Leben

In Vino Verena Rothaarige zahlen, um Haut zu zeigen

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"Hot oder Schrott": Im Netz lassen Frauen sich freiwillig von Fremden bewerten.

(Foto: Canva)

Wir führen Debatten über Gleichberechtigung und Sexismus. Das ist längst überfällig. Doch viele Frauen sexualisieren sich für Reichweite in den sozialen Netzwerken und zahlen sogar Geld für mehr körperliche Sichtbarkeit. Unsere Kolumnistin über junge Frauen und ihre Vorstellungen von Selbstbestimmung.

Neulich habe ich so ein bisschen überkandidelt in eine Diskussionsrunde, bei der es um Social Media und die Veränderung der Gesellschaft ging, eingeworfen, mich inzwischen über gar nichts mehr zu wundern und der festen Überzeugung zu sein, dass diese ganzen Internet-Plattformen die Menschen nur noch unsicherer, verzweifelter, egomaner und einsamer machen.

Ich habe sogenannte Mamiblogger gesehen, die die Rechte ihrer Kinder verkaufen, Katzenbesitzer, die ihren Haustieren Mützen aufsetzen oder Leute, die sich beim Toilettengang filmen. Unsäglich viel Beklopptes war darunter und ich habe ein wenig die Sorge, dass irgendwann, wenn ich alt und dement bin, meine sich selbst löschende Festplatte sich nur noch an den ganzen Dreck erinnert. Folgende Story muss ich Ihnen in diesem Zusammenhang unbedingt erzählen: Also, ich sitze auf meinem Balkon und eine Freundin knipst ein Bild von mir vor meinem selbst gezüchteten Basilikum. Es ist ein stinknormales, ganz nettes Foto, mein rötliches Haar leuchtet leicht in der Sonne.

Ich poste es in den sozialen Medien und erhalte kurz darauf folgende Anfrage: "Hallo Sweetheart, ich bin auf der Suche nach rothaarigen Girls, die ihr Social-Media-Profil pushen und ihre Reichweite erhöhen möchten, indem sie ihre Bilder auf meiner Seite teilen. Ich kontaktiere dich hier, um dich zu fragen, ob du deine Fotos auch gern auf meiner Seite promoten würdest - für nur 15 Dollar pro Foto." Und schwupp würde das eigene Foto auf einer Seite erscheinen, der über 100.000 Menschen folgen und die - so das Geschäftsmodell - gern Bilder von rothaarigen Frauen anschauen. Es sei wirklich eine ganz tolle Promo, um mehr Klicks, Likes und Aufmerksamkeit zu erhalten.

"Lecker Schulmädchen, (…) yummy!"

Ich schaue mir die Chose genauer an und was ich erblicke, haut mich dann doch fast aus den Latschen. Ich sehe Tausende Fotos von Rothaarigen. Die meisten sind fast nackt und zeigen sich in aufreizenden, teils pornografischen Posen. Alle Frauen sind sehr, sehr jung. Fast Kinder. In meinem Kopf schwirren viele Fragen: Zahlen diese teils Heranwachsenden tatsächlich Kohle dafür, damit sie sich halbnackt auf fremden Seiten präsentieren können?

Jedes Foto ist verlinkt und führt unmittelbar auf die Profile der Personen. Ich sehe Mädchen oben ohne und nur in Kniestrümpfen, die vor blühenden Kirschbäumen posieren und dem Betrachter ihren nackten Allerwertesten direkt ins Gesicht drücken. Fast alle Fotos tragen Bildunterschriften wie: "Wahnsinn" oder "Wunderbar". Massenweise sexistische Sabber-Kommentare wie: "Lecker Schulmädchen!"

Ich sehe halbnackte, junge Frauen, die sich in der Öffentlichkeit die Hose runterziehen, um sich selber auf den Po zu klatschen. 2750 Leuten gefällt das. "Daddy68" findet die Fotos "yummy!" Viele lassen sich zwischen ihre weit gespreizten Beine schauen. Sie rekeln sich auf Betten, auf Teppichen, im hohen Gras. Es gibt kein einziges Bild, auf dem eine rothaarige Frau bei einer Tasse Kaffee zu sehen ist oder im Urlaub mit einer Eiswaffel oder im Alltag. Weil das scheinbar langweilig ist.

Alle - wirklich alle - Fotos zeigen junge Frauen, (Tausende!) in sexualisierten Posen. Etliche bezahlen dafür, dass kleine Filmchen von ihnen gezeigt werden. Zu sehen unter anderem: eine Frau, die ihren Einkaufswagen durch die Gänge eines Supermarktes schiebt. Die Kamera ist auf ihren Po gerichtet, während sie plötzlich den Rock hochhebt. Und so geht das immer weiter und weiter und ich sitze mit offenem Mund da und überlege, wie ich am schnellsten in die Instagram-Zentrale komme, um den ganzen Saftladen abzuschalten.

Denn die Heuchelei dieser Plattform hat inzwischen ein Maß angenommen, das nur noch schwer begreifbar ist. So werden beispielsweise Accounts, die sich Themen wie Aufklärung, Feminismus oder Gleichberechtigung widmen, massiv in ihrer Reichweite eingeschränkt. Die Begründung von Instagram lautet dann: "Wir sind eine familienfreundliche Plattform. Dieser Content ist nicht familienfreundlich." Halbnackte rothaarige "Schulmädchen" hingegen scheinen familienfreundlich zu sein.

Denn sie wissen (nicht), was sie tun

Immer wieder lese ich von Schauspielern, Regisseuren oder Schriftstellern, deren Profile nicht verifiziert werden: Begründung: nicht bekannt genug. Vielleicht sollten sich die unbekannten Kreativen ein Beispiel an den bekannten jungen Frauen nehmen, die sich auf Instagram in eindeutigen Posen tummeln? Ginger, Swetlana und Cherry bescheren der Plattform mit ihren Bildern nämlich enorme Reichweite - blauer Haken inklusive. Millionenfach werden ihre Profile aufgesucht, aber wehe, jemand kommt auf die Idee und kritisiert das! Dann wird sofort das Neid-Argument gezückt.

Es ist nur noch lächerlich, wie es auch erbärmlich ist! Die Plattform zensiert Mütter, die ihre Kinder stillen, sie zensiert Aktivistinnen oder Patientinnen, die auf Brustkrebs aufmerksam machen. Aber sie fördert Sexismus und klischeehafte Frauenbilder, weil sie mit daran verdient. Und die Politik? Schaut weg. Labert ein bisschen und kratzt mit Sprüchen aus dem Textbaukasten an der Oberfläche. Tagtäglich führen wir Debatten über das Gendern: Innen, *innen, /innen: Wie schreibt man es jetzt am besten? Wie spricht man es aus? Und ist man jetzt frauenfeindlich, von gestern oder borniert, wenn man weiter "Liebe Gäste" statt "liebe Gäste und Gästinnen" sagt?

Gern wird suggeriert, wir seien in der Gleichberechtigung und Aufklärung schon wahnsinnig weit. Haha, wie bitte? Ich sehe täglich junge Mädchen, die vollkommen verfrüht in die Sexualität gestürzt werden und glauben, das sei normal. 12-Jährige verschicken Nacktfotos, 13-Jährige mimen auf Instagram die Lolita und schreiben unter ihre aufreizenden Bilder: "nicht dein Girl."

Ist das die große Freiheit, von der immer alle reden? Ist es wirklich die freie Entscheidung all dieser Tausenden jungen Frauen, ihre Körper so in der Öffentlichkeit zu zeigen? Wissen sie wirklich, was sie da tun, ganz im Sinne von: "My body, my choice"? Ich denke: Sie wissen nicht, was sie tun. Sie sind zu jung, um die Tragweite in Gänze zu begreifen. Sie zeigen sich freizügig, weil es alle machen. Weil dies das sogenannte Insta-Game ist.

Frauenkörper bewerten: Hot oder Schrott?

Menschen kämpfen für "Body positivity" und dafür, alle weiblichen Körper zu respektieren. Es ist eine ganze Bewegung entstanden. Auf der anderen Seite gibt es unzählige (!) junge Frauen, die sich für Aufmerksamkeit und den Wunsch nach Ruhm von Fremden im Netz bewerten lassen. Ist das nicht vollkommen irre? Sie bezahlen dafür, dass man ihre Körper bewertet: Du bist "hot", du bist "Schrott". Und wenn sie nicht als "hot" eingestuft werden, ist niemand da, der sie tröstet, sie aufklärt und ihnen sagt, wie wahnsinnig diese Welt ist. Und in ihrer Unsicherheit rennen sie den Schönheitschirurgen die Bude ein, lassen sich die Lippen aufspritzen, die Brüste vergrößern und wollen so aussehen wie auf ihren Filter-Fotos.

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Das sind keine freien jungen Menschen! Das sind Kinder, die glauben, sich so geben zu müssen, um erfolgreich zu sein. Es ist das traurige Abbild einer heuchlerischen Gesellschaft, die behauptet, Kinder seien das Wichtigste. Dabei ist das Wichtigste, wie man auch hier wieder feststellt, wie immer der Profit.

Nur der Vollständigkeit halber: Die Anfrage, ob ich für 15 Dollar Promo machen möchte, kam von der Administratorin höchstpersönlich. So viel Zeit zum Gendern muss sein. In diesem Sinne: Viele Grüße, Ihre Rothaarige.

Quelle: ntv.de

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