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Aufsteigen oder rausfliegen Ute Cohen über "Poor Dogs"

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Kennt sich aus in der Welt, über die sie schreibt: Ute Cohen.

(Foto: privat)

André, ein sephardischer Jude aus Frankreich, und Eva, eine Katholikin aus Bayern, lernen sich in einer US-amerikanischen Unternehmensberatung kennen. In einer Welt scheinbar grenzenloser Möglichkeiten verlieren beide den Boden unter den Füßen. André managt Leben und Liebe nach Business-Modellen. Eva ist zerrissen zwischen Selbstbestimmung und Liebe. "Poor Dogs" ist ein schwarzer, eleganter und sinnlicher Psychothriller aus der Welt der Unternehmensberatung. Real, mondän, cool, weltläufig, lakonisch und böse. Gleichzeitig ganz cool und doch heiß erzählt. Alles unterliegt der Kosten-Nutzen-Rechnung, das ganze Leben wird zum Business, mit Portfolio-Techniken im Griff gehalten. Zitat: "Sex war auch nichts anderes als Körperpflege mit einem mal mehr, mal weniger brauchbaren Mittel." Also ficken oder gefickt werden? In den Neunzigerjahren erlebte der Glaube ans große Geld einen vorläufigen Höhepunkt, jegliche Moral wurde außer Kraft gesetzt. 2008 dann der große Absturz. Wie ticken die Menschen, die mit dem großen Geld jonglieren? Ute Cohen weiß es. Mit der Autorin und Journalistin sprechen wir über ihre Sicht der Dinge und Aussagen in ihrem Buch wie: "Drei Frauen, drei Funktionen, drei Wege zum Erfolg".

ntv.de: Sie schreiben über Geld, Macht, Männer, Frauen, Sexismus, Gewalt, und das alles in der Unternehmensberatungsbranche - warum haben Sie gerade dieses Thema gewählt?

Ute Cohen: Dieses Thema habe ich gewählt, weil Geld in der deutschen Literatur ein Tabu ist - man spricht nicht über die Business-Welt, in den seltensten Fällen nur versucht ein Schriftsteller, da einzutauchen.

Woran liegt das?

Weil die meisten sich da gar nicht auskennen (lacht) und auch gar nicht auskennen wollen. Die meisten Schriftsteller leben ein sehr konstantes Leben und schnuppern nicht in andere Bereiche rein. Ich halte es aber für problematisch, dass dieser Bereich vollkommen ausgeblendet wird. Man beschreibt gern den "Ennui", die Langeweile einer linksliberalen Mittelschicht, oder man versucht, sich die Misere von sogenannten Unterprivilegierten anzueignen, als literarisches Sujet. Aber die Welt der sogenannten Reichen und der Schönen ist halt Boulevard. Und der wollte ich mal aus einer ganz anderen Perspektive auf den Grund gehen.

Sie haben in dem Bereich gearbeitet - haben Sie keine Angst, dass Sie sich Feinde gemacht haben?

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Ute Cohen hat keine Angst vor Kritik.

(Foto: privat)

Ich habe grundsätzlich keine Angst vor Feinden, das würde mich ja total immobil machen, dann wäre ich ja handlungsunfähig (lacht). Ich schreibe aber nicht einfach aus der Lust an der Provokation, sondern aus der Lust am Schreiben oder weil mich ein Thema fasziniert. Aber vor Anfechtungen habe ich noch nie Angst gehabt. "Poor Dogs" kann fast schon als eine Art Aufklärung dienen - also, wenn ich an der Spitze einer Unternehmensberatung stünde, dann würde ich dieses Buch nehmen und sagen: So Leute, wir machen jetzt mal ein was zu dem Thema und ich hätte da eine Frau, die kennt sich aus in der Branche und die kann auch sagen, was passiert, wenn ihr das und das macht.

Das Thema Größenwahn wäre auch prima.

Ja, wie driftet man da ab, wie ist das Zusammenwirken der Geschlechter in dieser "Man's World"?

Ob der Chef einer Unternehmensberatung so unangenehme Themen wirklich ansprechen würde? 

Wenn er klug ist, schon. Denn nichts trägt ja mehr zu einem Imagewandel oder auch zu einem tatsächlichen Wandel bei wie, sich mit der gegnerischen Position auseinanderzusetzen und sie ernst zu nehmen. Also nicht zu verharren in einem Zwischenraum des Unverständnisses.

Nennen Sie mal ein Beispiel bitte.

Na ganz einfach: Hier Greta, da Trump. Die wollen sich nicht verstehen, die können sich nicht verstehen, die sind jeder in ihrer Blase gefangen und es gibt kein Miteinander, kaum Schnittmenge mehr. Wir Schriftsteller und Journalisten können aber versuchen, genau das in Gang zu setzen - dass wir uns wieder aufeinander zubewegen.

Es gibt anscheinend keine Mitte mehr, nur noch Ränder, nur noch Extreme.

Weil wir nur einen begrenzten Fokus haben. Journalisten beleuchten meist nur die, die das Extrem darstellen und nicht die Normalität und auch nicht die normale Zerrissenheit von Menschen. Die kennt ja jeder. Dieses Spannungsfeld, in dem Frauen sich bewegen, zwischen Familie und Beruf - das ist Alltag und Normalität, aber es ist halt weder besonders glamourös noch besonders abstoßend.

Was bedeutet "Poor Dogs"?

"Poor Dogs" ist eine Business-Matrix, das bezieht sich auf eine Portfolio-Methode. In der gibt es "Cash Cows", die "Stars", die "Question Marks" und eben die "Poor Dogs". Die "Poor Dogs" sind sie, die einen relativ kleinen Marktanteil haben und ein geringes Marktwachstum. Das sind die, die - wenn du ein Unternehmensportfolio hast - irgendwann sowieso rausfliegen. Der Titel wird von meinem Verlag freundlicherweise im Original gelassen, dafür bin ich meinem österreichischen Verlag äußerst dankbar! Auch, dass das Cover nicht rosa ist (lacht). Viele Verlage wollen Farbe, sie wollen "fun" und es soll auffällig sein. Man vergisst dabei, dass dieser oktroyierte "Fun" ein "Stahlbad" ist, wie Adorno es genannt hat. Mein Verleger ist wirklich kein Fan von Anglizismen, aber er meinte, er versteht, dass ich das so lassen will.

Es sind ja feststehende Begriffe.

Genau, und es träumt natürlich jeder davon, ein "Star" zu sein, denn das bedeutet einen wahnsinnigen Marktwachstum, wahnsinnigen relativen Marktanteil, dann bist du top. "Question Mark" zu sein ist auch noch okay, da hast du Chancen. Jedoch als "Cash Cow" immer nur gemolken zu werden - das ist auch kein Vergnügen, das will keiner.

Ihre Figuren bieten sich nicht unbedingt als Identifikationsfiguren an.

Stimmt - die werden immer nur hin- und hergeschoben, wie auf einem Spielbrett, das sich in dem Fall Portfolio nennt. Meine Hauptfiguren, André, der sephardische Jude und Eva, die katholische Bayerin, kommen aus einfachen Verhältnissen.

Religion spielt eine Rolle?

Ja, der Leser soll sehen, was das alles zu bedeuten hat: Der hart erkämpfte Aufstieg, die Konditionierung durch Familie und Kirche und wie sich das auswirkt, wenn man auf dem Run nach dem Big Money ist. Wir denken immer, es geht alles immer nur um Leistung, und vergessen dabei, dass wir ganz schön stark konditioniert sind.

Sie sprechen auf das "Belohnungsmodell" an: "Wenn du das schön machst, bekommst du das …"

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Sie mag keine Schubladen.

(Foto: privat)

Ja, das läuft in der Kindheit schon so. Eltern wissen, was ich meine, man rückt gerne einen Schein rüber, wenn das Kind eine besonders gute Note geschrieben hat.

Wo ordnet man das Buch "Poor Dogs" am besten ein?

Ich mag ja keine Schubladen, das war bei meinem Buch "Satans Spielfeld" auch schon schwer möglich. Das Leben an sich hat ja schon so viel mehr Psychothriller-Elemente, als man denkt, da muss man sich gar nicht extra einen Psychothriller ausdenken. Ich setze mich hin und frage noch, was ich gesehen habe in meinem Leben, was ich erlebt habe, welche Figuren kann ich herauskristallisieren, und der Rest ergibt sich dann. Die Personen sind natürlich eine Mischung  aus erdachten und realen Figuren, ich mag, wenn in die Theorie ein bisschen Blut reinfließt, wenn das Leben eine Haptik hat.

Wer Sie kennt, kann Sie zwischen den Zeilen erkennen? Verraten Sie viel von sich?

Jeder zweifelt mal und fragt sich, ob er den Bogen eventuell überspannt hat oder zu weit gegangen ist. Aber natürlich fließt in solche Bücher viel vom eigenen Denken und Handeln mit ein, aber am Ende entwickelt sich da etwas ganz Eigenes. Und ich fühle mich überhaupt nicht betroffen, wenn jemand das Buch angereift.

Haben Sie sich ein dickes Fell zugelegt? Sie bekommen sicher heftige Zuschriften.

Ich habe leider überhaupt kein dickes Fell (lacht). Aber ich habe die Fähigkeit, auszusortieren.

Sind Sie gerne streitbar?

Ich schätze, das trifft auf mich zu. Man sagt mir aber auch nach, dass ich intensiv sei (lacht). Das ist ein netter Euphemismus. Das trägt die Gefahr in sich, dass Menschen, die sich nicht auf einer argumentativen Ebene bewegen können, meine Texte als unter der Gürtellinie ansehen.

Wie viel steckt von Ihnen in der Figur der Eva?

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Sagen wir mal so: Ich habe dieses Milieu durchdrungen. Ich habe in einer Unternehmensberatung gearbeitet, später für Hedgefonds. Ich kann wirklich behaupten, ich weiß, wie es da zugeht. Und welche Eigendynamik so ein Leben entwickelt. Ich weiß auch, was Gier bedeutet. Interessant ist es doch, dass sich das berufliche Streben einer Frau so sehr verändern kann, wenn sie in eine klassische Familienrolle hineingeworfen wird, wenn sie dann nicht mehr wie eine Jägerin agieren kann. Du brauchst ja einen Partner, der alles mitträgt, und in der Businesswelt ist das alles noch sehr traditionell, einer muss zurückstecken bei Paaren …

… und überwiegend sind das immer noch die Frauen.

Ja, die Frage ist: Wie viel freies Handeln ist uns möglich, welche Entscheidungsmöglichkeiten haben wir? Wenn wir dann doch durch das Mutterwerden in eine ganz andere Welt hineingeworfen werden.

Kennen Sie das Gefühl der Gier?

Es ist ein Rausch, wenn man in dieser Welt ist. Aus heutiger Perspektive ist das ganz schön wild und fast schon absurd. Da tauchten dann zum Beispiel ganz plötzlich 22-jährige finnische Mathematiker auf, die Superstars in Sachen Fonds waren. Da fließt das Geld in Unmengen, die hatten eine Art sakraler Kraft, die wurden zu Göttern gemacht aufgrund dieser mathematischen Fähigkeiten. Mir war das aber unheimlich. Ich bin aber auch wirklich allergisch auf jede Form der Apotheose. Ich weiß, wohin diese Vergöttlichung von Menschen führen kann.

Wohin?

Leute rasten aus, wenn sie das "Big Money" wittern, wenn sie sich selbst schon in ihrer Villa am Comer See sehen und als Nachbar von George Clooney (lacht). Da geht's dann durch mit den intelligentesten Leuten, weil dieser Traum plötzlich ein Eigenleben entfaltet, weil der so entkoppelt ist von der Wirklichkeit.

In "Poor Dogs" zeigen Sie das ja.

Ja, und meine Protagonisten sind zunächst echt geerdet, dennoch sind sie nicht geschützt davor, abzudriften. Auch nicht davor, in die Kriminalität abzudriften, so eine Bilanzfälschung ist ja schnell gemacht. Und auch im Privatleben gibt es nur noch Figuren: Die eine ist die Mutter-Figur für die noch zu zeugenden Kinder, dann gibt es noch die Geliebte, und die Frage ist dann nur noch, was bringt die mir und was bringt die andere mir und gibt es nicht eine, die mir noch mehr bringen könnte? Abzocke, das Melken einer "Cash Cow", hat nicht immer was mit Geld zu tun. Am Ende geht es jedoch immer darum: Wie kann ich das, was ich nicht mehr brauche, aussortieren? Das ist dann ein wirklicher "Poor Dog".

Das heißt auf Neudeutsch "Scamming", oder?

Genau. Die Methode heißt auch: "Fuck them hard because you can only fuck them once". Aus dem System kommst du nicht mehr raus, entweder du steigst auf oder du fliegst raus.

Bringt es was, wenn Frauen sich untereinander verbünden?

Ja, das gibt es noch viel zu wenig. Wir haben zu wenig Solidarität, zu wenige Netzwerke, uns fehlt vor allem der mangelnde Glaube an den eigenen Erfahrungsschatz. Denn jede Frau glaubt, dass sie besser ist als die anderen (lacht). Sie sagt sich, dass ihr das nicht passieren wird, was ihrer Vorgängerin passiert ist, denn sie denkt, dass sie schöner und toller und besser ist. Das ist leider eine Form der Verblendung, die auch bei hochintelligenten Frauen vorkommt.

Hören Männer auf andere Männer?

Ja, viel eher, es gibt Männer, die führen Excel Sheets über ihre Kollegen und Geschäftspartner, damit sie sich darauf vorbereiten können, was für Vorlieben das Gegenüber hat, wie viele Kinder, wann Geburtstag ist und welches Geschenk zum Hobby passt - da kommen Frauen sich noch doof dabei vor, als übergriffig.

Also Männer kategorisieren und fahren gut damit?

Es gab mal einen Typen in der - nicht lachen - "Lindenstraße" im Fernsehen, der hat seine Frauen immer in Lebensmittel kategorisiert. Also, die eine ist eine kostbare, köstliche Auster, die man gerne schlürft, die andere ist ein Eisbein, eher bodenständig und mit Fett an den richtigen Stellen (lacht). Da haben Männer überhaupt keine Hemmungen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrem vorherigen Buch "Satans Spielfeld" gemacht, was Frauen und Solidarität angeht?

Der ist ja ein halbes Jahr vor "MeToo" entstanden und da habe ich die unterschiedlichsten Reaktionen bekommen, von großer Unterstützung bis zu Anfeindungen. Ich beschrieb da Ambivalenzen und Grauzonen und wie so eine Konstellation aussehen kann zwischen einem Täter und einem Opfer und wie sich das wandelt und entwickelt. Wie wurde das aufgenommen von der Feministen-Szene? Gar nicht, im Gegenteil, ich wurde angefeindet, weil ich eine Verräterin am Feminismus sei, weil ich schreibe, wie diese erwachende Sinnlichkeit ist. Dass es eben so ist, dass ein junges Mädchen, ein Kind, etwas spürt, es einem Erwachsenen jedoch noch lange nicht gestattet ist, in diesen Bereich einzudringen, das ist ja klar! Aber mir ging es darum, aufzuzeigen, dass die Wirklichkeit komplexer ist, als man denkt. Und dann bei "Metoo" ging es irgendwann nur noch um so eine Art "Opfercompetion" - man hat nur versucht, sich selbst in den Fokus zu stellen mit einer immer schlimmeren Geschichte und die wirklichen Opfer wurden meines Erachtens darüber ganz verdrängt.

Was sind die Reaktionen bisher auf das Buch?

Es kommen Personen aus meiner Vergangenheit und sagen zum Beispiel, dass sie erst jetzt merken, was um sie herum so passiert. Am meisten fasziniert mich, dass ich etwas in die Welt setze mit einem Buch und dass dann losgelöst von mir Dinge passieren.

Wann schreiben Sie - Sie sind ja auch als Journalistin tätig?

Ich habe eine wahnsinnige Disziplin, aber ich bin, wenn ich schreibe, so weggetreten und so losgelöst, dass ich gar nicht sagen kann, wann ich schreibe. Es ist wie ein Rausch.

Haben Sie ein übergeordnetes Ziel im Leben?

Mein großes Ziel ist es, eine Ehrlichkeit mir selbst gegenüber zu haben und damit auch zu zeigen, dass man es wagen kann, die Welt nicht nur rosa oder rot oder schwarz zu sehen, sondern in all ihren Facetten. Und dass es mir noch gelingt, Männer besser einzuschätzen (lacht).

Mit Ute Cohen sprach Sabine Oelmann

Ute Cohen liebt Lesungen - wer ihr also zuhören möchte: Am 10. März in der Galerie Petra Lange in Berlin, 19 Uhr, oder am 3. April in Hamburg im Westwerk, um 20.30 Uhr.

Quelle: ntv.de