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Sterben für den Gipfel Am Everest führt der Weg über Leichen

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Nur sehr wenige Tote können vom Mount Everest geborgen werden.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Es ist die tödlichste Saison, die der Mount Everest seit Jahren erlebt hat. Bisher starben elf Bergsteiger am höchsten Berg der Erde. Die meisten von ihnen werden dort auch ihre letzte Ruhe finden, so wie viele vor ihnen. Denn die Leichen sind kaum zu bergen.

Wenn von der Besteigung des Mount Everest erzählt wird, ist oft von der Erhabenheit des Augenblicks die Rede. Von der Schönheit der Bergwelt, der Unglaublichkeit, den höchsten Punkt der Erde erreicht zu haben. Was in den Beschreibungen meist untergeht, ist die dunkle Seite des Berges – der Müll und vor allem der Tod.

Elf Menschen sind allein in dieser Saison am Berg ums Leben gekommen, manche von ihnen hatten es zuvor auf den Gipfel geschafft, andere nicht. In jedem anderen Fall ginge es nun darum, die Toten zu bergen und würdig zu bestatten. Doch genau das geht am Mount Everest nicht. Wer hier stirbt, bleibt hier.

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Der kanadische Filmemacher Elia Saikaly hat den Berg in diesem Jahr zum dritten Mal bestiegen. Diesmal begleitete er vier arabische Bergsteigerinnen für eine Dokumentation. "Ich kann nicht glauben, was ich dort oben gesehen habe", schrieb er auf Instagram. "Tod, Gemetzel, Chaos." Leichen lagen demnach am Weg und in den Zelten im Camp IV unter dem Gipfel. Er habe Menschen zum Umkehren bewegen wollen und sei gescheitert. Später seien einige dieser Kletterer ums Leben gekommen.

Ein Weg über Leichen

Robin Fisher ist einer derjenigen, die in dieser Saison starben. Auf den Bildern, die die Schlange stehenden Bergsteiger kurz unter dem Gipfel zeigen, ist er zu sehen. Seine mit Seilen abgesicherte Leiche liegt direkt neben der Südroute. Der 44-jährige Brite war beim Abstieg vom Gipfel zusammengebrochen. Seine Bergung wäre extrem aufwendig, teuer und ebenso gefährlich. 1984 starben zwei nepalesische Kletterer bei dem Versuch, die Leiche der deutschen Bergsteigerin Hannelore Schmatz zu bergen.

Es ist unmöglich, das Scheitern und Sterben am Berg zu übersehen. Schmatz beispielsweise starb 1979 auf 8300 Metern, ihr Körper gefror in sitzender Position. Der Norweger Arne Naess passierte ihren Leichnam in den 1990er-Jahren und schrieb darüber: "Es ist nicht mehr weit. Ich kann der finsteren Wache nicht entkommen. Ungefähr 100 Meter über Camp IV lehnt sie sich an ihren Rucksack, als mache sie eine kurze Pause. Eine Frau mit weit aufgerissenen Augen und in jedem Windstoß wehenden Haaren. Es ist die Leiche von Hannelore Schmatz, der Frau des Leiters einer deutschen Expedition von 1979. Sie hat den Gipfel erklommen, ist aber beim Abstieg gestorben. Dennoch fühlt es sich an, als ob sie mir mit ihren Augen folgt, wenn ich vorbeigehe. Ihre Anwesenheit erinnert mich daran, dass wir zu den Bedingungen des Berges hier sind."

Der Weg zum Gipfel führt durch eine Passage, die die Sherpas "Leichengasse" nennen. Manche der Toten liegen dort so lange, dass sie zu regelrechten Wegmarken werden. Einer von ihnen war "Green Boots", so genannt wegen seiner neongrünen Bergstiefel. Vermutlich handelte es sich um den indischen Bergsteiger Tsewang Pajor, der am 11. Mai 1996 bei einem Schneesturm in etwa 8500 Metern an der Nordroute ums Leben kam. 2014 verschwand der Leichnam auf bisher ungeklärte Weise.

Geld und Träume aufgeben?

Mehr als 300 Menschen starben bisher am Berg. Es gibt unzählige Arten, in dieser lebensfeindlichen Umgebung ums Leben zu kommen: Lawinen, Stürme, Stürze, Erschöpfung, Erfrieren, Herzinfarkt, Ödeme oder die Höhenkrankheit. Schon für gut trainierte Bergsteiger ist der Aufstieg auf 8848 Meter eine extreme Herausforderung. Doch längst nicht alle, die den Gipfel erklimmen wollen, haben genug Ausrüstung und die richtige Vorbereitung. Trotzdem ist das Abenteuer Mount Everest teuer. Lokale Anbieter rufen Preise ab 30.000 US-Dollar auf, von Deutschland aus kostet eine Expedition ab 50.000 Euro aufwärts.

Wenn dann ein Bergsteiger in Not gerät, ist kaum jemand bereit, die eigenen Investitionen und Träume vom Gipfel aufzugeben. Bereits 2006 war der Tod von David Sharp Anlass für eine Debatte über den wachsenden Egoismus am Berg. Sharp hatte sich entschieden, ohne Sherpa, ohne Kommunikationsgerät und ohne zusätzlichen Sauerstoff allein zum Gipfel aufzusteigen. Als er in Schwierigkeiten geriet, bemerkten das mehrere andere Teams. Eine türkische Expedition versuchte auch zu helfen, hatte aber Probleme mit einer eigenen Teilnehmerin.

Insgesamt passierten zwischen 30 und 40 Bergsteiger den sterbenden Sharp. Mehrere von ihnen versuchten ihn zum Aufstehen zu bewegen und versorgten ihn auch mit Sauerstoff, trotzdem erfror Sharp vermutlich. Der Everest-Erstbesteiger Sir Edmund Hillary sagte schon damals, die ganze Einstellung zum Besteigen des Mount Everest sei "ziemlich schrecklich geworden". Sharp selbst hatte 2004 mit anderen Kletterern gemeinsam einen mexikanischen Bergsteiger gerettet, so wie es ein ungeschriebenes Bergsteigergesetz sagt.

In diesem Frühjahr legte eine überraschend starke Schneeschmelze viele Leichen frei, die bislang in der eisigen Bergwelt festgefroren waren. Doch auch deren Bergung bleibt unmöglich. An der Nordost-Route liegt "Rainbow Valley". Hinter der freundlich klingenden Bezeichnung verbirgt sich eine Art Massengrab. Viele Bergsteiger liegen hier beieinander, die Farben ihrer Jacken und Kletterausrüstungen leuchten in der Sonne.

Der Everest-Besteiger Alan Arnett erzählte 2012 dem kanadischen Sender CBC, wenn jemand im Basislager stirbt, werde er abtransportiert. Doch oberhalb von 8000 Metern gebe es kaum eine Chance dafür. Manchmal gelinge es, die Toten auf eine Art Schlitten zu binden und hinabgleiten zu lassen. Doch allein dafür seien sechs bis zehn Sherpas erforderlich, die bei der Aktion ihr eigenes Leben riskieren. Für eine Einäscherung vor Ort gebe es nicht genug Brennmaterial. Er selbst hatte vor seinem Aufstieg ein "Leichenentsorgungsformular" unterschrieben, in dem er verfügt, dass sein Körper im Todesfall am Berg bleiben soll. So wie es bei den meisten geschieht, die am höchsten Berg der Erde sterben.

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Quelle: n-tv.de

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