Leben

Männer? Die Kolumne. Raus aus der Man Box!

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Von den äußeren auf die inneren Werte zu schließen, ist immer gefährlich: Wer weiß schon, was dieser Strongman wirklich denkt?

(Foto: imago images / Future Image)

"Schwuchtel" und "Tunte" sind die häufigsten Schimpfwörter für Männer - fast immer vergeben von Männern. Sie sind die beiden deutlichsten Beispiele für eine perfide Art von Selbstüberwachung, mit der wir uns in ein selbstgebautes Gefängnis einsperren.

Ich hatte mich nach der Veröffentlichung meiner letzten Kolumne ja auf alles Mögliche gefasst gemacht. Vor allem aber auf Gegenwind von "echten Kerlen", die den Text als Angriff auf ihre Männlichkeit verstehen würden - so wie das früher schon häufig genug vorgekommen ist. Und dann ist etwas Merkwürdiges passiert: Ich habe Zuspruch und Unterstützung bekommen. Von allen Seiten. Und keine einzige Hassmail. Dabei bekomme ich sonst für alles Hassmails, sogar für meine "Tatort"-Kritiken. Ehrlich gesagt, vor allem für meine "Tatort"-Kritiken, der Sonntagskrimi ist den Deutschen heilig, darauf lassen sie nichts kommen - aber das ist eine andere Geschichte.

Die negativste Reaktion kam jedenfalls von einer Frau, die auf meiner Facebook-Seite allen Ernstes meinte, dass Mobbing zur Persönlichkeitsbildung dazugehöre, Stichwort natürliche Selektion - und dafür postwendend von einem Mann mit mächtigen Oberarmen abgestraft wurde, der auf seinem Profilbild so aussieht, als würde er gerade Leute aus der Schlange vor dem Berghain nach Hause schicken. Das hat mich wahnsinnig gefreut, weil eben weder das Äußere noch das Geschlecht irgendetwas über den Charakter eines Menschen aussagen.

Allerdings kam die Freude erst an zweiter Stelle, mein erster Gedanke war: "Wow, dabei sieht der gar nicht aus wie ein Softie." Und schon war ich wieder drin in der Männlichkeitsfalle, wenn auch nur für eine oder zwei Sekunden. Direkt im Anschluss habe ich mich wahnsinnig über mich selbst geärgert: Ich sehe ja auch nicht aus wie ein Softie und bin trotzdem einer, wenn mir danach ist. Und überhaupt, wo kommt eigentlich diese unterschwellige Einteilung in hart = gut und weich = schlecht her?

Schwul und "schwul"

Ein Teil der Antwort liegt in der sogenannten Man Box verborgen. So heißt der begrenzte Raum, in dem sich Männlichkeit im klassischen Sinne bewegen darf - ein Raum, der im Grunde genommen ein Gefängnis darstellt, weil die Grenzen so eng gefasst sind. Okay wäre es innerhalb dieser Grenzen zum Beispiel, besoffen und mit einem blauen Auge vom Fußball nach Hause zu kommen. Okay wäre auch, stolz davon zu erzählen, wie man den Konkurrenten beim Rennen um die Beförderung ausgestochen hat. Nicht okay ist dagegen, bei einem traurigen Film zu weinen oder zuzugeben, mit einem (emotionalen) Problem nicht klarzukommen.

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Man Box mit Insasse (Symbolbild).

(Foto: picture alliance / dpa)

Wer aus seinem selbstgebauten Gefängnis entkommen möchte und trotzdem Gefühle zeigt, bekommt von seinen Mitmännern unmissverständlich zu verstehen, dass sich das für echte Kerle nicht gehört - und wird wieder in die Spur geschickt. Mal passiert das mit einem als Scherz verpackten dummen Spruch, manchmal - wie in meinem Fall - als positive Diskriminierung, dass ich es nur gedacht habe, macht es leider auch nicht viel besser. Fast immer aber spielen spezielle Signalwörter eine wichtige Rolle, die aus ihrem normalen Kontext herausgerissen und zu Schimpfwörtern umgedeutet werden - so wie "Tunte" und "Schwuchtel", die zu den am häufigsten verwendeten Schmähungen für Männer gehören.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mein Vater eines Tages von einer längeren Reportagereise nach Hause kam und plötzlich das Wort "schwul" für so ziemlich alles benutzte, was ihm nicht gefiel: Der Kollege war schwul, weil er den Berg nicht so schnell hochkam wie mein Vater; sein Auftraggeber war schwul, weil ihm die Reportage zu hart geschrieben war; und die Inline-Skates waren natürlich auch schwul, weil sich eine der Rollen schon wieder gelockert hatte. "Schwul" war für mich damals also kein Synonym für homosexuell, sondern konnte je nach Kontext entweder langweilig, scheiße oder feige bedeuten. In jedem Fall war schwul aber etwas Negatives. Als Zwölfjähriger war ich natürlich begeistert, ein neues Schimpfwort in petto zu haben, das quasi auf alles anwendbar war.

Raus aus der Man Box

Wie die meisten (halbwegs) modernen Männer hatte auch mein Vater kein grundsätzliches Problem mit Homosexualität, ganz im Gegenteil: Meine Eltern hatten, soweit ich zurückdenken kann, immer schwule Freunde - und mein Vater ein unverkrampftes Verhältnis zu ihnen. Deswegen wäre ich auch nie im Leben auf die Idee gekommen, dass schwul wirklich böse gemeint sein könnte, sondern habe es immer als eine Art neckische Verballhornung verstanden.

Und das ist das wirklich Schlimme an der Man Box: Sie ist eine perfide Art von Selbstüberwachung, die größtenteils unterbewusst passiert und auch von denen mitgetragen wird, die immer wieder selbst unter ihr leiden - und das sind auf die eine oder andere Art im Endeffekt so gut wie alle Männer. Es hat lange gedauert, mir schwul als Universalschimpfwort abzugewöhnen und auch an anderen Stellen aus der Man Box auszubrechen, aber es hat sich gelohnt. Allerdings merke ich auch immer wieder, dass der Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist und frage mich dann, ob es jemals so weit sein wird.

Spätestens seitdem mir letztens bei der Hunde-Komödie "Marley & Ich" die Tränen gekommen sind, wünsche ich mir übrigens kaum etwas sehnlicher: Da gibt es diese eine sehr bewegende und ziemlich kitschige Stelle am Schluss, in der die Familie ihren geliebten Hund begräbt. So schön kann also Trauer sein, dachte ich mir, als ich leise schluchzend auf der Couch saß und mich nicht daran erinnern konnte, so etwas schon mal zugelassen zu haben. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich es ja dann auch irgendwann, bei traurigen Filmen zu weinen, in denen es um Menschen geht.

Quelle: n-tv.de

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