Leben

"Ich muss die Farben fühlen" Jeannine Platz malt sich in die Welt hinaus

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Hamburg ist ihr Anker. Hier kann sie festmachen, aufatmen und wieder losmachen. Der Hafen ist Freiheit.

(Foto: privat)

Wer unterwegs ist, schätzt seinen Heimathafen wahrscheinlich um so mehr. Davon kann Künstlerin Jeannine Platz ein Lied singen - und das ist möglicherweise das einzige, was die Hamburgerin - vielleicht - nicht kann. Über ihre Projekte im Eis, auf Schiffen, in luftiger Höhe, den entlegensten Winkeln der Welt und in Luxus-Hotels spricht die gleichermaßen zarte wie explosive Künstlerin mit ntv.de über ihre stets großartigen und außergewöhnlichen Ideen.

ntv.de: Ihre Ideen haben sehr viel mit Fernweh zu tun, ist das richtig?

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Malen ist für Jeannine Platz fast wie Atmen.

Jeannine Platz: Ja, das stimmt. Es ist immer die Weite, die als Thema auftaucht. Die Weite der Meere, die Weite der Welt, die Sicht auf den Horizont, der Blick von oben. Manchmal sind es Visionen, die ich schon lange habe, und manchmal sind es spontane Impulse, denen ich folge. Inspiriert werde ich aber immer durch mein Gefühl.

Was zieht Sie in die Ferne?

In der Ferne bekomme ich Abstand zu allen Dingen und mit der Distanz dann wieder eine Nähe zu ihnen. Es öffnet den eigenen Horizont und die Grenzen. Manchmal reicht schon die Sehnsucht nach der Ferne, um inspiriert zu sein. Ich fühle mich im tiefsten Innern wie eine Nomadin, die immer weiterziehen möchte. Ablegen und Ankommen. Und nach einiger Zeit wieder ablegen. Deshalb bin ich so gern im Hamburger Hafen, denn der symbolisiert meinen innewohnenden Rhythmus von Kommen und Gehen.

Was hat es mit dem von Ihnen bemalten Container, den Sie vor kurzem auf die Reise geschickt haben, auf sich?

Mein Traum war schon immer, eines Tages einen Container zu bemalen. Mich hat die große Fläche gereizt und die Vorstellung, mein Bild würde auf einem Containerschiff die Welt bereisen. Ich habe die richtigen Menschen getroffen, die mir geholfen haben, dieses Projekt zu realisieren. HPA, Hamburg Süd und Eurogate haben alles dafür getan und zack, stand im Hamburger Hafen ein Container für mich. Auf einem meiner Containerschiffsreisen hat mir ein Kapitän einen Satz gesagt, der mich sehr berührt hat: "You dip your finger into the sea and you are in touch with the whole world". Gerade in dieser Zeit, in der uns, wie nie zuvor, bewusst wird, dass alles miteinander verbunden ist, passt dieses Zitat perfekt. Auf die andere Seite habe ich meinen geliebten Hamburger Hafen gemalt, der aber auch jeden anderen Hafen der Welt symbolisiert.

Durch Corona waren erstmals alle Grenzen auf dieser Welt geschlossen. Der interkontinentale Luftverkehr ist zum Erliegen gekommen ...

... und das Meer wurde dadurch wieder zu dem, was es früher einmal war: Die einzige Verbindung zwischen den Kontinenten für Menschen, um sich auszutauschen und Handel zu treiben. Die Reise des Containers wird damit zu einem Symbol für die Überwindung der geschlossenen Grenzen zwischen den Kontinenten und Ländern. Der Container wird zu einem Symbol für eine globale Verbundenheit trotz des vielerorts aufkeimenden, nationalen Isolationismus in dieser Welt.

Wie geht es weiter mit dem Container, der inzwischen auf offener See ist?

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Malt sich die Welt wie es ihr gefällt: Jeannine Platz.

(Foto: privat)

Auf nach Brasilien (lacht). Und von dort an die US-Ostküste, durch den Panamakanal nach Peru oder Chile, und dann über Neuseeland nach Australien und bis nach Asien - immer mit anderen Gütern im Inneren des Containers. Von Asien tritt er im Jahr 2021 die Heimreise durch den Suezkanal nach Hamburg an, mit einer Zwischenstation im Mittelmeerraum. Wenn er dann 2021 nach Hamburg zurückkehrt, feiert die Hamburg Süd Dampfschifffahrtsgesellschaft ihr 150-jähriges Bestehen und wird meinen Container in der Stadt ausstellen, inklusive einer Dokumentation der Reise.

Reisen Sie privat auch viel?

Ja, und ich reise nie ohne die Kunst. Es würde mir etwas Wichtiges fehlen, das, was ich am liebsten tue. Wenn ich mit der Familie im Urlaub bin, nehme ich immer etwas zum Malen oder zum Schreiben mit. Einmal musste Gepäck zu Hause bleiben, weil sonst die Leinwand nicht mehr in den Koffer reingepasst hätte. Mit den Kindern fahre ich nämlich nur dort hin, wo man mit der Bahn oder mit dem Fahrrad hinkommt, kein Flug, kein Schiff, kein Auto.

Welche ist Ihre Lieblingsdestination?

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Ein Eisbär interessiert sich für die Malsachen - während Jeannine Platz ein paar Meter weiter ins Wasser gesprungen ist. Das macht sie nie wieder!

(Foto: privat)

Es ist tatsächlich immer der Ort, an dem ich gerade bin. Jedes Mal denke ich: Hier ist es am schönsten, und wenn ich dann woanders bin, dann fühle ich dort genau dasselbe (lacht). Ich suche in meiner Phantasie immer nach einem bestimmten Ort, wo ich später mal für immer bleiben möchte, aber das dürfte schwer werden.

Ihre Reise in die Kälte, die Sie mit der Ausstellung und dem Bildband "The Sound of Ice" dokumentiert haben - war sie das größte Abenteuer?

Die Reise zum Nordpol war auf jeden Fall die Erfahrung von extremster Weite, die immer noch nachhallt. Ich habe auf einer driftenden Eisscholle gemalt, umringt von einer unendlichen Eiswüste, und unter peitschendem Wind. Das hatte etwas Bedrohliches. Es ist eine Wildnis, in die Menschen nicht hingehören, das habe ich gelernt. Vor allem nach meiner Begegnung mit dem Eisbären, der plötzlich an meiner Malstelle auftauchte, als ich hundert Meter weiter schwimmen war. Ich bin von der Reise zurückgekommen mit vielen wundervollen Bildern, aber auch mit der Erkenntnis, dass ich eine Grenze überschritten habe.

Wie kam es zu der Idee, in Hotelsuiten die Aussichten zu malen?

Auf der Suche nach der unendlichen Weite war ich jahrelang auf Containerschiffen unterwegs. Auf unglaublich vielen Schiffen, fast allein, nur mit ein paar Seemännern auf den Meeren, und hatte Zeit und Muße, um die pure Weite zu malen. Nach der letzten Reise ging ich von Bord und fragte mich, ob es nicht auch außerhalb des Meeres einen Ort unendlicher Weite gibt, der mich berührt. Ich wusste, es müsste irgendwo oben sein, und ein Ort, an dem ich Tag und Nacht verweilen kann. Und dann kam mir die Hotelidee. Ich buchte mir das höchste Zimmer oberhalb der Elbe, malte in einer Nacht den Ausblick und das Projekt "Suite View" war geboren.

Wie finanzieren Sie diese doch sicher recht kostspieligen Abenteuer?

Die Hotels haben mir die Suiten kostenfrei zur Verfügung gestellt. Als sich nach einiger Zeit das Projekt in der Hotelszene herumgesprochen hatte, haben manche Hotels sogar die Flüge übernommen. Aber das meiste habe ich in den zwei Jahren Weltreise selbst finanziert. Da ich vorher nicht wusste, wie kostenintensiv das Projekt werden würde, bin ich sehr gelassen losgezogen. Es kam einfach alles nach und nach. Immer, wenn ich nach Hause zurückkehrte, habe ich wild gearbeitet, um den nächsten Flug bezahlen zu können. Und wenn das nicht gereicht hat, habe ich den Inhalt meines Kleiderschranks in den Second Hand Shop gebracht (lacht). Zum Glück hatte ich nicht den Rat von Investoren angenommen, vorab Kalkulationen aufzustellen, denn dann hätte ich das Projekt sicher nie gemacht. Ich hatte das Vertrauen, dass ich die Bilder verkaufen werde, und so kam es auch. Mit diesem Vertrauen bin ich in mein "The Sound Of Ice" Projekt gegangen. Das Expeditionsschiff in die Antarktis und der Eisbrecher zum Nordpol haben mich umsonst mitgenommen. Der Rest war Zuversicht.

Wann haben Sie gedacht, dass Sie mit der Kunst Geld verdienen wollen und können?

Ich habe mich schon als Kind immer am liebsten mit der Malerei ausgedrückt. Mein Urgroßvater war Maler und meine Eltern hatten einige seiner Ölgemälde an den Wänden. Ich schaute sie mir immerzu an und träumte, dass ich auch mal Malerin werde. Mit 23 Jahren hatte ich einen Akt auf Leinwand gemalt, er hing in meiner WG. Ein Geschäftsmann, der zufällig dort war, hat mir das Bild abgekauft. Seitdem war klar: Ich werde damit ab jetzt mein Geld verdienen. Und so kam es (lacht).

Die Performance-Künstlerin in Ihnen, wie kommt die mit der jetzigen Situation klar?

Ich fand die Zeit des Innehaltens sehr erholsam und kreativ. Die Zeit, in der nichts ist, ist die wertvollste. Daraus entstehen neue Welten. Ein Lehrer hat mir mal gesagt: Dieser Punkt zwischen Ausatmen und Einatmen, nachdem alle Luft raus ist und bevor das Zwerchfell wieder hochschnellt, der ist das allerwichtigste. Daran habe ich mich jetzt oft erinnert.

Keine Skizzen, keine Pläne, keine Pinsel - Sie sind die, die mit den Händen malt …

Ich habe bereits als Kind mit meinen Händen gemalt. Zuerst habe ich dazu Handcreme genommen, da ich fand, dass die Buntstifte sich damit so schön verreiben lassen. Irgendwann bin ich dann zu Ölfarbe übergegangen. Ich male mit den Händen, weil ich so die Farben fühlen kann. Ich brauche diese Haptik. Das schaffe ich mit einem Pinsel nicht.

Wie haben Sie die Corona-Phase bis jetzt überstanden? Gerade Künstler haben es nicht leicht in diesen Tagen ...

Von heute auf morgen überhaupt nichts mehr zu verdienen, um das Atelier und das Leben drumherum bezahlen zu können, hat sich zunächst wie eine Lähmung angefühlt. Aber ich wusste: Ich mache weiter mit dem, was mich am Leben hält: Die Kunst. Ich könnte auf alles verzichten, aber wenn ich nicht mehr malen könnte, wäre das unvorstellbar. Also habe ich angefangen, nur für mich zu malen und zu kalligraphieren. Und dann hatte ich die Idee, damit auch anderen Menschen eine Freude zu machen. Und so entstand zum Beispiel die "Mauer der guten Gedanken".

Was hat es mit der bemalten Wand in Hamburg am Strand auf sich, warum diese Stelle, warum diese Worte?

Im März, als die Coronazeit begann, waren viele Menschen in Sorge und Angst. Ich selbst habe mich auch dabei ertappt. Ich glaube, dass Angst kein guter Motor ist, um aus der Negativspirale zu entkommen, daher habe ich mir Gedanken gemacht, was ich in diesem Augenblick an guten Dingen brauchen könnte. Ich habe sie aufgeschrieben. Mir kam die Idee, sie in großen Lettern an eine Mauer am Elbstrand zu schreiben. Mit meinen Kindern habe ich die Mauer weiß grundiert und all meine Begriffe kalligraphiert. Vorbeiziehende Spaziergänger haben mir weitere Worte zugeworfen, sodass nach und nach eine Collage guter Gedanken entstand. Inzwischen ist diese Wand magisch geworden. Menschen pilgern dorthin, machen Fotos mit ihr, entdecken ihr Lieblingswort, schicken sie weiter an die Liebsten, heiraten davor. Oft habe ich schon gehört, dass Hamburger sagen, dass diese Mauer das neue Wahrzeichen ist. Das macht mich sehr glücklich: Die Mauer trägt dazu bei, dass alle, die sie entdecken, positive Energie aufsaugen. Diese Arbeit war für mich die Rettung in der Coronazeit.

Mit Jeannine Platz sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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