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Manches sollte lieber im Dunkel bleiben ...
Manches sollte lieber im Dunkel bleiben ...(Foto: Courtesy of Warner Bros. Enterta)
Dienstag, 16. Januar 2018

"You are my sunshine ...": "Annabelle 2" ist Puppenhorror mit Tiefgang

Von Thomas Badtke

Wenn einem Kind verboten wird, ein verschlossenes Zimmer zu betreten, setzt es alles daran, sich Zutritt zu verschaffen. So auch die an Polio leidende Waise Janice. Als es ihr gelingt, ist eine Puppe ihr Lohn. Doch die Puppe hat es "in sich".

Wenn man Filme mit Songs verbinden kann, vergisst man sie einfach nicht wieder: Celine Dions "My heart will go on" ist für immer mit James Camerons Milliarden-Blockbuster "Titanic" verbunden. Und manche Lieder werden sogar mit einer ganzen Filmreihe assoziiert: Survivors "Eye of the Tiger" aus "Rocky III" beispielsweise ist so ein Fall. Geht so eine Film-Song-Verbindung auch bei Horrorfilmen?

"Annabelle 2" ist bei Warner erschienen.
"Annabelle 2" ist bei Warner erschienen.

Klare Antwort: Ja! "Annabelle 2" ist das beste Beispiel. Der Film des Regisseurs David Sandberg ("Lights Out") ist das Prequel zu John Leonettis 2014er Kinokassenschlagers "Annabelle". Der spielte mehr als 250 Millionen Dollar ein bei Kosten, die bei nur etwas mehr als 6 Millionen Dollar lagen. Die Fortsetzung war für Warner Bros. damit ein logischer Schritt, auch weil die beiden ähnlich gelagerten "Conjuring"-Filme von Kultregisseur James Wan zusammen rund 650 Millionen Dollar in die Studiokassen gespült haben.

Und was frisst sich bei "Annabelle 2" in die Gehörgänge der Zuschauer? "You are my sunshine, my only sunshine. You make me happy, when skies are grey …" Hach, schön. Und schon ist man geflasht und findet sich in den 1960ern wieder. Die Sonne scheint, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Waisenkinder ziehen immer

Ein Bus mit sechs Waisenkindern und einer Nonne hält am Anwesen der Mullins. Die Kinder finden hier ein neues Zuhause. Satt düsterem katholischen Kinderheim heißt es nun für Janice (Tabitha Eliana Bateman; "Die 5. Welle"), Linda (Lulu Wilson; "Quija - Ursprung des Bösen") und Co. lichtdurchflutete Zimmer in einem Ambiente, das keine Kinderwünsche offen lässt. Dass der Fernseher nicht funktioniert, wie Samuel Mullins (Anthony LaPaglia; "Without a Trace") zugeben muss, stört das Freudestrahlen in den Augen und Gesichtern der Kinder nur kurz. Die Mädchen stürzen sich auf ihre Zimmer.

Janice hat eine reine Seele. Dämonen stehen auf so etwas.
Janice hat eine reine Seele. Dämonen stehen auf so etwas.(Foto: Justin Lubin)

Janice lässt den anderen den Vortritt. Sie leidet an Kinderlähmung. Rumrennen, von einem Zimmer ins nächste, ist für sie nicht drin. Ihre beste Freundin Linda und Schwester Charlotte (Stephanie Stigman; "James Bond - Spectre") helfen ihr, wo sie nur können. Janice will niemandem zur Last fallen, schon gar nicht den Mullins, die sie so liebevoll in ihrem Haus aufgenommen haben.

Schicksalsschlag ...

Die Mullins leben zurückgezogen. Samuels Frau Esther (Miranda Otto; Eowyn in der "Herr der Ringe"-Trilogie) hat ihr eigenes Zimmer. Keiner bekommt sie zu Gesicht. Eine Krankheit sei der Grund, heißt es. Oder tiefe Gram, denn vor zwölf Jahren haben die Mullins ihren persönlichen Sonnenschein, ihre Tochter Annabelle bei einem Autounfall verloren. So richtig darüber hinweggekommen ist das Ehepaar nicht. Aber mit den Waisenkindern im Haus versuchen sie nun, in ein normales Leben zurückzukehren. Zwölf Jahre "Ruhe" sind genug.

Das Mullins-Haus kommt für die Kinder einem Schloss gleich.
Das Mullins-Haus kommt für die Kinder einem Schloss gleich.(Foto: Courtesy of Warner Bros. Enterta)

Die Mullins wohnen unten, die Mädchen oben im Haus. Ein Treppenlift, den Samuel einst für seine kranke Frau eingebaut hat, hilft Janice dabei, sich frei in den Etagen des Hauses bewegen zu können. Und genau das tut sie auch - bis sie vor einer verschlossenen Tür steht. Es war Annabelles Zimmer, für die Mädchen ist es tabu, wie Samuel ihnen mit harscher Stimme klarmacht.

... mit dämonischen Folgen

Aber was verboten ist, hat bekanntlich seinen besonderen Reiz. Und so dauert es nicht lang, bis Janice doch in Annabelles Zimmer steht. Ihre Augen werden groß: Ein riesiges Puppenhaus steht darin. Und in einem mit Bibelseiten beklebten Schrank findet sie eine Puppe. Die ist nicht besonders schön, aber dennoch faszinierend. Samuel muss sie wohl einst selbst hergestellt haben, denn er ist Puppenmacher von Beruf.

"Annabelle 2" schockt ohne Blut.
"Annabelle 2" schockt ohne Blut.(Foto: Justin Lubin)

Doch plötzlich ist es vorbei mit der Idylle bei den Mullins und der Horror bricht sich Bahn. Was Janice nicht weiß und die Mullins sehr lange geheim halten, ist, dass in die Puppe als Gefäß für einen Dämon dient, vielleicht sogar den Teufel persönlich. Nach dem Tod ihrer Tochter haben die Mullins versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen, sie irgendwie zu sich zurückzuholen. Doch es war nicht ihre geliebte Annabelle, die zurückkehrte.

Als die Mullins das bemerkten, war es schon fast zu spät. Der Dämon hatte Esther bereits angegriffen und ihr Gesicht schrecklich verunstaltet. Die Kirche musste helfen, der Dämon wurde in die Puppe gebannt und diese dann in dem geweihten Schrank versteckt - bis Janice sie fand.

Märchenhafter Suspense-Grusel

Ab da ist "Annabelle 2" kein "Unsere kleine Farm"- oder "Ein Engel auf Erden"-TV-Kitsch mehr. Ab da regieren Grusel- und Schockeffekte. Wohl platziert und auf die angenehme Oldschool-Art: flackernde Lichter, sich verselbständigende Treppenlifte, Quietschen, Knarzen, dunkle Schatten. Und immer wieder eine alte Vinyl-Version von "You are my sunshine, my only sunshine ..." Als Zuschauer reagiert man darauf schon fast intuitiv und zuckt zusammen. Blut? Fehlanzeige. Das hätte aber auch dem äußerst positiven Gesamteindruck von Sandbergs Film geschadet.

Der punktet in erster Linie mit sympathischen Charakteren und warmen Farbtönen, die ein Ambiente einer heilen Welt suggerieren. Eine heile Welt, die allerdings nur zu leicht erschüttert werden kann - und auch wird.

"Annabelle 2" hebt sich durch seine Geradlinigkeit vom Rest des Warner-Suspense-Grusels der letzten Jahre ab. Sowohl Wans "Conjuring"-Filme als auch der "Annabelle"-Erstling drehen zum Ende hin noch einmal deutlich auf. "Annabelle 2" tut das nicht, bleibt bei seinem Erzähltempo und hebt sich eben deshalb ab.

Das birgt natürlich auch Kritikpotenzial, gerade bei Zuschauern, die auf die "Conjuring"-Teile oder vor allem auf den ersten "Annabelle"-Film standen. Die an den Kinokassen eingespielten rund 100 Millionen Dollar sprechen da eine deutliche Sprache. Und dennoch war Sandbergs Schritt richtig, etwas Neues zu versuchen. Das hält die ganze miteinander verwobene Warner-Suspense-Reihe interessant: "Conjuring 3" steht in den Startlöchern, weitere Spin-offs sind in der Mache.

Wer "Annabelle 2" gesehen hat, wird ihn so schnell nicht vergessen - so viel ist indes sicher. "You are my sunshine, my only sunshine. You make me happy, when skies are grey …"

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Quelle: n-tv.de