Kino

Wer war die geheimnisvolle Blonde? Sherlock Holmes geht am Stock

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Scharf beobachtet: Ab und zu blitzt der alte Meisterdetektiv wieder hervor im alten Mr. Holmes.

(Foto: AlamodeFilm)

Man kennt Sherlock Holmes als scharfen Geist, mit dem Auge fürs Detail, einer besonderen Kombinationsgabe - und einem erstaunlichen Gedächtnis. Was aber, wenn es ihn im Stich lässt? Denn Holmes ist alt geworden - und kämpft mit allen Mitteln dagegen an.

Es gibt nur wenige Romanfiguren, bei denen die Nennung des Nachnamens ausreicht - so wie bei Bond (auch 007 hat als literarische Figur angefangen, bevor er verfilmt wurde) und eben Holmes. Sherlock Holmes war ja immer irgendwie alterslos, irgendwas in der Mitte - im Film "Mr. Holmes" hat er mittlerweile stolze 93 Jahre erreicht.

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Vom Meisterdetektiv zum Bienenzüchter: Holmes hat sich aufs Land zurückgezogen.

(Foto: AlamodeFilm)

Holmes (Ian McKellen; Kinofans vor allem als weiser Zauberer in der "Herr der Ringe" bekannt) lebt zurückgezogen in seinem Landhaus in Sussex und züchtet Bienen. Aus dem schneidigen, genialen Detektiv mit dem extrem wachen Geist ist ein Greis geworden, der am Stock geht und der vor allem - und das ist das größte Drama - sein Gedächtnis verliert. Klassischer Fall von Altersdemenz wohl.

Schwung für den müden Geist

Das quält den einst genialen Detektiv natürlich - er will sich seine zunehmende Vergesslichkeit zwar erst nicht eingestehen, kämpft aber mit allen Mitteln dagegen an. Er macht sich auf seine alten Tage sogar auf den beschwerlichen Weg ins ferne Japan, um von dort eine bestimmte Pflanze ("prickly ash") mitzubringen, die seinen müden Geist wieder in Schwung bringen soll. Bisher hat er es bereits mit Gelée Royale versucht - offenbar ohne großen Erfolg.

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Roger liest mit großer Neugier die Geschichte um Holmes' letzten Fall - die Teile, die dem alten Mann nach und nach einfallen.

(Foto: AlamodeFilm)

Nun sitzt er in seinem Arbeitszimmer und grübelt über einen Fall nach, der ihm keine Ruhe lässt. Er weiß nur, dass dieser Fall vor etwa 30 Jahren der Grund für ihn war, seine Arbeit als Detektiv zu beenden. Und eine geheimnisvolle junge blonde Frau mit traurigem Blick taucht immer wieder vor seinem inneren Auge auf - aber was genau war mit ihr? Es will ihm partout nicht mehr einfallen, so sehr er sich auch quält.

Auf die Sprünge helfen will er sich, indem er die Geschichte aufschreibt - immer, wenn er sich an ein neues Detail erinnert, greift er zu Stift und Papier und führt sie fort. Dabei bekommt er überraschend Hilfe - vom Sohn seiner Haushälterin Mrs. Munro (Laura Linney), dem aufgeweckten elfjährigen Roger (Milo Parker). Mit seiner Neugier und ständigem Nachfragen bringt Roger Schwung in die Sache; zudem lässt er sich vom alten Holmes in die Geheimnisse der Bienenzucht einweisen und ist mit großer Begeisterung dabei. Mit fast tödlichem Ausgang für den Jungen ...

Dramatisches Ende

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Die traurige junge Frau - was war nur mit ihr?

(Foto: AlamodeFilm)

Noch dramatischer endet die Geschichte der traurigen jungen Frau - Holmes kommt dann doch noch die große Erkenntnis, was genau passiert ist und auch die, warum der Fall damals zu seinem letzten wurde. Die Folgen: Schock, Schuldgefühle, die Einsicht in Fehler, die nicht wiedergutzumachen sind - oder etwa doch?

"Mr. Holmes" unterscheidet sich sehr von bisherigen Sherlock-Holmes-Verfilmungen - mit dem "Sherlock" mit Benedict Cumberbatch hat er wirklich kaum etwas gemeinsam. Denn es geht hier nicht hauptsächlich um die detektivische Aufklärung eines Falls, sondern mehr um Zwischenmenschliches. Um Fürsorge, Freundschaft und Zuneigung. Um Liebe - zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern. Und nicht zuletzt um die Suche des alten Holmes nach sich selbst - was er findet, überrascht ihn (und wohl auch die Zuschauer). Denn er ist gar nicht so ein Misanthrop, wie es immer schien. Den kleinen Roger etwa schließt er derart ins Herz, dass er angesichts der tragischen Ereignisse vollkommen zusammenbricht. Und auch das Schicksal der geheimnisvollen jungen Frau nimmt ihn schließlich so mit, dass er das Detektiv-Geschäft aufgibt.

Zwei Zeitebenen

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Der alte Holmes und der junge Roger: ein gutes Team.

(Foto: AlamodeFilm)

Der Film springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her: das Heute spielt 1947, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg; die Rückblenden gehen knapp 30 Jahre zurück, in die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei macht alles einen sehr properen Eindruck, Kriegsschäden sind kaum zu sehen - nur einmal ragt die Tragfläche eines Flugzeugwracks aus einer Wiese und Holmes' Haushälterin erzählt trauernd von ihrem im Krieg gefallenen Mann. Sonst ist alles blitzblank, die Menschen tragen gute, ordentliche Kleidung (mit einer Ausnahme: dem jungen Mann auf dem Bahnsteig mit geflickter Hose).

Generell kommt "Mr. Holmes" recht idyllisch daher, britisch idyllisch - mit schöner Küstenlandschaft, eleganten Teesalons und Briefträgern, die radelnd die Post bringen. Ab und zu blitzt der typische Humor auf - etwa wenn Holmes sich über die Legenden und Heldengeschichten über ihn lustig macht. Und darüber, dass er angeblich immer mit Deerstalker-Mütze und Pfeife rumläuft - beides totaler Quatsch. Aber sonst ist es ein eher ruhiger, poetischer, teilweise sogar etwas betulicher Film mit großartigen Darstellern. Genau das Richtige zu Weihnachten.

Seine Weltpremiere hatte der auf Mitch Cullins Roman "A slight trick of the mind" basierende Film "Mr. Holmes" bei der Berlinale im Februar 2015 - in die deutschen Kinos kommt er am 24. Dezember.

Quelle: ntv.de