Panorama

"Frage des Überlebens" Afrika stemmt sich gegen das Corona-Sterben

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Die Testkapazitäten in Afrika sind immer noch sehr gering.

(Foto: AP)

Noch gibt es in Afrika vergleichsweise geringe Infektionszahlen mit dem Coronavirus. Doch das könnte sich schnell ändern und dann muss sich zeigen, ob die ergriffenen Maßnahmen ein Massensterben verhindern können. Südafrika nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein.

"Es ist eine Frage des Überlebens und wir dürfen nicht versagen." Mit diesen Worten und der Ankündigung, die vor zwei Wochen verhängte Ausgangssperre bis Ende April zu verlängern, schickt Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa die Bürger in die Ostertage. In Südafrika gilt eine der weltweit strengsten Ausgangssperren - keine Spaziergänge, kein Jogging, kein Alkohol- oder Tabakverkauf. So soll es auch weitergehen. Bei im Vergleich zu Europa und den USA niedrigen 1934 Infektionsfällen und 18 Toten mag die Maßnahme drakonisch wirken, doch im afrikanischen Kontext ist sie außergewöhnlich konsequent. Ramaphosa spricht von einer "einzigartigen südafrikanischen Antwort" auf die Covid-19 Krise. "Unsere Priorität ist es, ein Massensterben zu verhindern."

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Ausgestorbene Straßen, der Lockdown wirkt.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Denn die einfache Wahrheit ist: Südafrikas Gesundheitssystem ist nicht in der Lage, viele Coronavirus-Infizierte aufzunehmen und zu behandeln. Dabei ist es das beste Gesundheitssystem auf dem afrikanischen Kontinent. In Südafrika gibt es circa 6000 Beatmungsgeräte, in Mosambik sind es 30 und in Malawi 2.

Der Kontinent, der bisher der Corona-Pandemie noch zu entgehen schien, schaut nun größtenteils mittellos zu, wie sich das Virus stetig und zunehmend verbreitet. Knapp 11.500 Coronavirus-Infizierte gibt es in 52 afrikanischen Ländern, fast 600 Tote. 18 der betroffenen Länder verzeichnen weniger als 20 bestätigte Fälle, doch lokale Infektionen nehmen zu - besonders in Südafrika. Laut WHO verdoppeln sich in zahlreichen afrikanischen Staaten die Infektionszahlen täglich. Die der genesenen Patienten liegt durchschnittlich bei 9,4 Prozent, wesentlich niedriger zum Beispiel als in Asien.

Lockdown im afrikanischen Setting

Afrikas einzige realistische Chance, ein Massensterben zu verhindern, ist die Verbreitung des Virus aufzuhalten. Deshalb gelten inzwischen in weiten Teilen des Kontinents Ausgangssperren - viele national, manche regional. Afrikanische Regierungen verhängen sie - wohl wissend, dass Millionen Menschen in den Armenvierteln als Tagelöhner arbeiten und nun Hunger leiden. Die Gefahr sozialer Unruhen wächst und die wirtschaftlichen Folgen sind desaströs. "Wir wissen nicht, ob ein Lockdown im afrikanischen Setting wirklich funktioniert", sagt Dr. Matshidiso Moeti, Regionaldirektorin der WHO in Afrika, ntv.de.

"Aber wenn wir Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit derart einschränken, müssen wir sicherstellen, dass es für sie nicht unmöglich wird zu überleben." Moeti mahnt die Regierungen, in den Armenvierteln Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. In Südafrika gibt es erste Anzeichen der Not. Das Land stemmt mit bemerkenswerter Kraft und Solidarität Hilfe für die Ärmsten der Gesellschaft, doch die Unruhe in den Townships wächst. Es kommt zu ersten Demonstrationen und Gerangel bei Essensverteilungen. Geschlossene Läden, die sonst Alkohol verkaufen, werden geplündert.

Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns werden "katastrophal" sein, sagt selbst der Präsident. "Afrikas wichtigste Handelspartner fallen aus, weil sie selbst mit dem Coronavirus kämpfen. Das trifft Afrikas Wirtschaft hart", sagt die Leiterin des Africa Economic Forums, Esie Kanza. "Es werden dringend finanzielle Mittel benötigt, um die wirtschaftlichen Folgen in Afrika zu mildern." Inzwischen gibt es Hilfen der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfEB), des IWF und zahlreicher Philanthropen. "Wichtig ist, dass schnell geholfen wird."

Hilfe aus eigener Kraft

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa verweist auch auf die bemerkenswerte Mobilisierung und Hilfsbereitschaft des privaten Sektors. Firmen stellen Produktionsvorgänge um und produzieren Beatmungsgeräte, Desinfektionsmittel oder Atemmasken. Der Mobilfunkanbieter Vodacom hat 20.000 Mobiltelefone gespendet, damit Gesundheitspersonal Daten über neue Corona-Infektionen an das Zentrale Nationale Corona-Zentrum CSIR schicken kann. Ein Solidaritäts-Fond wurde gegründet, in den bisher umgerechnet 111 Millionen Euro Spenden eingegangen sind.

Südafrika "macht in der Not einen Plan". Dieses geflügelte Wort prägte einst die Apartheid-Regierung und ist nun das Mantra einer in ihrer Existenz extrem gefährdeten Nation. Und Südafrika vergisst dabei die afrikanischen Brüder nicht. Südafrika hat derzeit den Vorsitz der Afrikanischen Union, was sich wahrscheinlich unter der Führung von Präsident Ramaphosa als ein großes Glück herausstellen wird. "Es ist gut zu sehen, wie eng afrikanische Staatsoberhäupter derzeit zusammenarbeiten", sagt Dr. Moeti. "Die Zukunft unseres Kontinents hängt davon ab, wie diese Krise gehandhabt wird", betont auch Thomas Kwesi Quartey, stellvertretender Vorsitzender der Kommission der Afrikanischen Union.

Internationale Hilfe wird dabei eine große Rolle spielen. Allein kann Afrika dieser Pandemie nicht die Stirn bieten. Um so größer ist die Empörung über die Kritik von US-Präsident Donald Trump an der UN-Weltgesundheitsorganisation WHO auf dem Kontinent. Während einer Videokonferenz mit Journalisten in aller Welt verlor der erfahrene ghanaische Diplomat, Kwesi Quartey, am Donnerstag regelrecht die Fassung. "Der Angriff auf Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus war persönlich", sagte Kwesi Quartey. Es sei typisch, dass Präsident Trump wieder auf einen Afrikaner einschlüge.

Sorge um wichtige Gelder

*Datenschutz

Der US-Präsident hatte der WHO und damit allen voran dem äthiopischen Generalsekretär vorgeworfen, es in der Coronavirus-Pandemie "wirklich vermasselt" zu haben und "wahrscheinlich" viele Informationen für sich behalten zu haben. Die WHO stünde auf der Seite Chinas. Deshalb lasse er nun prüfen, amerikanische Beitragszahlungen einzustellen. "Immer wieder werden Afrika Vorwürfe gemacht", wütete Kwesi Quartey. "Dabei wurden wir kolonialisiert und zerstört. Dafür hat sich noch niemand bei uns entschuldigt. Die Nationen, die uns ausgebeutet haben, beschimpfen uns auch heute noch."

Das offizielle Statement des amtierenden AU-Vorsitzenden Cyril Ramaphosa war diplomatischer, wenn auch ähnlich hart. Die Afrikanische Union stehe geschlossen hinter WHO-Chef Ghebreyesus und fordere den Rest der internationalen Gemeinschaft auf, dies auch zu tun. "Zu einer Zeit, in der die Welt vor der Herausforderung des Coronavirus steht, bedarf es der Solidarität, Einigkeit und besseren Koordination, um einen gemeinsamen Feind zu besiegen", so Ramaphosa. Marie-Pierre Poirier, UNICEF-Direktorin für West und Zentralafrika, sagte: "Dies ist die Zeit der Zusammenarbeit. Unser Planet ist nun unser Land."

Sollten die USA ihre Beitragszahlungen einstellen, "würde dies die Fortsetzung unserer Arbeit in Afrika maßgeblich verändern", schätzt WHO-Regionalchefin Dr. Moeti ein. Die USA sind einer der fünf größten Geldgeber der Weltgesundheitsorganisation. "Ohne US-Gelder wäre nicht nur unsere Unterstützung im Kampf gegen Covid-19 maßgeblich eingeschränkt, auch unsere Impfkampagnen, die Malaria- und Tuberkulose-Programme in Afrika wären betroffen."

Testlabors in 44 Staaten

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Testkits sind rar und teuer.

(Foto: AP)

Die WHO hat in den vergangenen Wochen Erstaunliches in Afrika geleistet. Gemeinsam mit dem Afrikanischen Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention, CDC Afrika, wurde ein Netzwerk von 300 Krankenhausärzten aufgebaut, die sich regelmäßig in Videokonferenzen austauschen. Auf dem Kontinent finden zudem klinische Studien für mögliche Covid-19 Medikamente statt. Doch bei all der Aktivität und dem deutlichen Fortschritt mahnt die WHO zur Vorsicht. "Wenn wir Lehren aus den Erfahrungen in China und Europa ziehen, dann müssen zahlreiche afrikanische Staaten schon bald mit einem gewaltigen Anstieg der Infektionszahlen rechnen", so Dr. Moeti.

Inzwischen gibt es funktionierende Testlabors in 44 afrikanischen Staaten. Vor wenigen Wochen konnte man die Facilities noch an einer Hand abzählen. Auch wenn das ein gewaltiger Gewinn ist, bleiben genug Probleme. Die meisten Länder haben nur ein Labor, das sich meist in der Hauptstadt befindet. Das wiederum erfordert Transportkapazitäten, oder es müssen auch Labors in den ländlichen Regionen aufgebaut werden. Die Beschaffung von Test-Kits und Reagenzien wird auf dem angespannten Weltmarkt immer teurer und schwieriger.

So bleibt die Testkapazität extrem gering und das Wissen ob der Verbreitung dementsprechend unpräzise. Dr. Michel Yao wird bei seiner Einschätzung emotional: "Wir brauchen jetzt Solidarität, um hier erfolgreich im Kampf gegen das Virus zu sein. Wenn es dem geografischen Norden besser geht, es aber immer noch Fälle in Afrika gibt, dann wird das auch Auswirkungen auf den Rest der Welt haben."

Vor diesem Hintergrund ergeben Südafrikas hartes Durchgreifen sowie die Verlängerung der strengen Ausgangssperre Sinn. Ob diese wirklich wirkt, lässt sich nur schwer sagen. "Es gibt verlässliche Anzeichen dafür", sagt Präsident Ramaphosa. Zu Beginn der Ausgangssperre vor zwei Wochen verzeichnete Südafrika einen täglichen Zuwachs der Coronavirus-Infektionen von 27,3 Prozent. Jetzt sind es vier Prozent. Das klingt fantastisch. Doch was der Präsident nicht erwähnt, ist der große Rückstau an Tests in Südafrikas Laboren sowie die limitierte Aussagekraft der bisher durchgeführten Tests - nur knapp 64.000 waren es in den vergangenen drei Wochen. In Deutschland sind es täglich circa 50.000.

Quelle: ntv.de