Leben

Cross-Dressing bei der Wehrmacht Soldaten trugen Frauenkleider

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Diese Foto stammt aus dem Kapitel Rekrutenzeit.

Sammlung Martin Dammann

Von Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg haben die meisten klare Vorstellungen: Männer in Uniform, Waffen und Fahrzeuge. Doch es gibt auch ganz andere Bilder: Soldaten in Frauenkleidern, geschminkt und frisiert. Was hat es damit auf sich?

Seit Jahren kauft Martin Dammann für das Londoner "Archive of Modern Conflict" Fotoalben an. Unzählige Schnappschüsse von deutschen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs hat er mittlerweile gesehen. "Nach einiger Zeit ist mir aufgefallen, dass darunter immer wieder Bilder waren, auf denen sich Soldaten als Frauen verkleiden", erzählt der Maler und Fotokünstler n-tv.de.

Cross-Dressing bei der Wehrmacht? Was auf den ersten Blick absurd oder zumindest seltsam klingt, war keineswegs die Ausnahme. Dammann fand bei seiner Recherche so viele Bilder, dass er dafür sogar eine neue Untergruppe in seiner Sammlung bildete.

Soldier Studies: Cross-Dressing in der Wehrmacht
EUR 28,00
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118 dieser Fotos hat er nun für den Bildband "Soldier Studies - Cross-Dressing bei der Wehrmacht" zusammengestellt, unterteilt in die Kategorien Rekrutenzeit, Front und Kriegsgefangenenlager. Bisher gibt es zu diesem Themengebiet kaum Forschung, auch Dammann liefert lediglich eine Grundlage. "Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass es diese Bilder gegeben hat und wie viele."

Karneval im Krieg?

Warum sie überhaupt entstanden sind, darüber kann Dammann nur mutmaßen. "Einen starken Einfluss hat mit Sicherheit die Karnevalskultur im deutschsprachigen Raum, in der es Tradition war, dass Männer sich als Frauen verkleiden und umgekehrt. Aber im Grunde genommen war das nur der Ursprung." In der Kriegssituation, weit weg von zu Hause in feindlichem Gebiet, wo alles Vertraute und Sichere fehlt, bekomme das Verkleiden eine ganz andere Dringlichkeit und Funktion als beim Karneval. "Selbst dieses Juxhafte bietet vor der bedrohlichen Realität eine gewisse Erleichterung, wenn auch nur für den Moment", sagt Dammann.

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Auch an der Front war das Cross-Dressing weit verbreitet.

(Foto: Sammlung Martin Dammann)

Die Motivationen für die Verkleidung und das fotografische Festhalten bleiben dennoch vage. Möglich sind das Vermissen von Weiblichkeit in einer fast ausschließlich männlichen Umgebung ebenso wie unterdrückte Homosexualität oder Transgendergefühle. Der Sozialpsychologe Harald Welzer schreibt in seinem Nachwort, es sei kaum "möglich zu dechiffrieren", wo die Verkleidung Ersatz für die fehlende reale Frau ist, wo in Ermangelung der Schauspielerin eine Rolle besetzt wird und wo sich ein sexuelles Bedürfnis äußert. Welzer mutmaßt, es sei mal so und mal so gewesen.

Dammann war überrascht, wie offen diese verborgenen Gefühle zum Teil zutage treten. Bei den Bildern handele es sich schließlich um Privatfotos, die von "untrainierten Menschen gemacht wurden, die ihr Erleben unmittelbarer und direkter als Profi-Fotografen dokumentiert haben und sich der Bildmittel nur bedingt bewusst waren." Insofern tragen die Bilder keine gezielte Botschaft, sondern seien einfach nur Dokumente. Mit Sicherheit habe es aber auch unter Wehrmachtssoldaten die unterschiedlichsten sexuellen Ausrichtungen gegeben.

Verwandlung gegen die Langeweile

Der Sammler glaubt, dass bei der Entstehung der Bilder Langeweile und Alkohol eine nicht unerhebliche Rolle spielten. "Die Realität im Krieg bestand zum allergrößten Teil nicht aus Kämpfen und Gefahr, sondern aus Langeweile, stupidem Drill und der Organisation von Alltagsbedürfnissen", sagt Dammann. "Der Kampf ist die Ausnahme in einem permanenten Ausnahmezustand." Dann retten sich jugendliche Rekruten in den Klamauk, Frontsoldaten führen Theatervorstellungen auf und in den Kriegsgefangenenlagern werden aufwendige Inszenierungen einstudiert.

Der Aufwand, dem die Soldaten dafür betrieben, war zum Teil immens. Manchmal ist die Verwandlung lediglich mit einem Kopftuch, Lippenstift oder BH angedeutet, schon ein Handtuch und etwas Kokosnussartiges reichen für die Illusion von Weiblichkeit. Auf anderen Bildern sind jedoch auch Kleider, ein fast perfektes Makeup und aufwendige Frisuren zu sehen. Woher die Frauenkleider kommen, geht aus den Beschriftungen der Fotos nicht hervor. Vielleicht sind sie geliehen, gestohlen oder beschlagnahmt. Auf einigen Bilder ist gar keine Verkleidung zu erkennen, Dammann hat sie aber trotzdem in den Bildband aufgenommen. "Dort wird lediglich aus der Darstellung deutlich, wer jetzt die weibliche und wer die männliche Rolle einnimmt", sagt er.

Manchmal verschwimmen die Konturen eben, nicht nur die zwischen männlich und weiblich, auch die zwischen den Motivationen, sich auf bestimmte Weise zu zeigen. Die Betitelung in den Fotoalben, soweit sie erhalten ist, lässt kaum auf Scham oder Irritation schließen. Ganz selbstverständlich  ist da von Strandfesten oder den "Damen der Varieté-Gruppe" die Rede. "Ich probiere Damenwäsche", heißt es oder "Bauchtanz der Nachrichtenstaffel". 

Auch deshalb vermutet Dammann, dass Cross-Dressing für Wehrmachtssoldaten "eine ziemlich normale Erfahrung war, die viele auf die eine oder andere Art gemacht haben". Der Soziologe Welzer sieht es genauso, für ihn belegen die Fotos die "Normalität und gerade nicht die Abweichung, auch und in gerade in Zeiten des Krieges". 

Quelle: n-tv.de

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