Leben

Aus der Schmoll-Ecke Reißt die Elbphilharmonie ab!

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Mieses Wetter, toller Ausblick, wunderschöne Musik drinnen - falls man sie überhaupt hört. Man kann eben nicht alles haben im Leben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Akustik in der Hamburger Elphi ist nach dem Urteil eines Wagner-Sängers sehr schlecht. Milliarden Euro völlig umsonst verbaut. Unser Kolumnist hat eine Idee, wie der Konzertsaal gerettet werden kann - und der Berliner Flughafen gleich mit.

Waren Sie schon einmal in einem Klassik-Konzert? Ich ja. Ganz oft. Auch wegen der Musik. Der Hauptgrund aber ist: Der Besuch einer Philharmonie oder Oper hat den unschätzbaren Wert, dass ich mich jung fühlen kann. Denn abgesehen von den obligaten asiatischen Musikstudentinnen mit den Geigenkoffern unterm Arm gehöre ich unter all den 70- bis 100-Jährigen jedes Mal zu den paar Hanseln, die (noch) ohne Saaldiener, Krückstock und Rollator den Weg zum Sitzplatz schaffen.

Wann immer ich im Klassik-Konzert bin, wähne ich mich wahlweise im Seniorenheim oder im Sanatorium. Einem für Atemwegserkrankte. Dass die Berliner Philharmonie "Zauberberg der Klassik" genannt wird, hat rein gar nichts mit der Weltklasse des dort spielenden Orchesters zu tun, sondern mit der elenden Husterei. Besonders viel wird geschnaubt und geröchelt, wenn die Musik schweigt. Die Musiker können noch so ergriffen fiedeln, tröten oder klimpern - kaum ist der Satz einer Sinfonie oder Sonate rum, beginnt ein Gehuste und Geräusper, dass ich mir wünsche, der Hustinettenbär möge sie alle verschlingen.

Klar, da sind auch Kranke im Publikum. Aber ich glaube, die meisten der Hustenden haben es schlicht verlernt, eine Dreiviertelstunde am Stück still zu sitzen und mit sich, der Musik und dem Rest der Welt im Reinen zu sein. Die sind heilfroh, wenn sie nach dem letzten Takt wieder zappeln und aufs Handy schauen können. Denn sicher ist gerade, während sich eine Jungfrau zur Musik Strawinskys zu Tode tanzte, die lebenswichtige Mail vom Makler gekommen: "Der Verkäufer hat sich entschieden, Ihnen die Immobilie zu verkaufen." Bravo! Villa im Grunewald! Applaus! Zugabe!

"Hier hört man nichts"

Ich persönlich würde Beifall im Konzertsaal generell verbieten, erst recht bei den Zugaben, wenn Pianisten Zwei-Minuten-Bravourstücke runterdonnern, gar solche mit Wiedererkennungscharakter, bei denen Harald stolz seiner Angebeteten zuflüstern kann: "Ah, Chopins Revolutionsetüde!" Und die Dame, die nach Chanel riecht, dann sagt: "Harald, du beeindruckst mich immer wieder." Harald freut sich und bereitet sich sogleich vor, als Erster zu klatschen, damit die Chanel-Frau, die er insgeheim "Muschi" nennt, sieht, dass er das Werk in- und auswendig kennt. Harald ist jetzt voller Hoffnung, die Viagra nicht umsonst genommen zu haben. Er träumt schon lange von Sex mit Muschi zu Liszts Mephisto-Walzer No 1. Aber Muschi sagt nur, sie müsse morgen sehr früh raus und komme deshalb nicht mit in die Victoria Bar. Harald ist sauer, weil die Viagra nicht billig war. Cut!

Die Berliner Philharmonie hat eine prima Akustik. Der Nachteil ist, dass man das Husten besonders gut hört, egal, wo man sitzt. In der Hamburger Elbphilharmonie ist das anders. Dort hört man gar nichts, weil die Akustik sehr schlecht ist. Der Sänger Jonas Kaufmann, der in den Medien "Startenor" genannt wird, weil er in seiner Freizeit aus dem Nest gefallenen Staren das Singen beibringt, hat dort kürzlich gastiert. Während er trillernd sein Bestes gab, beschwerten sich Zuhörer, die im Grunde keine Zuhörer waren, sondern Zuschauer. "Hier hört man nichts", klagten sie der Überlieferung nach.

Good old Jonas erläuterte wenig später dem "Hamburger Abendblatt": "Ich frage mich auch wirklich, ob man nur bei der Planung dieses Saals einzig an Konzerte mit großen Orchestern gedacht hat und nicht an die Vielfalt unseres Metiers." Ich frage mich, warum er bei der Zusage des Konzerts nicht gefragt hat: Passt das Programm zur Elbphilharmonie? Naja, hat er sicher vergessen. Schließlich muss Jonas all die Noten im Kopf behalten. Aber er hat mit seiner Aussage einen wunden Punkt getroffen. Da wird - typisch Deutschland - ein Konzertsaal für 100 Milliarden Euro gebaut und keine Sau denkt an die Vielfalt des Metiers eines Sängerknaben wie ihn. Frechheit! Sauerei! Abriss!

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Der Konzertsaal der Elphi.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit die Elbphilharmonie aufgemacht hat, wird an der Akustik gemäkelt. Das passt zum Zeitgeist, alles scheiße zu finden, worauf man durchaus stolz sein könnte. "Liebe Hamburger, Weltklasse geht leider anders", urteilte die "Welt", die es wissen muss, weil sie selbst Weltklasse ist, was man allein daran erkennt, dass ich für sie schreibe. Ein Leser kommentierte unter dem Artikel auf Weltklasseniveau: "Sie ist schon jetzt das überbewertetste Bauwerk Deutschlands. Eine Pilgerstätte, von den Eliten aus der Taufe gehoben und so gut wie ohne praktischen Nutzen für das Volk, welches es bezahlen durfte." Ich übersetze das mal für Sie: Merkel und Scholz gehen jedes Wochenende mit ihren Flüchtlingen in die Elbphilharmonie, dieser Pilgerstätte für muselmanische Kulturbanausen, während das einfache deutsche Volk zahlen und darben muss, bevor es von der Kanzlerin unter Geigenklängen und Trompetenstößen umgevolkt und ausgerottet wird. Tusch!

100 Prozent ausverkauft

Ich selbst war einmal in der Elbphilharmonie (danke, Hans-Werner!) und habe die 6. und 7. Sinfonie von Sibelius gehört, die ich zu den schönsten Sinfonien der Musikgeschichte zähle. Die weite Landschaft Finnlands - einfach wunderbar! Ich dachte: Wegen ihrer Streicherfokussierung sind die Sibelius-Sinfonien die perfekten Werke für die Elbphilharmonie. Das stimmte auch. Ich war sehr glücklich an diesem Abend. Aber a: habe ich keine Ahnung von Akustik und b: hatte ich Glück, einen der 34 Plätze (von insgesamt 2100) zu ergattern, auf denen man scheinbar einigermaßen hört. Was mich genervt hat, waren die elend steilen schmalen Stufen, die mir Angst machten, da mein rechter Fuß im Arsch ist - Pfusch eines geldgeilen Orthopäden - und ich deshalb Gleichgewichtsprobleme habe.

Beschissene Akustik und beschissenes Wetter - wo erlebt man das? Sie denken: Hamburg. Falsch! In Berlin beim sommerlichen Waldbühnen-Konzert der Philharmoniker. Jedes Jahr dasselbe. Völlig unverständlich, dass es immer ausverkauft ist und Anwesende selig lächeln, als hätten sie die Jahresproduktion chinesischer Glückskekse gefuttert. Haben die denn keine Ahnung von Akustik? Einfach nur Spaß und Freude an Musik haben, ohne zu kotzen? Was sind das für Deutsche!

Immerhin hat die Elbphilharmonie ein Dach, das mit acht Milliarden Euro relativ preiswert war und den Regen abhält. Doch was hilft ein trockenes Haupt samt Ohren, wenn die Akustik miserabel ist? Seltsam, dass - hört, hört - die Klassik-Konzerte im großen Saal der Elbphilharmonie bisher zu 100 Prozent ausverkauft gewesen sind. Haben diese verirrten Klassik-Pilger alle keine Ahnung von Akustik? Sicher sind das nur Leute, die zu dem Publikum gehören, das "wohl immer noch auch der Wirkung des Konzerthauses als Touristenmagnet geschuldet ist", wie es Jonas in einem leicht elitären Anflug formulierte. Er hätte auch sagen können: Der an Kunst normalerweise nicht interessierte Provinzarsch suchte die Reeperbahn und fand den Konzertsaal.

Jonas schlägt vor: "Kann man nicht auch noch eine Drehbühne für kleinere Formate einbauen?" Eine tolle Idee. Ich habe mich beim Drehbühnenhersteller "Oli Twist & Co." erkundigt. Kostet nur leider nochmals 33 Milliarden Euro. Daher: Abriss! Ja, richtig gelesen. Abriss! Wobei ich noch eine Alternative ins Spiel bringen möchte: Die Elbphilharmonie könnte in ein Sanatorium für Atemwegserkrankte mit Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach umfunktioniert werden. Das würde dem Volk nutzen und nicht nur den Eliten. Zeitgleich sollte der Berliner Flughafen in eine Philharmonie verwandelt werden. In den Hallen hallt es so schön. Wie in einer gotischen Kathedrale. Echt geile Akustik.

Quelle: n-tv.de

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