Leben

Aus der Schmoll-Ecke So geht neutraler Journalismus über SUVs

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Kinder in möglichst großen Autos zur Schule zu bringen, ist vermutlich aus mehreren Gründen nicht sinnvoll.

(Foto: imago images/Stefan Zeitz)

WDR-Intendant Tom Buhrow wünscht sich, dass auch in der ARD "Debatten fairer, ausgewogener, breiter geführt werden". Meint er den "Quarks"-Bericht über "Menschen, die mit über zwei Tonnen Stahl durch die Gegend fahren"? Ein super Beispiel.

"Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" Ein grandioser Satz von Wolfgang Johann von Goethe, einem Vorreiter der Gleichberechtigung. Er hätte ja auch niederschreiben können: "Hier bin ich Mann, hier darf ich's sein!" Hat er aber nicht. Und weil er obendrein mit der klimaschonenden Kutsche nach Italien fuhr und wir über die Furze der Pferde, die das Gefährt zogen, großzügig hinwegsehen können, brauchen wir die Goethe-Straßen nicht umzubenennen. Zumal der Dichter früh auf die Erderwärmung aufmerksam machte: "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche." Früh forderte er eine Klimaregierung: "Im Tale grünet Hoffnungsglück."

Ich bin nicht sicher, ob meine Interpretation stimmt, aber neuerdings wird das Gestern ja gerne mit den Maßstäben von heute bewertet. Also darf ich das auch. Mein Urteil lautet: Kolumbus war böse, Goethe war gut. Wobei man nie weiß, ob der Herr Schriftsteller nicht als 13-Jähriger irgendein Zeichen des Bösen in eine Baumrinde geritzt hat. Twitter gab es damals ja nicht. Egal: Zurücktreten kann er eh nicht mehr. Das tue ich auch nicht, obwohl ich als Junge in der Schule Hammer und Sichel gemalt habe - und das auf ausdrückliche Anweisung meiner Lehrerenden (früher politisch unkorrekt "Lehrer" genannt).

Ich hoffe, von meiner Hammer-und-Sichel-manchmal-auch-im-Ährenkranz-Kunst gibt es keine Fotos. Sonst bin ich dran. Denn Hammer und Sichel sind das Symbol, das nach der Oktoberrevolution erfunden wurde und für Lenins politische "Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer, von den Flöhen - den Gaunern, von den Wanzen - den Reichen und so weiter und so fort" steht. Nachher heißt es noch, ich sei Fan von Massenmördern. Nein, ich lehne Massenmord ab. Aber ich gebe zu: Das war nicht in Ordnung, genauso wie alle anderen diskriminierenden Aussagen. Egal, wie ironisch ich mit 14 vielleicht sein wollte. Ich bin doch auch nur ein Sehr-Gutmensch.

Menschen vor und hinter der Kamera

Bei ARD und ZDF darf man noch Mensch sein. Dort ist jeder Mensch. Dort arbeiten Menschen, die ihre Arbeit machen. Dort sind Menschen aktiv, die vor oder hinter der Kamera aktiv sind. Dort sind Menschen beschäftigt, die sich mit Dingen beschäftigen, etwa Nachrichten formulieren und vorlesen. Denn der Begriff "Mensch" schließt alle ein, auch Frauen und Leute, die sich anders fühlen. Das hat den Vorteil, dass Nachrichtensprechende, wie Nachrichtensprecherinnen und -sprecher neuerdings genannt werden müssen, damit alte weiße Männer endlich verstehen, dass Frauen in Rundfunkräte gehören, sich keinen mehr abbrechen und jedes Mal "Rentnerinnen und Rentner" oder "Rentenbeziehende" sagen müssen. Die heißen nämlich "Menschen, die Rente kriegen". Ja, habe ich selbst im ZDF gehört.

"Landauf, landab wirken die Wahlkämpfenden verunsichert", hieß es in einem ARD-Bericht über eine Partei, die später verloren hat. Es geht doch viel menschlicher: "Landauf, landab wirken Menschen, die Wahlkampf machen, verunsichert." Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht doch für Fortschritt. Tom Buhrow, ein Mensch, der die Intendanz des WDR und den Vorsitz der ARD innehat, wünscht sich, dass "Debatten fairer, ausgewogener, breiter geführt werden", wobei er Defizite ausmacht und "uns bei der ARD von der Kritik" nicht "ausnehmen will. Auch wir machen Fehler, haben in der Vergangenheit Fehler gemacht. Und glauben Sie mir, sie tun weh", schrieb Mensch Buhrow in der "Zeit". "Der Mensch mit der anderen Meinung wird zum Gegner, Diskussionen werden im Keim erstickt. Dass diese Entwicklung für eine Demokratie das pure Gift ist, muss ich nicht weiter ausführen."

Die ARD-Wissenssendung "Quarks" machen Menschen, die viel wissen, für Menschen, die mehr wissen wollen. Oder doof sind. Neulich sah ich eine Folge, die Mensch Buhrow sicher auch geguckt hat. Ein Mensch, der als Reporter arbeitet, berichtete über SUVs, weshalb er Menschen in SUVs befragte, die kleine Menschen mit SUVs zur Schule brachten. Der berichtende Mensch sagte: "Ich versteh das nicht: Wir haben Klimakatastrophe, wir haben keinen Platz mehr in den Städten. Ich möchte heute herausfinden: Warum wollen immer mehr Menschen mit über zwei Tonnen Stahl durch die Gegend fahren? Und ist das nicht ein bisschen asozial dem Rest der Gesellschaft gegenüber?"

"Schöne, große Autos"

Da ist natürlich sofort klar, dass der Mensch, der hier als Reporter auftritt, neutral ans Werk geht und mit seiner Meinung strikt hinter dem Berg hält. Damit das niemand entdeckt, schiebt er seinen Sekunden zuvor geäußerten Gedanken nun "Leuten" zu: "Es gibt ja Leute, die sagen, SUV sind asozial", teilt er einem Menschen im SUV mit und schwindelt: "Darf ich Sie schnell was fragen: Wir machen was über schöne große Autos." Der Mensch, der reden soll, zögert und sagt, der Bericht könne "nur negativ" sein. Der Mensch, der berichtet, antwortet scheinheilig: "Wieso glauben Sie gleich, dass das negativ ist?" Befragter Mensch: "Weil das immer der Rahmen ist." Fragender Mensch: "Warum?" Befragter Mensch liegt nicht übel: "Weil die schönen großen Autos immer die Stadt verpesten und die Parkplätze wegnehmen."

Fragender Mensch: "Das finde ich schon mal ganz spannend, dass Sie gleich sozusagen das Gefühl haben, dass Sie in eine Ecke gedrängt werden." Nun lesen Sie noch einmal die Aussage zwei Absätze höher. Putzig, was? Am Ende sagt der Mensch, der berichtet, ihm sei "aufgefallen", Menschen, die SUV fahren, seien "nicht so wahnsinnig gesprächsbereit". Warum wohl? Ein Vater sei "richtig sauer" geworden, "es würde Stimmung gemacht gegen SUVs". Warum war der Mensch, der Vater ist, wohl "richtig sauer"? Der Mensch, der ganz neutral berichtet, hat ein Herz für Menschen, über die er berichtet: "Mir tun die Kinder leid, die zu Fuß kommen." Heul. Wein. Seufz.

Mensch Kühnert oder Kuban

"Wir dürfen uns den beschränkten Echokammern, den Meinungsmilieus im Land, rechten oder linken, niemals anschließen", ließ Mensch Buhrow in der "Zeit" seine Mitmenschen wissen. Für neutralen und gar nicht manipulativen Journalismus jenseits des "Meinungsmilieus im Land" wie bei dem "Quarks"-Bericht zahle ich gern Gebühren. Aber noch lieber für eine sechsteilige Serie über einen Menschen, der Kevin Kühnert heißt und in der SPD ist. Ein Team läuft drei Jahre einem einzigen Politiker hinterher und macht dann sechs Folgen von jeweils etwas mehr als 30 Minuten. Die müssen Kohle haben bei der ARD.

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Ich habe bei der Jungen Union nachgefragt, wann die sechs Folgen über den Menschen kommt, der ihr Vorsitzender ist und Tilman Kuban heißt. Nichts da. Wieso jetzt? Warum denn nicht? Die ARD ist doch neutral und kümmert sich gleichsam um alle Bundestagsparteien, oder? Nun müssen wir erst einmal mit der Doku über Mensch Kühnert vorliebnehmen. Die lohnt sich. Meine Lieblingsstelle ist, als ein weiblicher Mensch, der auch in der SPD ist, zu Mensch Kühnert sagt: "Mir wurde gerade gesagt, dem hast du zugestimmt." Mensch Kühnert antwortet: "Nein." Der andere weibliche Mensch sagt: "Dann lügen die schon wieder." So kann ich guten Gewissens über die SPD sagen: Dort ist man Mensch, dort darf man es noch sein.

P.S. Bevor Sie mir Mails schreiben: Ich finde den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr wichtig für unsere Demokratie, zahle wirklich gern Gebühren, stimme Buhrow zu und habe nichts gegen eine Doku über Kühnert. Mehr Ausgewogenheit fände ich aber trotzdem schön.

Quelle: ntv.de

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