Leben

Ute Cohen über sexuelle Gewalt "Er berührte mich meist ganz beiläufig"

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Ute Cohen: "Ich habe eine Verletzlichkeit, ich bin verwundet. Aber ich lasse mich nicht darauf reduzieren."

(Foto: privat)

Ein Thema, um das die meisten Menschen gerne einen großen Bogen machen: Sexueller Missbrauch von Kindern. Doch zu oft noch geschieht es mitten unter uns, täglich, nebenan, in der Familie, bei Freunden, in der Schule, im Sportverein. Oft wollen wir nicht wahrhaben, was da passiert. Eine, die den Finger immer wieder in die offene Wunde legt - vor allem in ihre eigene - ist Ute Cohen: Schriftstellerin, Journalistin, Mutter, lebensfroh und lebensnah, fleißig und erfolgreich. Keine gebrochene Frau, kein Opfer - trotz allem, was der 54-jährigen Linguistin in ihrer Kindheit und Jugend passiert ist. Doch sie hat sich befreit. Und spricht darüber, in diesem Fall mit ntv.de.

Triggerwarnung: Im folgenden Interview werden sexualisierte Gewalthandlungen und deren Folgen für Betroffene geschildert, die belastend und retraumatisierend sein können.

ntv.de: Was war ausschlaggebend, um über die Vergewaltigungen, die dir in deiner Kindheit angetan wurden, zu sprechen?

Ute Cohen: Zuspruch bekam ich von jüngeren Leuten, Freunden und früheren Schulkameraden, die entsetzt waren ob ihrer eigenen Ahnungslosigkeit. Sie haben nichts geahnt. Wie auch? Ich war damals eine Meisterin des Verbergens. Es fällt mir nicht mehr schwer, darüber zu sprechen. Ich habe so lange geschwiegen. Es war bitter nötig, diese Omertà - dieses Schweigegesetz - zu durchbrechen. Ich würde mich sogar mit Tätern unterhalten, gerade mit meinem Hintergrund, weil ich wissen will, was in deren Köpfen vorgeht.

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Ute Cohen bei einem Pressetermin in Gunzenhausen, wo sie zur Schule gegangen ist.

(Foto: privat)

Gab es auch negative Reaktionen?
Die Mutter einer früheren Schulfreundin meinte: "Wie kann denn die Ute einen angesehenen Geschäftsmann so durch den Dreck ziehen. A Schand is des." Viele Leute wollen das nicht wirklich wissen.

Ein Ergebnis der psychischen und sexuellen Gewalt, der du in deiner Kindheit und Jugend ausgesetzt warst, ist, dass du gelernt hattest, etwas zu verleugnen, auch später noch - zum Beispiel, wenn dein Mann dich betrog.

Der Wahrheit nichts ins Auge blicken - das konnte ich sehr gut (lacht). Ein Satz, und ich war besänftigt, ein "ich liebe nur dich" - und ich habe verziehen. Ich hatte schon früh "gelernt", mit Trugbildern zu leben, "seine Wahrheit" meiner eigenen Wahrheit unterzuordnen. Sobald bei mir Zweifel aufkamen, setzte mein Ex-Mann seine Strategie des "perversen Narzissten" durch.

Die bedeutet ...

Die bedeutet, dass, wenn du einem wie ihm nicht glaubst, du dann selbst die Schuldige bist. Denn du bist das Monster, das den anderen kontrolliert. Du bist eine Schnüfflerin, und das darf man in einer Beziehung, in der Vertrauen herrschen sollte, ja nicht.

Es ist also eine Umkehrung der Verhältnisse ...

Ja. Wenn du den anderen kontrollierst und etwas herausfindest, bist du mies dran, und wenn du es nicht tust auch - welche Wahl hast du? Wenn man von einer anderen Person abhängig ist, sei es gefühlsmäßig, sei es, weil man Kinder hat oder sei es, weil man geschäftlich verbandelt ist, kann man sich schwer aus dieser Situation herauslösen

Warum ausgerechnet du?

Frauen mit einem anderen Hintergrund fallen auf solche Typen gar nicht erst rein. Frauen mit meinem Hintergrund schon eher. Wenn ein Mann dir Gedichte schreibt? Was willst du da machen (lacht). Das ist doch romantisch - bis du rausfindest, dass er dasselbe Gedicht, leicht abgewandelt, auch anderen Frauen schickt.

Heute stehst du da drüber, aber es war ein langer Weg, so selbstbewusst zu werden, oder?

Es ist nicht leicht, sich weiter zu entwickeln, weil du wegen der Konditionierung, die mit dir in deiner Jugend stattgefunden hat, immer wieder diese gefährliche Melange suchst. Ich habe mich immer wieder zu solchen Männern hingezogen gefühlt: Genussmenschen, die nach außen strahlen, die dich vereinnahmen, die dich aber auch total okkupieren, sich bei dir einnisten und dich zu einem Wesen machen, das sie sich selbst erschaffen wollen.

Du bist nicht dagegen angekommen?

Das ist eine Art Reflex. In einem Alter, in dem meine Freundinnen sich ausprobiert haben, habe ich nach Männern gesucht, die mich zur Lolita machten.

Wir wollten vor allem über die Zeit sprechen, in der du als Kind missbraucht wurdest ...

Und dieser Missbrauch beginnt schon bei der Sprache: Die Worte 'Missbrauch' oder 'Misshandlung' gehören zur Tätersprache, ich weise diese Begriffe zurück. Jemanden zu MISShandeln setzt voraus, dass du jemanden BEhandeln kannst - kannst du ein Kind BEhandeln? Ich spreche lieber von sexueller Gewalt, auch psychischer Gewalt. Denn es ist eine subtile, pervers narzisstische Gewalt, die da ausgeübt wird.

Wie fing das an?

Es fing damit an, dass ich zwei Mädchen kennen lernte, die zu meinen besten Freundinnen wurden, und die kamen, im Gegensatz zu mir, aus einem sehr offenen Haushalt. Dort wirkte alles leicht und fröhlich. Sie hatten ein Schwimmbad, der Vater brachte uns Eis an den Beckenrand. Er fuhr ein Mercedes-Cabriolet, trug offene Hemden, eine coole Sonnenbrille, man sammelte Antiquitäten - das war eine andere Welt für mich, die neunjährige Ute. Zwei, drei Jahre später hatte er es geschafft, für mich eine Art Vaterersatz zu sein: Er nahm uns Mädchen mit auf Baustellen - er war Architekt - und er hat uns Dinge gezeigt und erklärt, auch seinen Töchtern, als wären wir erwachsen, als würde er uns wirklich ernst nehmen.

Warum brauchtest du einen Vaterersatz?

Dieser Mann war komplett anders als mein Vater, der schwer herzkrank war, ein Kommunist obendrein, und das in Bayern (lacht). Ein Außenseiter, intellektuell zwar, jedoch ohne studiert zu haben. Sehr inspirierend war er allerdings, gelernter Automechaniker, hatte Platon mit 18 gelesen, aber er war leider auch sehr frustriert.

Und deine Mutter?

Die hat immer nur gearbeitet. Mein Vater war ja Frührentner, einer musste das Geld ranschaffen.

Bei der Familie deiner Freundinnen hingegen herrschten keine Geldsorgen ...

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"Und jetzt ein Foto!", rief er plötzlich. (...) Sie hüpften zurück in die Wanne, pressten den Bauch an den Rand und legten das Kinn auf die aufgestützten Hände. (...) Untertauchen wollte sie und starrte doch wie gebannt in die schwarze Öffnung. (...) Seine Wimpern aber robbten unaufhaltsam an ihre dampfende Haut heran (...)." (aus: "Satans Spielfeld")

(Foto: privat)

... genau, alles war leicht und hell. Das war anziehend für mich, vor allem als Teenager. Wenn die Sinnlichkeit erwacht, dann kannst du das zuerst nicht einordnen, manches hältst du selbst bloß für eine Schwärmerei, die sich normalerweise von selbst wieder einrenkt. Wenn eine Jugendliche jedoch auf einen Mann trifft, der diese Steuerung für sie übernimmt, dann ist das etwas anderes.

Wie sah diese Steuerung aus?

Er hat mich plötzlich im Flur an sich gezogen und mir einen Zungenkuss gegeben. Seine Frau saß nebenan, die Kinder spielten in einem anderen Zimmer, sie warteten auf mich, ich war wie gelähmt.

Was hat das mit dir gemacht?

Er hat seine Macht demonstriert: Schau, ich kann mit dir anstellen, was ich will, obwohl meine Familie nebenan ist. Und er hat mir zu verstehen gegeben, dass ich sowieso nicht handeln werde, denn sonst hätte ich es in dem Moment ja schon getan. So begann das.

Wie ging es weiter?

Es waren Kleinigkeiten: Er rief mich zu sich ins Büro, weil ich von dort mit meinen Freundinnen telefonieren konnte, die in der Woche im Internat waren.

Warum warst du überhaupt dort, bei ihm?

Weil ich unbedingt mit seinen Töchtern befreundet bleiben wollte. Ich hatte nicht viele Freundinnen. Und ich durfte dort so lange telefonieren, wie ich wollte. Er berührte mich meist ganz beiläufig, und er erpresste mich dann immer damit, dass, wenn ich etwas sagen sollte, ich seine Töchter nie wiedersehen und mir sowieso niemand glauben würde. Vor allem aber erpresste er mich damit, dass mein Vater, der für ihn gelegentlich fotografierte, nie wieder einen Job bekommen würde.

Also - wer glaubt einem jungen Mädchen eher als einem angesehen Mann, der mit den CSU-Größen der fränkischen Heimat verbandelt war.

Genau, ich verspürte eine extreme Minderwertigkeit, denn wer war meine Familie schon im Gegensatz zu seiner? Wir waren Außenseiter. Und ich wollte dazugehören.

Du konntest mit niemandem reden, nehme ich an.

Mit niemandem. Mein Vater hätte den umgebracht, und meine Mutter hätte versucht, das zu leugnen, sie hätte Angst gehabt vor dem "was die Leute denken". Geschwister habe ich keine. Es war ein schleichender Prozess, während dessen er es geschafft hat, mich gefügig zu machen.

Der Grund, dass du ihm immer wieder über den Weg gelaufen bist, waren also deine Freundinnen?

Ja. Da war ich elf, zwölf, dreizehn. Er hat dann Zeichen gesetzt: "Wenn die Gardine so hängt, dann komm da hin, wenn die Gardine anders hängt, dann dort hin". Meine Konditionierung hatte begonnen. Ich wollte meine besten Freundinnen behalten. Und ich hatte immer Angst davor, noch mehr eine Ausgestoßene zu sein als sowieso schon durch meine Eltern. Meine Freundinnen kamen jedes Wochenende aus dem Internat nach Hause, da zog es mich also immer wieder hin.

Sonst hättest du ja keinen Grund gehabt, zu ihm zu gehen …

Es ist nicht einfach zu verstehen für Außenstehende, es lässt sich tatsächlich nicht mit der Ratio erklären. Wenn du manipuliert wirst, dann wird mit deinem Unterbewusstsein gespielt. Bei mir wurden da Einzigartigkeit, Schutzbedürfnis und Vertrauen getriggert, meine Eltern selbst kamen mir ohnmächtig vor. Ich habe versucht, dieses Urvertrauen, das ich bei ihnen nicht hatte, woanders zu spüren.

Die sexuelle Gewalt dauerte über mehrere Jahre an …

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"Schreiben ist befreiender als reden. Einerseits bricht sich da etwas Bahn und drängt an die Oberfläche, andererseits ist man zu einer bestimmten Form gezwungen. Durch Schreiben gestaltet man die Vergangenheit neu und bekommt so die Wirklichkeit in den Griff. Sich das Leben erschreiben zu können, ist tröstlich." (Ute Cohen bei Aufnahmen zu ihrem Hörbuch)

(Foto: privat)

Ja, es gab eine "Pause", aber dann ist es noch einmal passiert, an einem See, wo er mir gesagt hat, schrei' doch, es hört dich hier sowieso keiner. Er hatte mich wieder unter einem Vorwand dorthin gelockt. Ich dachte damals, er wolle sich entschuldigen, aber er vergewaltigte mich. Ich war auch mal mit der Familie im Urlaub, dachte, da könne mir nichts passieren. Aber er zog mich aus dem Zimmer an den Strand. Ich weiß nicht, ob er seinen Töchtern ein Schlafmittel verpasst hat. Ich war irgendwann jedenfalls so traumatisiert, dass er es mit der Angst zu tun bekam, wir fuhren nach Hause.

Was haben deine Eltern gesagt, als du es ihnen eines Tages erzählt hast?

Ich habe es meiner Mutter, seinen Töchtern und seiner Frau erzählt. Später. Da habe ich schon Abitur gehabt. Seine Frau hatte ein gutes Verhältnis zu mir. Sie wurde auch von ihm missbraucht. Sie war dann sehr schockiert. Sie wusste aber, was für einer er ist. Sie hat ihre Töchter nicht umsonst ins Internat geschickt, denke ich. Sie hat es dann ihren Töchtern erzählt, meinen Freundinnen. Und die eine hat dann nur gesagt: "Mit unserem Vater ins Bett gehen aber mit uns befreundet sein - das geht nicht." Da waren wir alle zwanzig. Sie haben Jura und Psychologie studiert. Unsere Freundschaft war dann natürlich beendet.

Die Frau ist bei ihm geblieben?

Ja. Vorerst, sie haben sich später getrennt.

Und die Töchter haben nie gemerkt, wie ihr Vater drauf war?

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Ich glaube, man kann sich sehr lange in der Selbstverleugnung einrichten, wenn man einen anderen liebt. So wie Kinder ihren Vater eben lieben, dem traut man so etwas nicht zu. Ich habe meine Eltern ja auch sehr geliebt, aber sie waren überfordert vom eigenen Leben, dass ich sie nicht noch mehr belasten wollte. Meine Mutter hat zu mir später nur gesagt: "Vergiss es, Kind." Ich mache es meinen Eltern nicht zum Vorwurf, aber umso mehr plädiere ich dafür, Kinder zu stärken! Dass man sie in ihrer Eigenwahrnehmung unterstützt, zum Neinsagen erzieht, ihnen Vertrauen ins eigene Handeln beibringt!

Ist in den letzten dreißig Jahren da etwas passiert, gibt es mehr Aufklärung?

Auf jeden Fall sind wir weitergekommen. Es gibt Organisationen, die sich des Themas annehmen. Das ist aber schon wieder fast eine Institutionalisierung des Themas Missbrauch. Es wird eine Art Selbstläufer, ein Business. Hindernisse für Betroffene gibt es immer noch, und die Zahl der Fälle sexueller Gewalt erhöht sich leider ständig.

Man kann als erwachsene Frau auf der Bettkante des Vorgesetzten noch nein sagen …

Ja. Und es ist auch etwas völlig anderes, ob eine Frau brutal vergewaltigt wird, oder ob sie sich "auf etwas einlässt", wenn sie erwachsen ist. Man hat ganz oft die Wahl. Und alle die, die daraus jetzt so etwas wie ein Business machen, lenken in meinen Augen obszön vom Kern der ganzen Sache ab, nämlich der Ohnmacht eines Menschen, der tatsächlich ohnmächtig ist. Zu denen gehören auf jeden Fall Kinder. Frauen sollten ihre Stärke zeigen.

Alle können das vielleicht nicht so wie du.

Ja, ich bin stark. Ich habe aber auch ganz sicher eine Verletzlichkeit, ich bin verwundet. Aber ich lasse mich nicht darauf reduzieren.

Mit Ute Cohen sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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