Leben

In Vino Verena SUV-Fahrenden ans Bein pinkeln verboten!

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Unsere Kolumnistin vor einem Auto mit klarer Design-Sprache und Charakter.

Es ist paradox: Die Städte werden immer voller, die Autos aber immer größer und breiter. Vor allem der SUV-Markt boomt. Unsere Kolumnistin über die rollenden Schrankwände auf unseren Straßen, besoffene Designer und die TOP3-Gründe, den SUV-Kauf zu rechtfertigen.

Liebe Leserinnen und Leser, ich freue mich, verkünden zu dürfen, dass ich wider Erwarten und trotz Impfung nicht den Löffel abgegeben habe und heute mit einem Thema um die Ecke komme, das nicht neu ist, aber worüber ich gern mit Ihnen sprechen möchte. Es geht um die permanente Zunahme der rollenden Schrankwände in unserem Straßenverkehr.

Vor etwa drei Jahren habe ich schon einmal über dieses Thema geschrieben. Mir wurde anschließend von ein paar Lesern "Sozialneid" vorgeworfen und ich versichere Ihnen hiermit hoch und heilig, kein bisschen neidisch auf all jene zu sein, die mit ihren fahrenden Familien-Festungen fast zwei Parkplätze brauchen. Das SUV-Thema treibt mich immer wieder mal um. Ich möchte einfach verstehen, warum immer mehr dieser unförmigen Schlachtschiffe unsere Straßen verstopfen und was Menschen wirklich dazu bewegt, sich einen fahrbaren Untersatz zuzulegen, der gefühlt die Größe eines kleinen Sommerhäuschen hat.

Ich will hier keinem SUV-Fahrer und keiner SUV-Fahrerin ans Bein pinkeln und habe vorab zu dieser Kolumne eine kleine Umfrage in meiner Community gestartet. Einige erzählten mir ihre persönlichen Gründe, wieso sie mit halben Panzern durch die Walachei brettern. Das sind die TOP 3: tolle, erhöhte Sitzposition, verbessertes Sicherheitsgefühl, der hohe Einstieg, der sich bei Rückenleiden auszahlt.

Die anderen Argumente, die ich zum Teil nachvollziehen kann, sind: Menschen mit Hüftprothesen fällt das Ein-und Aussteigen leichter und Leute auf dem Land loben die Geländewageneigenschaften. Aber Gründe wie: Bodenfreiheit, das Transportieren der Hunde, das erleichterte Anschnallen des Nachwuchses und "weil man da drin so sexy" sitzen kann, irritieren mich dann doch sehr.

Wenn man die gesundheitlichen Aspekte in den Fokus rückt, könnte man meinen, so ein SUV wäre vermehrt ein Auto für Ältere. Was ja überhaupt nicht stimmt, wenn man sich die Leute hinterm Steuer anguckt. Ich merke schon: Ich laviere ein bisschen herum. Das geht so nicht! Ich muss den SUV-Irrsinn jetzt leider komplett auseinandernehmen, und wenn Sie, liebe Sprit verschleudernde SUV-Fahrende mich dann zuparken, ist das okay. Ich hab im Kofferraum meiner Franzosengurke ein altes Klapprad.

Warum sehen viele Autos so gleich aus?

Fangen wir bei der Optik an. Die Zeiten der großen Design-Ikonen sind offenbar vorbei. Geht das eigentlich schon als Beleidigung durch, wenn ich finde, diese SUV-Karren sehen irgendwie alle gleich aus? Ja, okay, Sie könnten jetzt dagegenhalten und sagen, dies ist ein Problem vieler neuer Fabrikate. Hamse vollkommen recht! Eigenständige Designsprache: Fehlanzeige! Aber mal ehrlich: Ich stelle mir vor, wie diese ganzen Auto-Designer - von Audi über Porsche bis hin zu Skoda - gemeinsam in Malle saufen und dann komplett zugedröhnt ein paar Entwürfe zurechtschustern, die sie am Wochenanfang schließlich den Bossen mit der gebührenden Seriosität als zukunftsträchtigen Geniestreich unterjubeln. Hauptsache rundlich und monströs. Perfekt, um im Dauerstau die Sitze zurückzuklappen und den Grill anzuwerfen.

Ich muss wirklich laut lachen, wenn ich sehe, was heutzutage als "Kleinwagen" gilt. Allein das Wort! Was ist da bitte falsch dran zu verstehen? Und überhaupt: Wieso heißt der Mini immer noch Mini, wenn er längst schon maxi ist? So schrieb mein ntv-Kollege Axel Busse bereits 2014: "Begreift man die Mini-Historie als kontinuierlichen Prozess, so ist das Auto im Schnitt pro Jahr um etwa anderthalb Zentimeter gewachsen."

Hier mal eine Übersicht über die Autos, die ich bei Mike - meinem Schrauber des Vertrauens - käuflich erworben habe: Peugeot 106, Opel Corsa, Seat, Citroën AX, Fiat Panda. Das waren noch Kleinwagen! Okay, die hatten auch alle ihre Krankheiten - besonders der Panda, dieses Miststück! Als sogenannte "Frauenautos" waren sie auch nicht immer der Kracher, aber ein Tennisnetz aufspannen konnte man in den Schüsseln jedenfalls nicht!

Die Logik in der Tendenz, dass Autos immer größer, breiter und schwerer werden, obwohl unsere Städte immer voller und der Platz immer enger wird, will mir nicht in den Sinn. Ich sehe ihn täglich auf den Straßen, diesen elenden Schwanzlängen-Vergleich, wer mit dem größeren und teureren gepanzerten Selbst unterwegs ist und von seinem hohen Sitz nicht nur auf die Straße und den Verkehr, sondern ein Stück weit auch auf die Menschen und die Umwelt herabschaut, frei nach dem Motto: 'Was juckt mich der CO2-Ausstoß? Mir ist die Übersichtlichkeit wichtig.' In diesem Zusammenhang klingt es nahezu pervers, wenn es heißt, man fahre zwar so einen fetten Brummer, aber es sei ja ein Elektro-SUV.

Wir müssen den Sinn von SUVs hinterfragen

Ein Auto war und ist schon immer auch ein Statussymbol gewesen. Das eigene Ego streicheln und aufwerten. Aber mir erschließt sich nicht, wieso diese Kolosse eine solche Beliebtheit genießen. Das kann doch nicht nur am erhöhten Einstieg oder dem Gefühl von Sicherheit im Straßenverkehr liegen! Felix Wadewitz vom "Spiegel" schrieb: "Nicht alle SUV sind riesig, doch die automobile Adipositas beschränkt sich nicht auf die Stadtgeländewagen. Längst haben viele Autofahrer Probleme, in voll geparkten Tiefgaragen die Türen so weit zu öffnen, dass sie auch aussteigen können."

Wir alle und ja, auch Sie, liebe SUV-Fahrende, müssen den Sinn und Nutzen dieser Spritschleudern hinterfragen. Es ist nicht damit getan, wenn die Autobauer sagen, sie würden sich ja nur den Wünschen ihrer Kunden anpassen. Ja, bitte! Ich wünsche mir ein Auto, das auf 10 Kilometer Entfernung alle aggressiven und keifenden Verkehrsrowdys ortet und ihre Karren zur Strafe für einen Monat automatisch stilllegt. Sozusagen einen Umwelt-"Knight Rider" bzw. Umwelt-K.I.T.T. Ein bisschen Herpes für die Brüller und schlimmsten Rüpel könnte man als Extra buchen. Genauso wie ein ansprechendes Design der Kopfstützen. Das wird ja wohl zu machen sein in unserer heutigen modernden Zeit! Ich bin ein Kunde. Erfüllen Sie gefälligst meine Bedürfnisse!

Wow, Thorsten, wenn du einen SUV fährst ...

Auch schlimm: Auto-Werbung. Meine persönliche Pest unter den Werbespots. Mir wird regelrecht übel, wie dem Kunden ein zutiefst verlogenes Gefühl von Freiheit vorgegaukelt wird. Wow, Thorsten, aber wenn du erstmal einen SUV fährst, wartet an jeder Ecke das große Abenteuer auf dich! Und Brunhilde, du musst nur einsteigen und kannst deinem Alltag mindestens bis zum nächsten Stau auf der A7 entfliehen! Man kann es an dieser Stelle ruhig in aller Deutlichkeit sagen: Auto-Werbespots sind in den meisten Fällen um Einiges peinlicher als ein tiefergelegter Opel Manta mit auf Hochglanz poliertem Spoiler.

Natürlich gibt es auch umsichtige SUV-Fahrende, aber man kann es nicht von der Hand weisen - dieses oft aggressive Überlegenheitsgefühl all jener, die mit einer solchen Anti-Design-Karre steil unterwegs sind. Natürlich wird meine Kolumne nicht zu einem Umdenken bei SUV-Fans führen, aber Hand aufs Herz: Tatsächlich "brauchen" die wenigsten solch einen Wagen - vor allem in unseren Städten, in denen Platz mittlerweile Mangelware ist. Oder um es mit den Worten eines SUV-Kritikers zu sagen: "Wer Schiffe fahren will, darf gerne im Hafenbecken parken."

Quelle: ntv.de

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