Leben

Dating-Trend: Cushioning Wenn emotionaler Betrug zur Masche wird

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Cushioning verbaut oft die Chance auf die große Liebe.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Jeder Mensch will ernst genommen werden. Das gilt erst recht in einer frischen Beziehung. Aber was, wenn wir zur austauschbaren Massenware degradiert werden? Unsere Kolumnistin über einen gefährlichen Dating-Trend und das Spiel mit dem Feuer.

Stellen Sie sich bitte folgende Szene vor: Eine Frau liegt mit ihrem neuen Partner im Bett. Beide genießen - so scheint es zumindest auf den ersten Blick - die Gemeinsamkeit, als die Frau, nennen wir sie der Einfachheit halber Emma, plötzlich eine Nachricht auf dem Handy erhält, während ihr neuer Freund, Michael, mit geschlossenen Augen der Musik lauscht. Er wundert sich, warum Emma so in sich hineinkichert. Auf seine Nachfrage meint sie, es sei nichts weiter, sie habe nur über den Witz einer Freundin lachen müssen.

Was Michael nicht weiß: Emma hat gerade die vierte Whatsapp von ihrem neuen Arbeitskollegen erhalten, der ihr ständig Komplimente macht und sie fragt, ob er sie auf einen Kaffee einladen darf. Und während sie mit dem Arbeitskollegen flirtet, macht Emma auch noch ein Date mit Peter aus, den sie kürzlich auf einer Vernissage kennengelernt hat.

Emma sagt den anderen Männern nicht, dass sie gerade erst in eine frische Beziehung gestartet ist. Im Grunde ist dagegen auch erstmal nichts einzuwenden, schließlich, so meint sie, habe sie nicht vor, fremdzugehen. Und welche Frau freut sich nicht über ein Kompliment eines Kollegen? Auch Ehepartnern steht nicht auf der Stirn geschrieben, Eigentum des anderen zu sein. Welcher Ehemann hat nicht schon einmal mit einer Kollegin geflirtet? Gerade, wenn die Beziehung salopp gesagt ein wenig in die Jahre gekommen ist, freuen sich viele von uns über Aufmerksamkeit von außen. Doch warum leidet Emma schon nach kurzer Zeit mit einem neuen Partner unter diesem emotionalen Defizit?

Die Komplimente werden weniger

Frauen neigen öfter dazu, dem Partner nach längerer Beziehung insgeheim vorzuwerfen, von ihm gar nicht mehr "richtig gesehen" zu werden. "Früher hat er mir ständig gesagt, wie schön und begehrenswert er mich findet, heute bittet er mich, doch eben noch den Müll mit rauszunehmen." Klagen wie diese habe ich zur Genüge gehört und natürlich ist es vollkommen normal, dass die Komplimente irgendwann weniger werden. Doch das hat weder etwas mit böser Absicht noch mit einem Aufmerksamkeitsdefizit zu tun oder dass man einander weniger wertschätzt.

Kennen Sie das Sprichwort: "Appetit holt man sich woanders, gegessen wird zu Hause"? Auch diesen Satz habe ich schon oft gehört. Er fällt meistens, wenn Paare in festen, monogamen Beziehungen leben. Doch das Verständnis dieses Satzes kann unterschiedlicher kaum sein. Während die einen einander vertrauen und es vollkommen legitim finden, sich gegenseitig die Freiheit zu geben "ein bisschen (fremd) zu flirten", ist es für andere der erste Schritt in eine offene Partnerschaft. Oder sogar das Ende vom Lied, nämlich dann, wenn das Vertrauen als Freifahrtschein missbraucht wird.

Doch zurück zu Emma und Michael. Obschon die beiden erst seit kurzer Zeit liiert sind, flirtet Emma nicht einfach nur mal mit einem Kollegen, nein, was Emma betreibt, nennt man "Cushioning". Oh je, schon wieder so ein neumodischer Begriff, mögen Sie jetzt vielleicht denken.

Cushioning ist kalkuliert und zielgerichtet

Cushioning kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie: abfedern oder Dämpfung (Cushion: Kissen). Angewendet auf zwischenmenschliche Beziehungen kann man es beschreiben als: Doppelt hält besser. Emma will sich nicht auf Michael festlegen. Sie hat mehrere Eisen im Feuer und schmiedet sie, solange sie heiß sind. Sie datet neben Michael noch andere potenzielle Partner, obschon sie gerade erst ein Paar geworden sind. Doch Emma glaubt, sich vielleicht einen Tick zu früh für Michael entschieden zu haben, schließlich weiß sie ja nicht, wo die Reise mit ihm hingeht. Und so schöne Komplimente wie die anderen mache er ihr auch nicht.

Zumindest flirttechnisch fährt Emma mehrgleisig, aber hintergeht sie deswegen ihren neuen Freund auch? Ja, denn der hat nicht die geringste Ahnung, dass seine Freundin nicht einfach nur mit einem Kollegen flirtet, sondern sich im Grunde nicht auf ihn festlegen will. Sie ist Michael gegenüber unehrlich. Diese Unaufrichtigkeit kann gerade am Anfang einer Beziehung direkt den Sargnagel bedeuten. Denn Michael hat ein Recht darauf, die Wahrheit zu kennen.

Cushioning ist, ich glaube, das muss ich nicht eigens erwähnen, geschlechterunabhängig. Im Gegensatz zum gewöhnlichen, unschuldigen Flirten, das oft einfach so passiert, geschieht Cushioning zielgerichtet und mit Vorsatz. Emma handelt kalkuliert. Sie hält Michael bei der Stange, und zwar so lange, bis sie sich entschieden hat.

Das sexuelle oder romantische Gegenüber sollte aber nicht auf die Stufe eines menschlichen Liebesroboters degradiert werden, den man sich bei Bedarf aus dem Schrank holt. Menschen, die diese Dating-Methode betreiben, machen dies oft aber gar nicht aus böser Absicht oder weil sie den anderen bewusst verletzten wollen. Sie sind meistens selbst unsicher, haben Bindungsängste und sind der Meinung, sich eben nur alle Optionen offenhalten zu müssen. Der Option für einen ehrlichen, aufrechten Beziehungsstart haben sie sich damit aber, ohne es zu merken, bereits verschlossen. Denn kein Mensch hat verdient, als Reserve angesehen zu werden.

Gerade durch Dating-Plattformen wie Tinder ist Cushioning groß geworden. Ich kenne Frauen wie Männer, die glaubten, frisch liiert zu sein, während ihre neuen Partner oder Partnerinnen nach wie vor auf Tinder aktiv sind. Auf die Frage "Wir sind doch jetzt zusammen, wieso bist du denn eigentlich noch bei Tinder unterwegs?" kommt oft die verstohlene, traurige Antwort: "Ach, nur so". Die erfolgreiche Bindung zwischen zwei Menschen kann nur auf Vertrauen aufgebaut werden. Doch Cushioning ist nichts anderes als der direkte Weg in eine beziehungstechnische Sackgasse.

Quelle: ntv.de