Leben

Nicht schon wieder Corona Worüber man beim Weihnachtsessen besser nicht spricht

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In dieser Idylle über feministische Perspektiven sprechen, das geht nur in wenigen Familien.

(Foto: imago images/Shotshop)

So langsam steht die Gästeliste für die Weihnachtstage, das Menü ebenso, der Kühlschrank ist voll. Aber da ist diese nagende Sorge, wie man die Konversation bei Gans und Rotkohl nur am Laufen halten soll. Nichts leichter als das.

Von kaum einem Fest haben wir so klare Vorstellungen wie von Weihnachten. Wie der Baum auszusehen hat, was es zu essen gibt, wie die Stimmung sein soll - das ist für viele nicht verhandelbar. Und niemand will Stress oder gar Streit an der Weihnachtstafel.

Das ist aber sehr viel leichter gesagt, als getan, denn oft treffen an diesem Tag oder an einem der Weihnachtstage eben jene hohen Erwartungen auf die liebe Verwandtschaft. Das tagelange Aufeinanderhocken bei meist gar nicht so gutem Wetter, das viele Essen und ein gewisser Alkoholspiegel tun ein Übriges. Und auch wenn die Erzählungen von eskalierten Weihnachtszusammenkünften oft Teil der Familienlegenden sind, entfalten sie erst Jahre nach dem Eklat die Wirkung von gut erzählten Geschichten.

Wenn die Weihnachtsgans auf dem Tisch kalt wird, weil Geschwister türenknallend das Weihnachtzimmer verlassen oder die Schwiegermutter an einer überstürzten Abreise gehindert werden muss, ist das weit weniger amüsant. Aber so wie der Karpfen bestellt und der Grünkohl vorgekocht ist, die Vorräte an zuckerhaltigen Getränken für die Kinder und Wein für die Erwachsenen aufgestockt wurden, so kann man sich ja durchaus Gedanken über die Gesprächsthemenwahl unterm Baum machen. Dann kann man im Zweifelsfall lenkend eingreifen und den Weihnachtsfrieden retten.

Die schwierigen Themen

Doch welche Themen bergen Konfliktpotenzial? Früher hätte die Standardantwort gelautet: Geld und Religion. Niemand wollte diskutieren, warum man auch nach der dritten Gehaltserhöhung knietief im Dispo steht, obwohl alle anderen das prima hinbekommen mit dem Sparen. Und auch auf die süffisanten Bemerkungen der katholischen Verwandtschaft zu ihrer Ansicht nach recht kargen evangelischen Weihnachtsgottesdienst konnte man gern verzichten.

Viel geändert hat sich daran nicht, wobei es Interpretationsspielraum gibt. Beim Thema Geld soll es Menschen geben, die den Austausch über empfehlenswerte ETFs oder Grundstückspreise durchaus zu schätzen wissen. Es kommt also auf die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dem Weihnachtsessen an. In einer Runde von Investmentbankern mag Geld ein wenig aufregendes, dafür aber sehr anregendes Thema sein. Religion bleibt heikel, obwohl sie inzwischen den meisten Menschen herzlich egal sein dürfte. Aber ganz genau weiß man das nie. Und wer zu Religion nichts sagt, sollte auch Politik meiden.

Das könnte wirklich schwierig werden, aber es ist wirklich besser. Niemand möchte im Lichterschein der Kerzen die Corona-Maßnahmen der scheidenden oder kommenden Bundesregierung diskutieren. Zumal es von dort auch nur noch eine Zimtsternbreite zu allen anderen Corona-Themen ist. Vielleicht hat man sich mühsam auf 3G verständigt, da will man jetzt nicht die 2021er-Gretchen-Frage stellen müssen: Geimpft oder nicht geimpft, das ist ja dann die Frage. Möglicherweise hilft Ihnen die Corona-Politik, egal wie Sie zu ihr stehen, bei der Vorbereitung. Denn so können Sie dem ungeimpften Onkel mitteilen, dass er - leider - nicht kommen darf.

Bei der Klimapolitik ist es nicht viel einfacher. Es könnte sein, dass plötzlich eine Oma for future mit am Tisch sitzt und dann muss man sich vielleicht für gewisse Konsumentscheidungen rechtfertigen oder aktuelle Studien diskutieren, warum das 1,5-Grad-Ziel mit den jetzt angepeilten Maßnahmen keineswegs zu erreichen ist. Dass es mal wieder nicht geschneit hat, hilft dann auch nicht mehr weiter.

Mehr schwierige Themen

Und damit ist die Liste der zu meidenden Themen bedauerlicherweise noch nicht erschöpft. Abzuraten ist von allen Schwangerschaftsbemerkungen. "Wann ist es denn so weit?", könnte sehr schlecht ankommen, wenn die Antwort lautet: "Ich bin nicht schwanger, nur fett." Oder die Gefragte vielleicht gar nicht so gern schwanger ist, wie es einen die Apotheken-Umschau immer glauben machen will. "Wollt Ihr denn schwanger werden?" - ist auch nicht besser. Denn wie soll das Gespräch nach: "Ja, schon lange, aber ich hatte jetzt sechs Fehlgeburten" weitergehen?

Also Schwangerschaft einfach von der Gesprächsliste streichen. Das ist viel zu intim und geht auch niemanden etwas an. Eine Ausnahme ist lediglich, wenn jemand mit viel Tamtam verkündet, dass im nächsten Jahr ein neues Familienmitglied geboren werden wird. Dann darf man sich freuen und auch darauf anstoßen, alle, außer die werdende Mutter natürlich.

Der US-Künstler Tucker Nichols, dessen Zeichnungen auch regelmäßig im "New Yorker" erscheinen, entwarf vor Jahren Servietten. Statt seiner bekannten Bildmotive hat er ein verschachteltes Puzzle ungeeigneter Gesprächsthemen für Essenseinladungen zusammengestellt. Darunter sind wenig überraschend, Schwangerschaft und zu erwartende Rentenzahlungen, aber auch ob die Soße aus der Dose kommt, wie viele Tage der Gegenüber schon sein Shirt trägt und wer wohl dieses aufdringliche Parfum trägt. Außerdem alle Fragen nach dem Partnerschaftsstatus, also: "Wo ist der Freund vom letzten Jahr?" Oder auch: "Wie ging das denn jetzt mit der Kollegin weiter?" Und dann natürlich Delfinjagd, Wurzelkanalbehandlungen und Reiseübelkeit. Zu erkennen ist ein gewisses Muster. Gibt es einen Ekel- oder Peinlichkeitsfaktor, sollte man das Thema meiden. Ebenso, wenn zwei sehr konträre Meinungen zu vermuten sind.

Also lieber schweigen?

Glücklicherweise hat Nichols aber nicht nur die Tabus zusammengetragen, sondern auch Inspirationen, wie man möglichst unverfänglich miteinander ins Gespräch kommt. Wie wäre es beispielsweise mit dem Thema Vulkane und Erdbeben? Dazu haben oft Kinder schon erstaunliches Fachwissen, manchmal kommt man auf Reisen damit in Berührung, auf jeden Fall hat man aber aus Versehen schon mal in eine Doku darüber reingeschaut oder irgendwann etwas dazu in den Nachrichten gehört.

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Der aktuelle Anlass könnte der Vulkanausbruch auf La Palma sein, und dann war da doch mal was in Island mit dem Vulkan, den niemand aussprechen konnte und in Pompeji, was ja bekanntlich bei einem Vulkanausbruch vor sehr langer Zeit begraben wurde, haben sie gerade ein Sklavenzimmer entdeckt. Zack, sind Vorspeise und Hauptgang schon vorüber. In die gleiche Kategorie fallen Bären und Eisbären. Enzyklopädisches Wissen vermischt sich mit Gehörtem und dann kommt auch schon das Dessert.

Wer es gern etwas tiefgründiger oder philosophischer mag, könnte seine Tischnachbarin fragen, ob sie an die Veränderlichkeit von Menschen glaubt oder wie sie den Geruch ihrer Kindheit beschreiben würde. Das sind überhaupt die Fragen, bei denen man am meisten über Menschen erfährt und die trotzdem die geringste Verärgerung auslösen. Welche Superkraft sollte noch erfunden werden? Was ist das Wundervollste, was jemals jemand zu mir gesagt hat? Wie sage ich meinem Gegenüber, dass er Essen im Gesicht hat? Offene Fragen, die zum gemeinsamen Nachdenken einladen, während man sich insgeheim fragt, ob eigentlich der stoffelige Schwiegervater nun doch geimpft ist oder die Soße mit irgendeinem Fix angereichert wurde. Aber das würde man ja nur denken, niemals sagen und schon gar nicht zu Weihnachten.

Quelle: ntv.de

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