vor", erklärt der Architekt.

Der abgerundete, buchtenähnliche Innenraum gleicht einer beschützenden Umarmung. Das soll den Kindern Sicherheit vermitteln und sie gleichzeitig zu selbständigen Schritten animieren. Doch während die Kinder sich im Wal sofort wohlfühlten, gab es seitens der Institutionen anfangs einige Bedenken. "Die Gesundheitsbehörde meinte, solche abgerundeten Wände könne man in einer Krippe auf keinen Fall verantworten, da sie gefährlich sein könnten", erzählt Dell'Agli. "Die Kinder begriffen stattdessen sofort, dass sich diese Flächen aber bestens zum Rutschen eigneten."

Grenzenlos schön

Auch das Fehlen von blickdichten Trennwänden zwischen den sechs Gruppen war anfangs ein Problem - in diesem Fall für die Erzieherinnen und Erzieher, die an traditionelle Räume gewohnt sind. Ihnen war der offene, von Licht durchflutete Tunnel, in dem die sechs Gruppen nur von einer Glaswand voneinander getrennt sind, nicht geheuer. Sie befürchteten, Blicken von außen und aus den anderen Gruppen ausgesetzt zu sein, und wollten Vorhänge anbringen. Dazu aber kam es nicht. Das ungute Gefühl war schon nach wenigen Tagen verflogen.

Vom wichtigsten italienischen Umweltschutzverband wurde die "Balena" mit dem Preis "Grenzenlose Schönheit" ausgezeichnet. Die Begründung lautet: "Ein gut entworfener Raum kann nach der Familie und den Erziehern zum dritten Pädagogen werden."

Wenn man an die vielen noch aus den 60er- und 70er-Jahren stammenden Kindergärten denkt, könnte das zu der Schlussfolgerung führen, dass die "Balena"-Krippe ein Standardmodell für künftige Neubauten werden könnte. "Wir haben schon Anfragen sowohl aus Italien als auch aus dem Ausland", erzählt Dell'Agli. Es sei aber nicht immer möglich, ein Architekturmodell eins zu eins woanders nachzuahmen. "Die 'Balena' würde sich zum Beispiel für Gebiete mit höheren Temperaturen nicht eignen." Aber es gibt ja Märchen in allen Breitengraden. Und dazu auch das geeignete Baumaterial.

Quelle: ntv.de

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