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"Für mich war sie ein Genie" Agatha Christies Urenkel erinnert sich

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Mit ihren Kriminalromanen wurde sie zu einer der erfolgreichsten Autorinnen auf der Welt: Agatha Christie (etwa 1925).

(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)

Mit "Mord im Orient-Express" ist einer der Kultromane von Agatha Christie neu verfilmt worden. Doch nicht nur darüber plaudert ihr Urenkel James Prichard mit n-tv.de, sondern auch über Christies Hassliebe zu Hercule Poirot und ihr mysteriöses Verschwinden 1926.

n-tv.de: Sie sind der Urenkel von Agatha Christie und als solcher der CEO von "Agatha Christie Limited". Worin besteht die Aufgabe Ihrer Organisation?

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James Prichard ist Christies Urenkel und verwaltet ihren Nachlass.

(Foto: Christina Martin / Fox Entertainment Group)

James Prichard: Bei uns liegen die Rechte an sämtlichen Büchern, die Agatha Christie geschrieben hat. Wir kümmern uns weltweit um die Veröffentlichungen und Adaptionen für Film, TV und Theater.

"Mord im Orient-Express" wurde gerade neu verfilmt. Da hatten Sie also auch ein Wörtchen mitzureden ...

Ja. Für mich sieht das so aus: Es beginnt immer mit einem Drehbuch. Hieran sind wir stets stark beteiligt. Denn wenn das Drehbuch passt, kann fast nichts mehr schiefgehen. Okay, nur fast ... (lacht). Aber im Prinzip ist das das Wesentliche. Natürlich war ich nicht am Set, um Regisseur Kenneth Branagh zu sagen, wie er die Kamera zu positionieren hat, oder den Schauspielern, wie sie ihre Dialoge zu führen haben. Aber wenn die Geschichte und die Dialoge passen, ist das Fundament gelegt.

Sind die Filmemacher damit einverstanden, dass Sie diesen Einfluss ausüben?

Wir sind dabei ja nicht pingelig. Im Film kommen etwa auch Dinge vor, die im Buch nicht auftauchen. Wir folgen dabei keinen Regeln. Stattdessen habe ich festgestellt: Je mehr Regeln ich aufstelle, umso mehr tendiere ich am Ende dazu, sie zu brechen. Es geht eher um ein bestimmtes Gefühl, dass die Dinge stimmig sind. Und die Essenz der Geschichte darf nicht verfälscht werden.

Das Ergebnis kann dabei offenbar sehr unterschiedlich ausfallen. Branagh, der Hercule Poirot in seinem Film selbst verkörpert, spielt Agatha Christies Meisterdetektiv etwa ganz anders als seinerzeit der legendäre Peter Ustinov, der dem Charakter eher mit einem Augenzwinkern begegnete ...

Peter Ustinov spielte genau genommen Peter Ustinov. (lacht) Das Ding ist: Meine Urgroßmutter erschuf in ihren Büchern einen Charakter. Aber es ist an uns - und da schließe ich die Filmschaffenden ein -, diesen Charakter zu interpretieren. Wie man auf diese Person blickt, ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Ich selbst denke nicht, dass es nur eine Sichtweise auf Poirot geben kann. Meine Urgroßmutter selbst wollte nicht, dass er auf den Covern ihrer Bücher abgebildet wird. Sie hat das sogar verboten, als sie dafür einflussreich genug war. Sie wollte nicht, dass man sich ein konkretes Bild von ihm macht.

Was hat sie dann von den Verfilmungen, die es schon zu ihren Lebzeiten gab, gehalten?

Sie mochte nicht viele von ihnen. (lacht) Ich darf nicht zu viel verraten, aber ich kann sagen: Sie war kein Freund davon.

Weil ihr nicht gefiel, wie die Filme gemacht waren, oder weil sie die Verfilmung ihrer Bücher grundsätzlich ablehnte?

Ich glaube, zumeist wegen der Art, wie die Filme gemacht waren. Ihr gefiel es anfangs aber auch nicht, als Theaterstücke auf Basis ihrer Bücher gemacht wurden. Deshalb entschied sie sich, selbst Bühnenstücke zu schreiben. Sie hielt die anderen Leute nicht für mutig genug, die nötigen Änderungen an einem Roman für ein Theaterstück vorzunehmen. Ich glaube, sie verstand, dass man in unterschiedlichen Medien die Dinge unterschiedlich angehen muss. Als sie ihre Romane für das Theater anpasste, machte sie radikale Änderungen. Das hätte sie wohl auch getan, wenn es darum gegangen wäre, ihre Bücher für das Medium Film anzupassen. Genauso wie es jetzt mit den zusätzlichen Szenen bei "Mord im Orient-Express" passiert ist. Das ist für die Erzählung im Film wichtig - und sie hätte das verstanden.

Haben Sie alle Filme, die auf Romanen Ihrer Urgroßmutter basieren, gesehen?

Ja, das will ich doch annehmen. (lacht) Wenn Sie jetzt vielleicht irgendeine obskure Version von 1937 herauskramen, könnte es sein, dass ich die verpasst habe. Aber nein: Ich denke, ich habe alle gesehen.

Haben Sie Agatha Christie als Kind noch erlebt?

Ich war zwischen 5 und 6, als sie gestorben ist. Aber sie war präsent. Ich erinnere mich an sie. Und ich habe noch den Tag vor Augen, an dem sie gestorben ist. Als ich aus der Schule kam, saß mein Vater still und traurig in einem abgedunkelten Zimmer. Und ich weiß noch, dass ihr Tod das Topthema in den Sechs-Uhr-Nachrichten war ...

War Ihnen damals bewusst, wie berühmt sie war?

Ich denke, es ist mir genau in diesem Moment klargeworden. Davor war sie für mich nur meine Urgroßmutter und eine alte Frau. Aber ich erkannte schon, dass es nicht normal ist, dass ihr Tod die Sechs-Uhr-Nachrichten bestimmt.

Wann haben Sie damit angefangen, die Bücher von ihr zu lesen?

Ich müsste so ungefähr 9 gewesen sein, als ich das erste gelesen habe. Das war "Tod auf dem Nil".

Auch hier die Frage: Haben Sie alle gelesen?

Ich hoffe doch: 66 Romane, 15 Sammlungen von Kurzgeschichten und ungefähr 25 Bühnenstücke.

Wie fanden Sie die Bücher, als Sie sie das erste Mal gelesen haben?

Ich habe sie geliebt. Aber je öfter ich sie lese oder mit anderen Menschen an ihnen arbeite, umso mehr verstehe ich sie. Und umso mehr fasziniert mich meine Urgroßmutter. Für mich war sie ein Genie. Und mein Respekt vor ihr ist heute größer denn je. Man muss sich nur ihren Output an Werken vor Augen halten. Zeitweise hat sie drei oder vier Bücher im Jahr geschrieben. Und nichts davon ist wirklich schlecht. Für mich sind das alles herausragende Geschichten, in denen sie sich nur sehr selten wiederholt. Das ist schon wirklich beeindruckend.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Das ändert sich nahezu wöchentlich. Im Moment ist es "Ein Mord wird angekündigt". Ich bin gerade in einer Miss-Marple-Stimmung. Und das ist ein wirklich wunderschön geschriebenes Buch mit einem tollen Plot.

Wen mochte denn Agatha Christie von ihren beiden Hauptcharakteren lieber - Miss Marple oder Hercule Poirot, dem mit Abstand die meisten Werke gewidmet sind?

Ich weiß nicht, ob sie einen Liebling hatte. Es gibt diese Legende, dass sie sich von Poirot entfremdet und ihn irgendwann nicht mehr wirklich gemocht hat. Aber ich glaube, dass einfach alle Autoren fiktiver Geschichten unterschiedliche Dinge machen möchten. Und sie wollte eben auch Geschichten ohne Poirot schreiben. Aber die Verlage drängten sie immer wieder dazu, mit Poirot nachzulegen.

Conan Doyle ging es mit Sherlock Holmes ähnlich. Er hat ihn irgendwann einfach sterben lassen ...

Ja, meine Urgroßmutter hat ja auch bereits 1944 "Vorhang" geschrieben - Poirots letzten Fall. Sie hat das Script allerdings in einen Safe gesperrt, damit es erst nach ihrem Tod veröffentlicht wird. 1977 ist das dann auch passiert.

Es gibt diese berühmte Episode in Agatha Christies Leben, als sie 1926 für ein paar Tage spurlos verschwunden war. Niemand weiß genau, was sich in diesen Tagen zugetragen hat. Oder haben Sie dazu inzwischen neue Erkenntnisse?

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Nein. Ich habe immer gehofft, dass es vielleicht einen Briefumschlag gibt, der von Generation zu Generation weitergereicht wird, in dem etwas zu diesen Tagen steht. (lacht) Aber den gibt es wohl nicht. Ich glaube, wirklich niemand weiß etwas darüber. Man weiß nur, dass sie an einem bestimmten Ort verschwunden und an einem anderen wieder aufgetaucht ist. Wie sie dort hinkam, bleibt wohl für immer ungeklärt. Aus heutiger Sicht nehme ich an, dass sie zu dieser Zeit eine Art Zusammenbruch erlitten hat. Sie hatte damals sehr viel Stress: Ihre Mutter war gestorben, ihr Mann war dabei, sie zu verlassen, sie hatte ein kleines Kind ... Man kann also verstehen, was zu dieser Zeit in ihr vorgegangen sein mag. Aber um herauszufinden, wie sie von Sunningdale nach Harrogate kam, bräuchte man wohl eine Zeitmaschine. (lacht)

Mit James Prichard sprach Volker Probst

Die Neuverfilmung von "Mord im Orient-Express" ist ab sofort als DVD, Blu-Ray und Download erhältlich.

Quelle: n-tv.de

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