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Feministin in Alptraumrosa Mit 60 stellt Barbie die Frauenfrage

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Für immer blond: Die "Totally Hair Barbie" mit knöchellangem Haar ist Mattels meistverkaufter Klassiker. Barbie und ihre diversen Schwestern gingen in 60 Jahren mehr als eine Milliarde Mal über die Ladentheke.

(Foto: picture alliance / dpa)

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Das passt: Am 8. März ist Frauentag und einen Tag später feiert Barbie ihren 60. Geburtstag. Wer meint, die Puppe hätte sich aufs Altenteil zurückgezogen, irrt gewaltig. Barbie ist inzwischen bekennende Feministin und schaut zurück auf ein bewegtes Puppenleben.

In der Psychoanalyse verläuft die Grenze zwischen Träumen und Alpträumen fließend. Bei Barbie und ihrer Stellung zur Frauenfrage ist es ähnlich. Seit ihrer Erschaffung vor 60 Jahren kämpft der kalifornische Hersteller Mattel mit dem Vorwurf, die superschlanke Modepuppe mit dem großen Busen und dem prallen Kleiderschrank presse kleine Mädchen in alptraumrosafarbene Klischees, befeuere gefährliche Körperbilder und propagiere den Magerwahn. So weit, so nachvollziehbar. Doch bereits die Schöpfungsgeschichte der erfolgreichsten Puppe der Welt hat eine feministische Pointe.

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Barbie und Ken Ende der 1950er-Jahre. Wie Adam und Eva aus dem Kinderparadies.

(Foto: picture alliance/dpa)

Barbies Erfinderin war eine Texanerin mit europäischen Wurzeln. Als Tochter polnisch-jüdischer Einwanderer eröffnet Ruth Handler gemeinsam mit ihrem Mann eine kleine Firma für Puppenhausmöbel. Eines Tages, die 1950er-Jahre neigen sich dem Ende entgegen, schaut Ruth Handler ihren beiden Kindern beim Spielen zu und stellt fest: Sohn Ken hat in seiner Spielzeugkiste viel mehr Auswahl. Tochter Barbara dagegen muss mit der üblichen Wickel-Windel-Puppe spielen, die seit Generationen dazu dient, Frauen auf ihr späteres Mutter-Dasein abzurichten.

Das sollte der kleinen Barbara nicht passieren: Auf einer Europareise entdeckt Ruth Handler in einem Schweizer Schaufenster eine deutsche Modepuppe. Lilly ist nur 20 Zentimeter groß, besitzt aber bereits alles, was Barbie später weltberühmt macht: Ein extrem gebärfeindliches Becken und einen Hang zu frivoler Nacktheit, die mit teuren Kleidungsstücken und Accessoires bedeckt sein will. Die US-amerikanische Geschäftsfrau kauft die deutsche Lilly und entwirft deren transatlantische Schwester, die sie nach ihrer Tochter nennt: Barbie erblickt am 9. März 1959 auf der New Yorker Spielwarenmesse das Licht der Öffentlichkeit.

Diese Frau will alles: Schuhe, Pferde, Sex

Die 30 Zentimeter große Puppe trägt noch Lillys Pferdeschwanz und einen schwarz-weiß gestreiften Badeanzug. Aus schrägstehenden Katzenaugen wirft sie einen berechnenden Blick auf die Welt. Diese Frau will alles: Autos, Häuser, Schmuck, Schuhe, Sex, Pferde. Und sie will es sofort. Schnell entpuppt sich die spärlich bekleidete Barbie als Verkaufserfolg, der noch die kühnsten Erwartungen ihrer Schöpferin übertrifft. Mehr als eine Milliarde Barbie-Puppen bevölkern heute die Kinderzimmer kleiner Mädchen und angeblich auch Jungen in aller Welt. Barbie ist die Anführerin einer Armee nackter Frauenleiber. Sie steht im Zentrum eines weiblichen Universums, in dem der Mann von Anfang an nur die zweite Geige spielt.

Auch 60 Jahre später ist die blonde Schöne kinderlos und unverheiratet. Ihre fiktive Biografie stellt zwar einen Partner an ihre Seite, doch der erscheint im pinkfarbenen Paradies tatsächlich erst zwei Jahre nach Barbie. Ken wird 1961 sozusagen aus der weiblichen Rippe erschaffen. Tiefenpsychologisch bedeutsam trägt Barbies Lebensgefährte den Namen des Sohnes der Erfinderfamilie Handler und ist damit eigentlich Barbies Bruder. Ein Blick auf seinen Unterleib bestätigt den inzestuösen Befund: Ken verfügt tatsächlich nicht über einen irgendwie bedrohlichen Phallus. In der Gender-Frage erringt Barbie auch grammatisch einen glatten Sieg: Ken gehört zur Spezies der Barbie-Puppen - also Femininum ohne Stern und Gender-Strich.

Kampf um Anerkennung: Diversity-Barbie wird dicker

Angesichts solcher Erfolge in einer männlich dominierten Welt erscheint es umso rätselhafter, dass Barbie als Feministin ziemlich wenig Wertschätzung erfährt. Während die fundamentalistischen Ajatollahs im Iran sie als Symbol westlicher Unmoral mit einem Bann überziehen und Mädchen in der arabischen Welt lieber mit der züchtig verhüllten Puppe Fulla spielen sollen, beklagen westliche Kritiker Barbies kapitalistische Oberflächlichkeit, das hysterische Pink ihres Markenkerns und den unrealistischen Körperbau, der sich im Bodymass-Index 16 ausdrückt. Barbie wird in wissenschaftlichen Studien seziert, die zu dem Ergebnis kommen, dass kartoffelförmige Puppen für Mädchen pädagogisch wertvoller sind. Femen-Kämpferinnen schlagen sie brennend ans Kreuz und Greenpeace-Aktivisten hetzen den konfliktscheuen Ken gegen sie auf, weil für die Puppenverpackung Regenwälder abgeholzt werden.

Und was macht Barbies Mutter-Konzern? Er reagiert auf alle seelenökonomischen Befindlichkeiten. Brechen die Verkaufszahlen ein, wirft Mattel neue Puppen-Varianten auf den Markt. Barbie nimmt politisch korrekt alle Haut- und Haarfarben der globalisierten Welt an. Verwandelt sich in eine Unterschicht-Tussi, eine Design-Ikone, mutiert zur Filmdiva, schmeichelt sich bei Prominenten und Politikern ein, trägt Dirndl und Kimono, übt alle erdenklichen Berufe aus und sitzt im Rollstuhl. Barbie verliert ihre Haare bei der Chemotherapie, liegt kaserniert in Museumsvitrinen und arbeitet gegen den "dream gap", der kleinen Mädchen ihre Karriereträume zerstört.

In einer vielbeachteten Soziologen-Edition, die am Verkaufstresen zwar floppt, aber promovierte Rezensentinnen entzückt, erscheint Barbie mit kurviger Hillary-Clinton-Figur. Vom Titel des "Time"-Magazins ruft die vollschlanke Ikone: "Hört endlich auf, über meinen Körper zu reden." In diesem Sinne, auf die nächsten 60 Jahre. Auf dass Mattel den pinkfarbenen Barbie-Sarg noch lange in der Schublade behalte.

Quelle: n-tv.de

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