Leben

In Vino Verena Wenn Mütter ihre kleinen Kinder vermarkten

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Kinder haben das Recht auf Privatsphäre.

(Foto: Canva)

Nicht "Sex sells" sondern "Kids sells": Das ist die Devise vieler "Mamablogger", die aus ihrem bunten Familienalltag berichten. Doch wer genauer hinschaut, sieht, dass viele Kinder für Likes vermarktet werden. Ein lukratives Geschäft auf dem Rücken jener, die sich nicht wehren können.

Manchmal hört man im Leben Dinge, die klingen so absurd, dass man sie einfach nicht glauben will. Aber ich habe inzwischen die Erfahrung gemacht, dass vieles, was sich auf den ersten Blick unmöglich, nahezu ballaballa anhört, im Nachhinein leider oft wahr ist. Es soll heute um die sogenannten "Mamablogger" gehen. Hereinspaziert in eine Welt, die von Social Media als "familienfreundlich" angepriesen wird, die aber in Wahrheit nichts anderes ist, als eine, in der Kinder oft vermarktet und wie Trophäen Millionen Followern - oder vielleicht sollten wir sie lieber Voyeure nennen - präsentiert und vorgeführt werden. Als sei es das normalste der Welt, dass man mit den Kleinen sehr viel Geld und lukrative Werbedeals machen kann.

Nicht "Sex sells" heißt auf Instagram die Devise einiger Frauen, sondern "Kids sell". Mamablogger sein: die Welt und die Abonnenten am "Fun mit den Kids" teilhaben lassen und ihnen dabei jede Menge Rabattcodes andrehen. Schauen wir uns diesen "Berufszweig" einmal genauer an! Natürlich gibt es auch seriöse Mamablogger, jene, die über ihren Familienalltag schreiben, ohne die Kinder dabei permanent vor die Kamera zu ziehen. Aber von vorn.

Neulich meinte ein Kollege zu mir, er glaube, so manche Mamabloggerin bekäme sogar (mehr) Kinder, um lukrativer ins Social-Media-Geschäft einzusteigen, frei nach dem Motto: mehr Kinder, mehr Likes, mehr Rabattcodes, mehr Geld. Ich sagte zu ihm: "Jetzt übertreibst du aber! Das ist Polemik!" Tatsächlich ist es das nicht. Ich habe während der Recherche zu meiner Kolumne die absurdesten, haarsträubendsten und traurigsten Dinge gesehen. Dinge, bei den man sich wirklich fragen muss: Wo ist er nur geblieben, der viel gepriesene gesunde Menschenverstand?

20 Prozent Rabatt - "auch für kleine Jungs ganz süß"

Alles, was Sie jetzt hier lesen, ist kein Witz! Es ist öffentlich, Sie können sich gern selbst überzeugen! Ich sehe beispielsweise kleine Kinder, die in einem Kochtopf stecken, der auf einem Herd steht. Nudeln und Tomatensoße inklusive. Haha, das gibt viele Likes. Ich sehe Kinder in Waschmaschinen, Mütter, die die Geburt ihres Kindes für ihre Abonnenten filmen und sehr sehr viele Mamablogger, die ihre Sprösslinge in allen erdenklichen Momenten und Lebenslagen fotografieren und filmen.

Zwischendurch überlege ich, die Recherche abzubrechen, weil ich bereits nach wenigen Klicks und Minuten vollends vom Glauben abfalle. Ich erhalte immer mehr Hinweise und mit jedem wird alles noch kruder und irrer. Ich sehe Mütter, die ihre Kinder fast nackt wie kleine Kissen auf dem Sofa drapieren und ihnen Schmuck um die winzigen Hälse hängen. Dazu schreiben die Kinder-Vermarktungs-Muttis Sätze wie diese: "Juhu. Endlich ist mein Lieblingsschmuck online! Die Babys tragen Schutzengel-Kettchen aus echtem Gold. So schön hochwertig und total zeitlos. (…)" Und jetzt kommt er - der Lockspruch, der immer fällt und von dem man sich allen Ernstes fragt, wieso überhaupt noch jemand auf diesen Kladderadatsch hereinfällt: "Und weil ich so begeistert bin, (…) habe ich heute eine Überraschung für euch! Mit meinem Code … bekommt ihr 20 Prozent Rabatt! Gilt aber nur bis Sonntag, also beeilt euch." Als wäre dies nicht schon unangenehm genug, wanzt man sich auch an die potenziellen Käufer heran, die Söhne haben. Nicht, dass die glauben, die Ketten gäbe es nur für Mädchen. Nein, nein! "Ich find's ja auch für kleine Jungs total süß."

Ich sehe ganze Familien, in denen sich 24/7 alles nur um die Kinder dreht. Die Kamera ist immer dabei. Leider dürfen die Sprösslinge samstags nur selten auf den Spielplatz, weil da immer "Drehtag" ist. Man kann das freilich gern Drehtag nennen, man kann aber genauso gut auch Kinderarbeit dazu sagen. Denn nichts anderes ist es, wenn man mit dem Nachwuchs Kohle macht. Und die Villa in Ibiza will ja schließlich auch bezahlt werden!

"Du bist ja nur neidisch, weil du keine Kinder hast"

Es ist nicht das erste Mal, das ich mich mit dem Thema kritisch auseinandersetze. Aber Kritik wird nicht gern gehört, klar. Frauen schreiben mich an und werfen mir vor, "von Neid zerfressen" zu sein oder sie fragen, wo mein "Problem" sei. Ich sei eine, die keinen Erfolg gönne. Es ist wie so oft bei derlei Debatten. Als Erstes wird stets das Neid-Argument angebracht. Naja, und noch anderer absichtlich kränken wollender Blödsinn, den ich hier nicht wiederholen möchte.

Mit jeder neuen Schwangerschaft steigen die Zahlen der Abonnenten. Man bespricht die Konsistenz in der nächtlichen Windel, zeigt das Weinen ob der ersten Zähnchen und Social Media nennt das alles "familienfreundlich" - während ich mir vorstelle, was die Kinder später ihren Eltern sagen werden, die ihr Recht am Bild und ihre Privatsphäre für Likes und Werbedeals mit Füßen getreten haben.

Es ist ein riesiges Geschäft auf dem Rücken der Kinder und - es ist äußerst lukrativ, fremde Menschen den eigenen Nachwuchs bis aufs Töpfchen folgen zu lassen. Was mit den Bildern und Filmen geschehen kann und auch millionenfach (!) geschieht, wird gern ignoriert und als "Angstmache" abgetan.

Jüngstes Beispiel, das mich emotional ziemlich aufrieb, war eine prominente Person - geistig definitiv vollkommen insolvent - die Werbung für falsche Wimpern machte und dabei ihre kleine Tochter filmte, die gerade auf dem Topf saß. Sie verhökern allen möglichen Kokolores und vergeben Rabattcodes und die Masse ist wie eine Schafherde und konsumiert die Produkte, die im Vergleich mit dem gängigen Drogerie-Sortiment meist auch noch vollkommen überteuert sind.

Das erfolgsbesoffene Ego der Hochglanz-Mütter

Es tut mir leid, das so deutlich sagen zu müssen, aber: Firmen, die mit Leuten arbeiten, die ihre kleinen Kinder vermarkten, haben den Schuss nicht gehört! Und natürlich wird dem Konsumenten ja ach so gern suggeriert, dem kleinen Ben und der süßen Maus würde das alles "ganz großen Spaß" machen. "Stimmt's, Ben, du magst mit der Mama Videos drehen?" Und Ben, keine vier Jahre alt, nickt einstudiert das kleine Köpfchen.

Unter so manchen Mamabloggern findet man selbstverständlich auch ganz tolle Fachfrauen, die anderen meist jungen und größtenteils sehr verunsicherten Rat suchenden Müttern Tipps geben. Und diese letztlich nur noch mehr verunsichern. Dieser Kinderwagen tauge nichts, die Beikost der Marke XY schade dem Baby, dies und jenes seien für das Baby "gefährlich". Es ist für Außenstehende nur schwer zu verstehen, dieses erfolgsbesoffene, überbordende Ego so mancher Hochglanz-Mutter, deren süßer Amelie - im weißen Markenkleidchen - vor laufender Kamera die Windel gewechselt wird.

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Der Wahnwitz schlechthin: Während die Reichweite von Menschen, die sich beispielsweise für eine klimagerechtere Politik, gegen Rassismus, Sexismus und/oder Frauenfeindlichkeit einsetzen, eingeschränkt wird, werden all jene, die "familienfreundlichen" Content produzieren, vom Social-Media-System belohnt.

Und genauso, wie ich immer wieder sage, dass der TV-Konsument eine Verantwortung hat und abschalten kann, wenn das Niveau wieder mit 180 Sachen gegen die Wand fährt, so haben auch Menschen in den sozialen Medien eine Verantwortung. Kinder haben das Recht auf Privatsphäre und aufzuwachsen, ohne dass ihnen Tausende Menschen dabei zuschauen! Wer vorgibt, er folge derlei Kinder-Vermarktungs-Blogs nur wegen des amüsanten Familienlebens, ist naiv und Teil des Problems. Keine Aufmerksamkeit für Menschen, die die Rechte ihrer Kinder für Rabattcodes verjubeln!

Quelle: ntv.de

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