Leben

Der Denglische Patient The English Virus

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Social Distancing, Shutdown, Homeoffice: Mit dem Coronavirus verbreiten sich auch immer mehr Anglizismen in der deutschen Sprache.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sprachlich ist die Corona-Krise Fluch und Segen. Wir sprechen mehr deutsch-englischen Stuss denn je. Und wir haben endlich Zeit, an unserem Englisch zu arbeiten und eine selbstbewusste Zweisprachigkeit zu entwickeln.

Menschen wie ich, die sich mehr für Sprache als für Mathematik oder Virologie interessieren, haben in den vergangenen Wochen verstanden, mit welcher Geschwindigkeit eine neue Normalität entsteht - solange das Neue eine exponentielle Verbreitung findet. Man nennt es auch "den viralen Effekt". Dass er nicht nur für Viren und Zahlen gilt, sondern auch für Wörter, können Mathematiker, Virologen sowie Bierbrauer am Niedergang der Marke "Corona" erleben.

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Auch in unserer Alltagssprache ist eine neue Normalität entstanden. Denn auf einmal benutzen wir englische Begriffe, die vor Kurzem noch nur wenige Menschen im deutschen Sprachraum kannten geschweige denn gebraucht hätten: Shutdown, Lockdown, Tracking App, Home Schooling und nicht zuletzt die Abkürzung "Covid-19". Sie steht für Corona Virus Disease (und das Jahr 2019). Der größte Super Spreader all dieser Begriffe ist Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich. In ihren Ansprachen steckt sie Hunderttausende Menschen auf einmal an.

Dabei ist es völlig in Ordnung, dass manche Leute die Allgegenwärtigkeit der englischen Sprache schon länger mit einer Krankheit vergleichen - Ausbreitung und Ansteckungsgefahr ähneln ja tatsächlich einem Virus. Nehmen wir zum Beispiel Social Distancing, ein Ausdruck, der seit Mitte März in aller Munde ist - und gegen den nichts mehr hilft, weder Händewaschen noch Mundschutz.

Zugleich zeigt das Social Distancing, wie irreführend es sein kann, wenn wir uns bemühen, unsere Sprache mit Anglizismen zu bereichern. Selbst der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das Problem aufgefallen. Das Ziel bestand schließlich niemals darin, menschliche Beziehungen auseinanderdriften zu lassen und aufzulösen, sondern Menschen räumlich voneinander fernzuhalten. Längst wird deshalb innerhalb der WHO von Physical Distancing gesprochen. Doch die breite Bevölkerung zieht nicht mit - der virale Effekt zugunsten des sinnvolleren Begriffs bleibt also aus! Ob es an Influencern mangelt, die es vormachen oder ob es die klangliche Ähnlichkeit zu Social Media ist - am Ende ist und bleibt Social Distancing ziemlich asozialer Stuss.

Video calls und face-to-face Gespräche

Ein anderer Anglizismus, der die Corona-Krise für viele Menschen tagtäglich zur Sprachkrise macht, ist das "Homeoffice". Oder besser gesagt: unser Homeoffice. In diesem Fall waren es nämlich wir Deutschen selbst, die sich den Begriff ausgedacht haben. Es ist eine typischer Scheinanglizismus, der im gesamten englischen Sprachraum weder verwendet noch verstanden wird. Wer im Conference Call oder im Video Chat mit Kollegen von der Arbeit daheim sprechen möchte, sagt genau das: "I work/I am working from home." Aber nicht "I am/I do/I have home office". Denn auch das ist, offen gesagt, Stuss.

Als Denglischer Patient bin ich in den letzten Wochen immer wieder gefragt worden, ob uns die gegenwärtige Krise womöglich zwingt, weniger Englisch zu sprechen. Tatsächlich zwingt sie uns alle, in den nationalen Grenzen zu verweilen, also zu Hause zu bleiben und nicht mehr zu reisen. Das mag dazu führen, dass man auf einmal ein bisschen mehr Deutsch spricht, denglisch gesagt, face-to-face: mit den Nachbarn, mit dem Personal im Supermarkt oder mit Postboten an der Tür - stets mit dem gebotenen Sicherheitsabstand, versteht sich.

Zugleich beobachte ich, dass der Alltag vieler Menschen keineswegs einsprachiger geworden ist. Mehrsprachige Familien verhalten sich nicht anders, nur weil sie auf einmal miteinander telefonieren. Mehrsprachige Kollegen verhalten sich nicht anders, bloß weil sie auf einmal Video calls machen. Und von oben prasselt - durch Werbung, Politik, Experten oder Filme und Serien - immer mehr Englisch auf uns ein.

"The Absence of evidence is not evidence of absence"

Wie viel Englischkenntnis vorausgesetzt wird, verdeutlichte mir neulich ein einziger Moment im beliebten NDR Podcast des Berliner Virologen Dr. Christian Drosten. Millionen Menschen hören ihn jeden Tag. Im Zusammenhang mit medizinischen Erkenntnissen sagte der Mann: "The Absence of evidence is not evidence of absence." Wie bitte?

Drosten führt mit Sicherheit kein durchschnittliches Berufsleben. Er zählt von Deutschland aus zur Spitze einer internationalen Community von Forschern, die jeden Tag selbstverständlich viele Stunden Englisch spricht. Diese Gewohnheit hat er mit in die Sendung genommen. So unbedacht, wie viele von uns auf englischsprachigen Webseiten landen, um sich über die Krise zu informieren, weil es - längst nicht zum ersten Mal - eine internationale und damit automatisch auch in einem gewissen Maß eine englischsprachige Krise ist.

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Drosten wollte übrigens sagen: "Dass uns die Belege fehlen, bedeutet nicht, dass es keine Belege gibt." So einfach wäre der Satz auf Deutsch gewesen. Dass er es so nicht gesagt hat, bedeutet noch lange nicht, dass er es nicht kann.

Je mehr wir uns allerdings in dieser Krise Information, Unterhaltung und Kontakte in englischer Sprache suchen, desto mehr sollten wir an unserer Zweisprachigkeit arbeiten. Mein Praxistipp: Fangen Sie an, quer zu übersetzen, und fragen Sie sich, wie Sie gängige englische Begriffe à la Social Distancing in Ihre Muttersprache übersetzen würden. Es ist eine schöne und geistreiche Übung, die nicht nur hilft, Langeweile zu überbrücken, sondern uns alle immun macht vor ansteckendem Sprachstuss.

Quelle: ntv.de