Leben

In Vino Verena über Obdachlose "Wenn du Krebs bekommst, dann war's das!"

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Im Großraum Los Angeles leben offiziell rund 59.000 Menschen auf der Straße.

(Foto: privat)

Los Angeles. Endloser Sommer, weiße Strände, der Ozean vor der Tür und Tausende Obdachlose - Menschen, die die Gesellschaft vergessen hat. Unsere Kolumnistin über das unsägliche Leid in der Stadt der Engel.

"Is your dog friendly?", fragt der eine Hundebesitzer den anderen bei der allabendlichen Gassi-Runde, während sich die Vierbeiner gegenseitig neugierig beschnuppern. Für eine kleine Auszeit bin ich, wie in meiner letzten Kolumne schon berichtet, in Los Angeles gelandet. Ich war, wie gesagt, noch nie in den USA und will alles wissen, alles aufsaugen. In diesem riesigen Land gibt es, wie überall auf der Welt, Wunderschönes, aber auch Dinge, die so gehörig schiefgelaufen sind, dass die Menschen nur noch genervt mit den Augen rollen, wenn man sie darauf anspricht.

Eines der schlimmsten und in seiner Tragik zugleich schockierendsten Phänomene ist die Obdachlosigkeit. Sie ist nicht vergleichbar mit den Wohnungslosen vom Bahnhof Zoo, nicht vergleichbar mit den Menschen, die man seit geraumer Zeit immer wieder in den U-Bahn-Stationen Berlins sieht, nein, die Obdachlosigkeit in der Stadt der Engel, in ganz Kalifornien ist so gewaltig, dass die Behörden vor ihr kapituliert haben.

Das Jammern einer Privilegierten

Ich lese die Berichte, in denen sich Journalisten und andere Autoren mit dem stets gebührenden Abstand mit diesem Problem auseinandersetzen. Aber wenn ich all diese von der Gesellschaft ausgegrenzten Menschen sehe, fällt mir das schwer.

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Alltag in der Stadt der Engel.

(Foto: privat)

Ich wohne in einem Guest House in North Hollywood. Es ist, wie man mir sagt, "eine vorrangig weiße Gegend, in der man aufeinander achtet." Während die Hundebesitzer miteinander plauschen, durchstreift eine alte Frau die ruhige Gegend mit ihren verzierten, manchmal fast märchenhaften Hausfassaden. Die Mülltonnen stehen an diesem Tage zum Leeren am Straßenrand, daneben ab und an Sperrmüll. Schöne, alte Stühle, wie ich finde, sogar ein herrschaftlicher Diwan. Die alte Frau schiebt ein Fahrrad, sie trägt Lumpen. Über den rechten Fuß hat sie eine Plastiktüte gebunden, ihr Gesicht ist von der Sonne gegerbt. Niemand nimmt von ihr Notiz.

Ich laufe vorbei an Brücken, über die unaufhörlich Autos rauschen. Links und rechts Obdachlose, sie sitzen vor Zelten oder liegen fast auf der Straße und schlafen, manche schreien. Mein Herz klopft und ich versuche, den Kopf unten zu halten. Ein Mann mit einem Cap der L.A. Dodgers kocht am Straßenrand Suppe und grüßt mich freundlich. Später wird er mir seine Geschichte erzählen.

Vieles in dieser Stadt haut mich in den ersten Wochen vollkommen um, ich staune, ich freue mich, dann staune ich wieder und abends liege ich oft lange wach und versuche mich daran zu erinnern, wo ich einst diesen Satz gehört habe, dass die Entwicklung der USA der deutschen stets um die 15 bis 20 Jahre voraus sei. Das macht mir nach all diesen Eindrücken eine Heidenangst, aber ich sage mir: Jammere nicht, du hast eine Krankenversicherung, ein Dach überm Kopf, Menschen, die dich halten, wenn du fällst - du bist eine scheiß Privilegierte! Lange gehörte auch ich zu diesen Leuten, die sagen: Hach, ja, schlimme Dinge passieren auf der Welt. Und dann wie zur Beruhigung: Aber nicht vor meiner Haustür!

"Man kann die ja kaum alle ins Haus lassen"

Obdachlose, so viele Obdachlose! Sie liegen in Santa Monica auf den frisch gemähten Wiesen und in Downtown neben dem Gourmet-Restaurant, viele unter Drogen. Ihre sonnenverbrannten Gesichter schauen mit leeren Augen in die Ferne. Sie betteln nicht, sie scheinen längst abgeschlossen zu haben mit den Menschen, die sie anstarren und dann schnell weitergehen. Sie sitzen in den Seitenstraßen, ihr Leben in einem Müllsack, in der Luft ein beißender Uringeruch.

Wenn ich manchmal Leute befrage, antworten sie, ja, das stimme schon, die vielen Obdachlosen seien ein enormes Problem, das man wohl nicht mehr in den Griff bekäme, und ich merke, wie unangenehm es ihnen ist, darüber zu sprechen. Wenn ich eine Idee hätte, was man machen könne, wären sie ganz Ohr. Nein, ich habe keine Idee. Und fühle mich mit meiner dussligen Fragerei sehr naiv. Man habe vieles probiert und klar wolle man helfen, doch viele Projekte scheiterten und "man kann die ja wohl kaum alle in sein Haus lassen, das ist viel zu gefährlich". Aber, hey, wow, der Strand ist fast leer! Und jetzt sieh' sich einer diese Wellen an!

Auf dem Rückweg von meinem Abendspaziergang an jenem Tag muss ich wieder unter der Freeway-Brücke durch. Es ist inzwischen fast ruhig geworden. Der Mann mit dem Dodgers Cap rührt keine Suppe mehr um. Er sitzt jetzt vor seinem Zelt und dreht sich eine Zigarette. Wir kommen ins Gespräch. Er heißt John und ist 27 Jahre alt. 27! John erzählt mir von seiner Drogensucht und wie er seinen Kellner-Job verlor. Er sagt, er habe in einem kleinen Haus am Ventura Boulevard gewohnt und zeigt in die Richtung, in die ich muss. 2011 sei seine Mutter krank geworden. "Krebs. Dieser verdammte Krebs. Den muss man sich leisten können! Wenn du hier Krebs bekommst, dann war's das!"

1-Bed-Apartment for Rent: 4000 Dollar

John sagt, er sei noch nie beim Arzt gewesen. Ihm fehlen zwei Schneidezähne, seine Hände sehen aus wie die eines alten Mannes, aber seine Klamotten sind relativ ordentlich, darauf achte er. Sein Kumpel, so erzählt er, habe neuerdings Arbeit als Gärtner, das wünsche er sich auch. Und wenn er sich bei Sonnenaufgang wieder mit seinem Schild an die Ampel von Exit 14, Laurel Canyon Boulevard in Richtung Studio City stellt, hoffe er immer, dass neben ein paar Dollar vielleicht auch jemand dabei ist, der ihm etwas Arbeit gibt. Ob ich vielleicht jemanden kenne? Ich schüttele den Kopf und versuche mich an einem frohen Lächeln, als ich mich von ihm verabschiede.

Einer der Hauptgründe für die horrend steigenden Obdachlosenzahlen ist die hohe Miete. Laut "Forbes"-Magazin ist L.A. die "schlimmste Stadt in den USA, um zu mieten". Manchmal meckere ich über meine Miete in Berlin, die in den letzten fünf Jahren auch rasant gestiegen, aber zum Glück nicht vergleichbar mit den Mieten in Kalifornien ist. Viele Wohnungen stehen leer, weil es sich die Menschen einfach nicht leisten können, 3000 Dollar im Monat zu berappen. Ich sehe 1-Bed-Apartments, die 4000 Dollar im Monat kosten.

Nachts, in meinen Träumen, plagen mich meine Existenzängste, an die ich mich als Freelancerin eigentlich längst gewöhnt habe, schlimmer als je zuvor. Ich sehe mich mit der Fünfzigerjahre-Anrichte, die meine Großmutter mir vererbt hat, auf der Straße stehen. Und aus den Fenstern schauen die Leute, die sich die Miete (noch) leisten können, zu mir herunter, lachen und rufen: "Loser! Hättest eben den verdammten Roman schreiben sollen!"

So viele Klischees, so viele Obdachlose, so wenig Hoffnung

Die jüngste offizielle Statistik von Juni 2019 weist für den Großraum Los Angeles rund 59.000 Obdachlose aus. Kalifornien, so lese ich bei meiner Recherche, sei "eine Schande für die USA". Besonders San Francisco und Los Angeles mit ihren "Zeltstädten und fürchterlichen Verhältnissen" seien ein Desaster. Die Zeltstadt in Downtown Los Angeles liegt an der Skid Row.

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Mit diesem Schild bettelte John am Ventura Boulevard.

(Foto: privat)

Mehr als 4000 Menschen leben dort mitten in einer der größten Metropolen der Welt unter erbärmlichsten Bedingungen - ohne Wasser, ohne Toiletten, ohne Müllabfuhr. Jeder dieser oft apathisch dreinblickenden, vollkommen kaputt aussehenden Menschen hat seine eigene Geschichte. Nichts, was einem fremd ist oder von dem man behaupten könnte: Nee, das könnte mir auf gar keinen Fall passieren! Es sind Einwanderer, Alkoholiker, Drogenabhängige, Menschen mit schweren psychischen Störungen oder Leute, die sich nach einer OP verschuldet haben. Und es sind Veteranen, immer wieder Veteranen, die irgendeinen sinnlosen Krieg nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Man erzählt mir, am Anfang würden einen die vielen Obdachlosen erschüttern, aber mit der Zeit gewöhne man sich daran. Es bleibe einem ja nichts anderes übrig, sie seien ja "nun mal da".

Cocktails und Frieden am Venice Beach

Ein paar Tage später bin ich am Venice Beach, jenem sagenumwobenen, geschichtsträchtigen Strand, an dem sich einst The Doors gegründet haben. Das Leben an diesem schönen Flecken Erde sei voller Kunst und Musik, heißt es. Ich laufe die Promenade entlang und beobachte die Surfer, die die größten Wellen reiten. Links von mir schlürfen gutgelaunte Männer in weißen Poloshirts und schön frisierte Frauen mit Goldarmbändchen Cocktails für 36 Dollar. Und rechts, zwischen all den Kunsthändlern, Malern und Flaneuren, liegen die Obdachlosen in ihrem Erbrochenen. Einer setzt sich direkt vor den Cocktail-Schlürfern einen Schuss, ein anderer klopft ihm dabei auf den abgeklemmten Arm.

Während beide am Wegesrand niedersinken, trifft sich mein Blick für einen winzigen Augenblick mit dem eines jungen Mannes, der sich gerade den Schuss gesetzt hat. Er hebt den Arm und macht das Peace-Zeichen. Er lächelt. Dann schließt er seine rotunterlaufenden Augen.

Als ich nach Sonnenuntergang zurück in mein "weißes Viertel" fahre, steht John nicht mehr an der Ausfahrt. Nur sein Schild liegt an seinem Platz, fast wie zur Mahnung, dass er zurückkommt.

Quelle: n-tv.de

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