Leben
Eiscreme mit Himbeeren in halber Kokosnuss - wie heißt das gleich noch auf Englisch?
Eiscreme mit Himbeeren in halber Kokosnuss - wie heißt das gleich noch auf Englisch?(Foto: imago/CHROMORANGE)
Samstag, 14. Juli 2018

Der Denglische Patient: Zwei Hoden mit Erdbeergeschmack, bitte!

Eine Kolumne von Peter Littger

Der Weg zu einer Eiscreme kann lang sein, wenn wir sie auf Englisch bestellen müssen. Oder wissen Sie, wie man verständlich "im Becher", "in der Waffel", "mit Streusel" oder "mit Schokoglasur" sagt? Und was sind überhaupt "zwei Kugeln"?

Als "Denglischer Patient" halte ich immer wieder Vorträge über unsere (und nicht zuletzt meine eigenen) sprachlichen Defekte. Oft werde ich gefragt, was denn eigentlich der ulkigste Patzer der Deutschen sei, wenn wir Englisch sprechen - oder es wenigstens versuchen.

Da es Hunderte lustige Beispiele gibt und ich eine Auswahl treffen muss, habe ich schon Auftraggeber erlebt, die "unbedingt ein paar unterhaltsame Klopser unter der Gürtellinie" bestellt haben. Sie wissen schon: "nudge nudge wink wink" - Zweideutigkeiten, die man im Englischen übrigens "sexual innuendo" oder kurz "innuendo" nennt, also sexuelle Anspielungen … In Wahrheit ist nichts leichter als das! Es kommt schließlich nicht selten vor, dass wir unter Kollegen oder gegenüber Fremden unfreiwillig kleine Sauereien vom Stapel lassen wie:

  • Wir benutzen das Wort "fantasy", wenn "imagination" gemeint ist - sprechen also über ein Hirngespinst oder gar eine sexuelle Fantasie statt die Vorstellungskraft: unsere "Fantasie".
  • Wir verlangen "gratification", wenn "bonus (payment)" gemeint ist - und sprechen über eine Form der seelischen oder körperlichen Befriedigung statt eine Sonderzahlung.
  • Wir fragen "Do you want to fuck me?", wenn "are you fucking with me?" gemeint ist - laden also plump zum Sex ein, wenn wir uns in Wahrheit nur verschaukelt fühlen.
  • Wir sprechen über "public aids", wenn "state aid" gemeint ist - also keine Staatshilfe(n), sondern eine Krankheit, mit der man sich irgendwo in der Öffentlichkeit anstecken kann! (Vor diesem und vielen anderen Schnitzern warnt auch Jeremy Gardner in seinem todernsten wie urkomischen Bericht "Misused terms and expressions in EU publications".)

How many balls do you want?

Das sind keine balls, sondern scoops.
Das sind keine balls, sondern scoops.(Foto: imago/Westend61)

Und dann ist da noch ein anderes kleines Missverständnis, auf das ich hier etwas ausführlicher eingehen möchte: Erstens, weil es zu unserer sommerlichen Jahreszeit passt. Zweitens, weil ich es oft höre, und zwar in Eisdielen, sogenannten "ice cream shops", "ice cream parlours" oder in den USA "parlors". Das Problem, um das es geht - bitte verzeihen Sie meine direkte Art oder, wie man auf Englisch sagt, "Please excuse my French": Es klingt nach "Hoden"! Im Ausland sind es eishungrige Kunden aus Deutschland, die nach Hoden zu verlangen scheinen. Und in Deutschland sind es die Eisverkäufer, die gelegentlich den Eindruck machen, dass sie Gästen aus dem Ausland geeiste Hoden verkaufen wollten.

Erst vor ein paar Tagen vernahm ich es wieder bei "Viktoria Eis", meiner Lieblingseisdiele am Viktoria-Luise-Platz in Berlin. "How many balls do you want?", fragte der Verkäufer eine Dame, die kein Deutsch zu sprechen schien. Sie hüllte sich für einen Moment in eisiges Schweigen. Und bestellte dann in astreinem Deutsch "zwei Kugeln mit Erdbeergeschmack".

Auch werde ich nie die deutsche Touristin vergessen, die ich vor ein paar Jahren im (für mich vollkommen unaussprechlichen) walisischen Seebad Aberystwyth beobachtete. Sie stand vor einer Eisbude und fragte: "Can I have two ice balls?" Nein, sie war sogar freundlich und sagte: "Can I please have two ice balls?"

Das brachte den Eisverkäufer zum Lachen. "My ice balls are not for sale, Ma'am!" Das bedeutete ganz im Ernst: "Meine geeisten Hoden verkaufe ich nicht, gnädige Frau!" Ob sie den Witz verstanden hat, weiß ich nicht. Ich habe sie nicht gefragt. Auf jeden Fall wäre ihre Bestellung hier keine Erwähnung wert gewesen und sie hätte dem Verkäufer auch keinen Anlass zum "innuendo" gegeben, wenn sie wie jeder Brite oder US-Amerikaner "two scoops" bestellt hätte.

Natürlich hatte der Verkäufer sie verstanden, was die Dame aus Deutschland wollte, und er brachte ihre Bestellung in versöhnlich-freundlichem Ton auf die nächste Schwierigkeitsstufe: "What would you like?"

"Ice cream tutorial"

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Herrgott, was heißt denn jetzt noch mal Vanille, Pistazie, Zitrone? Oder Brombeere, Johannisbeere? Wie bekommt man das Eis "im Becher mit Streuseln"? Die neuen Herausforderungen waren der Eishungrigen anzusehen.

Es war wieder einer dieser typischen Momente, die mir deutlich machten, dass englischsprachige Alltagssituationen ziemlich große Verlegenheit erzeugen können - nicht nur, weil uns vielleicht ohne Absicht ein "innuendo" herausrutscht, sondern vielmehr, weil uns einfach die Worte fehlen!

Damit Sie beim nächsten Mal nicht schweigen, wenn Sie ein Eis bestellen wollen, habe ich eine kleine Liste erstellt, die Sie auch ausdrucken und mitnehmen können. Wenn Sie so wollen, ein "ice cream tutorial". Falls Ihnen also jetzt nach einer Englisch-Auffrischung ist, lesen Sie weiter - for a little refresher read on!

Vanille = vanilla (Aussprache wah-­nilla); hier kommt auch oft das Angebot "frozen custard" ins Spiel: die Eisvariante einer speziellen Vanillecreme, die vor allem in den USA und Großbritannien verbreitet ist. (Franzosen sprechen deshalb von der "crème anglaise".)
Pistazie = pistachio (gesprochen piss-tascho)
Zitrone = lemon
Brombeere = blackberry
Johannisbeere = currant (nicht cassis - heißt zwar unter Gärtnern auch Schwarze Johannisbeere, ist aber außerhalb von Gärten der Schnaps daraus)
in der Waffel = a cornet please ("Hörnchen", ist eher britisch); a cone please; wafer
im Becher = in a cup please; a tub; a sundae please (wie der Sonntag: sann­däy)
am Stiel = an ice lolly (oder iced lolly; in den USA: popsicle, ausgesprochen: pop-si­kl)
mit Sahne = with cream please
Streusel = with flakes, brittle, hundreds and thousands, sprinkles, granules; topping (eher Glasur); crumble, streusel (eher auf Kuchen)

Dass Streusel in der englischsprachigen Welt ungefähr so viele Bedeutungen hat wie der Schnee bei den Inuit, war mir früher nie aufgefallen. Ob es noch mehr sind? Spätestens hier wäre es gut, jemanden dabei zu haben, der weiß, wie Streusel schmecken und wie man sie bestellt. Keine Maschine, sondern ein Mensch, der einem Rat geben kann, wenn man mit dem eigenen Englisch oder mit einer App nicht mehr weiterkommt. Jemanden, den man anrufen darf und der im richtigen Moment abhebt. Tatsächlich habe ich seit vielen Jahren so einen "Telefonjoker": Er heißt Richard! Und von ihm berichte ich Ihnen beim nächsten Mal.

Wenn Sie mir in der Zwischenzeit von ähnlichen Erlebnissen und Sprachfallen berichten wollen oder mich einmal als "Denglischen Patienten" zu einer Veranstaltung einladen wollen, schreiben Sie mir!

Quelle: n-tv.de