Leben

Olaf Heines "Rwandan Daugthers" "Starke Frauen in meinem Leben"

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Eugenie M. mit ihrer Tochter Denise, Mugina, 2018

(Foto: Olaf Heine )

Ruanda ist ohne Zweifel ein schönes Land, mit einer schrecklichen Vergangenheit allerdings. Ruanda ist das Start Up-Land Afrikas, im Aufschwung begriffen, in der Verfassung ist die Gleichberechtigung der Geschlechter verbrieft. Es gibt jedoch auch Menschen, die von diesem Fortschritt nicht profitieren. Sie gehören zu den Überlebenden des Genozids und wissen nicht, wie sie ihren Kindern erklären sollen, wer ihr Vater ist. Denn dieser Vater ist ein Mörder, ein Vergewaltiger, er ist ein ehemaliger Nachbar oder Arbeitskollege, der in diesem Krieg eine Frau vergewaltigt und geschwängert hat. In einem Krieg, der nicht nachvollziehbar ist - aber welcher Krieg ist das schon? Genau diese Frage hat sich der Fotograf Olaf Heine, berühmt für seine Porträts von Musikern und Stars, auch gestellt. Er ist nach Ruanda gereist, um die Frauen, die den Genozid überlebt haben, und ihre mittlerweile 25 Jahre alten Kinder zu fotografieren. Entstanden ist ein Projekt, das die Kraft dieser Frauen und vor allem ihrer Töchter zeigt. Das daraus entstandene Buch aus dem Verlag Hatje Cantz hat den Deutschen Fotobuchpreis in Silber gewonnen hat. Sting hat der filmischen Dokumentation einen Song geliehen, und schlussendlich zeigt der Salon Frieder Burda in Berlin die Ausstellung "Rwandan Daughters". Die Arbeit vor Ort geht jedoch weiter, die Frauen und Kinder des Genozids müssen weiterhin dringend unterstützt werden. Olaf Heine spricht mit ntv.de über die Chancen, die Schwierigkeiten und die Tragweite eines Kriegs, der noch weiteren Generationen in den Knochen stecken wird.

ntv.de: Ein schweres Thema, über das wir sprechen …

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Olaf Heine guckt sehr genau hin.

(Foto: Romney)

Olaf Heine: Ja, es war nicht einfach, eine Galerie für die Bilder zu finden und auch, das Buchprojekt umzusetzen.

Worum geht es dir vor allem bei dem Thema der "Rwandan Daughters", der ruandischen Töchter?

Es geht darum, dass hier systematisch Gewalt gegen Frauen ausgeübt wurde und es geht darum, zu beleuchten, wo diese Frauen heute stehen. Und ihre Kinder, die aus diesen Vergewaltigungen entstanden sind. Welche Chance haben sie? In einer Gesellschaft, die mittlerweile ja sehr modern ist und einen gewissen Wohlstand erlebt.

Diese Kinder sind jetzt alle 24 bis 25 Jahre alt - wie hast du die Mutter-Tochter-Paare gefunden?

Wir arbeiten mit der Organisation "Solace Ministries" in Ruanda zusammen, die bietet den Frauen Hilfe an in verschiedenster Form. Darüber haben wir die Frauen kennengelernt. "Wir" ist in diesem Zusammenhang die ora Kinderhilfe in Berlin, die Agentur meiner Frau Marion Heine, der Verlag Hatje Cantz, die Volkswagen Kulturstiftung und auch der Salon Frieder Burda mit der Kuratorin Patricia Kamp. Gemeinsam, aber in unterschiedlichen Konstellationen haben wir das Projekt, den Fotoband und jetzt auch die Ausstellung umgesetzt.

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Charlotte U. mit ihrer Tochter Sarah, Nyanza, 2018

(Foto: Olaf Heine)

Die Arbeit vor Ort geht weiter, auch wenn das Buch draußen ist, die Ausstellung fast vorbei, der Genozid beendet und das Land sich im Aufschwung befindet. Die Opfer gibt es, die Erinnerung ebenso und die Betroffenen müssen weiterhin damit fertig werden.

Genau, das Trauma ist nicht vorbei. Ich würde das mit der Zeit bei uns nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichen. Es wird unter Umständen ein paar Generationen dauern. Ich will aber gar nicht Ruanda und seine aktuelle Politik beurteilen - es geht viel mehr darum, dass die ora Kinderhilfe dort eine Organisation unterstützt, die sich um die Opfer des Genozids kümmert. Ruanda ist ein Land, das knapp eine Million Opfer zu beklagen hat und das jetzt in den letzten 25 Jahren durch finanzielle Unterstützung anderer Länder, durch die eigene Politik und die Gesellschaft zu einem sehr vorbildlichen Land in Afrika geworden ist. Es ist die Start Up-Zentrale Afrikas, da ist Geld. Dazu kommt, dass das Land mit seiner Frauenquote extrem an die Öffentlichkeit geht.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter steht in der Verfassung …

Ja. Und da eine ganze Männergeneration fehlt, muss man die Frauen auch dementsprechend einsetzen. Das heißt, es herrscht die höchste Frauenquote in Führungspositionen, das ist großartig. Aber die Frauen, die wir porträtiert haben, gehören zu den Verlierern. Das sind bis zu 250.000 Frauen - für ein kleines Land mit 3,5 bis 4 Millionen Einwohnern ist das eine ganze Menge. Und alle diese Frauen sind traumatisiert, physisch wie psychisch zerstört. Dementsprechend muss man - bei aller positiven Betrachtung des Landes - bedenken, dass da eine große Dunkelziffer an Frauen ist, die an dem ganzen Wohlstand und Fortschritt nicht teilhaben. 

Und denen hast du ein Forum verschafft …

Ich glaube, diese Tragweite ist uns nicht bewusst. Vergewaltigung wurde systematisch als Kriegswaffe eingesetzt - da sind Frauen wochenlang vergewaltigt, gefoltert und mitgeschleppt worden. Dass sie noch am Leben sind, grenzt bei einigen an ein Wunder. Viele Frauen haben mir erzählt, dass sie sich gewünscht haben, lieber nicht am Leben zu sein.

Wie sind dir diese Frauen gegenübergetreten? Du bist ein Mann. Ein weißer Mann …

Das spielt eine Rolle, stimmt. Ich musste mich an manchen Stellen sowohl dafür rechtfertigen, dass ich als Nordeuropäer nach Afrika gehe, um ein Projekt durchzuziehen, als auch, dass ich als Mann mit vergewaltigten Frauen Fotos mache. Meine Ebene, auf der ich mich mit den Frauen getroffen habe, war aber eine andere: Es ging weder um die Hautfarbe noch um das Geschlecht, es ging darum, dass ich auch Kinder habe. Und darum, dass ich starke Frauen in meinem Leben hatte und habe. Das fängt an mit meiner Großmutter, die während des Krieges aus Galizien geflüchtet ist, Kinder allein großgezogen hat und ein Land wieder mit aufgebaut hat, während ihr Mann - mein Großvater - in russischer Kriegsgefangenschaft war. Da gehört wirklich viel dazu! Meine Mutter hat mich auch allein großgezogen, ich war ihre Bezugsperson. Und damit kommen wir wieder nach Ruanda - oft sind die Kinder aus den Vergewaltigungen die einzigen Angehörigen der Frauen, die sie noch haben.

Es gibt nicht nur "Rwandan Daughters", es gibt auch "Rwandan Sons" …

Ja, das stimmt. Aus der Warte der Söhne ist das auch eine Katastrophe. Da ist ein blinder Punkt in der Biografie vieler junger Männer, die ihre Väter nicht kennen. Jungs wollen sich ja an ihren Vätern reiben oder orientieren, sie wollen wissen, wo sie herkommen. Mädchen natürlich auch. Aber das sind Väter, die Mörder waren und Vergewaltiger. Was das mit der Psyche junger Menschen anstellt, ist unvorstellbar.

Wie sind diese jungen Menschen?

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Beatrice M. mit ihrer Tochter Clementine, Kigali, 2018

(Foto: Olaf Heine)

Ganz oft sind die jungen Männer ganz besonders empfindsam, weich, sehr emotional. Ich habe in viele Abgründe geschaut. Frauen haben mir gesagt, dass sie ihren Töchtern nicht in die Augen sehen können, dass sie vor allem nicht mit ihnen darüber reden können, denn sie erinnern sie an den schlimmsten Tag ihres Lebens. Ich habe auch Töchter getroffen, die gesagt haben, sie hatten eine schreckliche Kindheit. Aber es gab auch nicht wenige, die gesagt haben, dass ihre Mutter ihre Heldin ist. Die sich fragen, wie man so etwas überleben kann.

Wie gehen Menschen mit dem Schrecklichen um?

Das ist schwierig. Wie kann man aus dem Erlebten eine Beziehung zu Menschen entwickeln, wie kann ich dem Schicksal entrinnen? Gar nicht. Genauso wie wir Deutschen unserer Geschichte nicht entrinnen können. Viele würden das ja gerne …

"Rwandan Daughters" ist dein viertes Buch, normalerweise schreibst du keine Texte zu deinen Fotos, hier schon.

Ja, ich bin Fotograf und möchte meine Bilder für sich selbst sprechen lassen. Aber bei diesem Buch war es mir wichtig. Ich habe drei Jahre im Vorfeld daran gearbeitet und es ist mir so wichtig, vor allem auch in Anbetracht der Tatsache, dass wir anscheinend nicht allzu viel dazulernen. An so vielen Stellen auf der Welt geschehen ähnliche Dinge und wir gucken weiter zu. In Syrien zum Beispiel.

Oder in Flüchtlingslagern.

James Nachtwey, der amerikanische Fotoreporter, hat gesagt, nachdem er damals aus Ruanda in die Flüchtlingslager in Zaire (heute Kongo) gereist ist, um dort die Zustände zu dokumentieren, er sei sich vorgekommen wie in einem Fahrstuhl zur Hölle. Denn das Grauen ging dort weiter.

Wie kann man am besten helfen?

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Godelieve A. mit ihrer Tochter Clementine, Kigali, 2017

(Foto: Olaf Heine)

Vor Ort. Bildung ist das A und O. Das ist der Ursprung unseres Projektes. Mir war besonders wichtig, festzuhalten, dass wir in  einem solchen Land wie Ruanda, das nun gesellschaftlich so nach vorne gerichtet ist, eine große Zahl an Kindern haben, die die eigentlichen Opfer und seit frühester Kindheit stigmatisiert sind. Sie werden aber nicht als Opfer betrachtet, sondern als Kinder von Mördern. Und da diese Kinder für ihre Familien, ihre traumatisierten Mütter, sorgen mussten, gingen sie nicht zu Schule. Sie können an dem Fortschritt, an der Bildung, nicht teilhaben. Und denen wollen wir helfen. Es ist ein mühseliger Prozess. Aber wir möchten ja auch, dass unsere Kinder in einer respektvollen, offenen Gesellschaft aufwachsen.

Lernen wir nicht aus der Geschichte?

Doch, aber ich denke, zu langsam. Wir leben immerhin in einer digitalen Gesellschaft und dieser digitale Fortschritt hat uns seit 20 Jahren in eine komplett neue Gesellschaft verwandelt. Ganz viele der Probleme ruhen in diesem Wandel zu einer digitalen Gesellschaft. Wir sind die erste Generation, die damit klarkommen muss, dass man sich überall und zu jeder Zeit Gehör verschaffen kann.

Fluch und Segen.

Ja, aber dieser Wandel in unserer Gesellschaft sorgt auch dafür, dass alles gleichzeitig wahr und falsch sein kann, dass alles unterschiedlich ausgelegt werden kann und man für alles eine Argumentation finden kann. Und für alles eine Gegenargumentation. Die kontrollierenden oder gesellschaftlich führenden Organe kommen ja selbst nicht damit klar. Jetzt wird sich auch zeigen, wie stark unsere Gesellschaft, wie stark unsere Demokratie ist.

Dieses Projekt hat dich verändert.

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*Datenschutz

Das, was ich in Ruanda erlebt habe, das habe ich nicht als Fotograf, sondern in erster Linie als Privatmensch erlebt. Es ist eine wichtige Facette, eine Perspektive auf die Welt. Mein Leben ist von Extremen geprägt - ich habe auf der anderen Seite ja die Entertainment-, die Musik- und Glamourwelt und das ist auch nicht die Realität (lacht). Meine reale Welt ist bei mir zu Hause.

Mit Olaf Heine sprach Sabine Oelmann

Die Ausstellung geht bis zum 22. Februar, Salon Berlin, Museum Frieder Burda, Auguststraße

Quelle: ntv.de