Zwei Länder, eine InselAnfeindungen auf Hispaniola
Viele Hilfen für Haiti gehen über die Dominikanische Republik. Doch das Verhältnis zwischen den Nachbarn auf der Karibikinsel ist alles andere als "brüderlich".
Das verheerende Erdbeben in Haiti hat die benachbarte Dominikanische Republik zu einer internationalen Drehscheibe gemacht. Auf dem Flughafen von Santo Domingo landen Helfer und Journalisten, um auf dem Landweg nach Haiti zu gelangen. Die dominikanische Regierung schaut mit großer Sorge auf das Krisenland. Präsident Leonel Fernández bezifferte den Bedarf an Hilfe für Haiti auf zehn Milliarden US-Dollar über fünf Jahre.
Auch aus der dominikanischen Bevölkerung kommen jetzt viele Spenden - für die "haitianischen Brüder", wie die Zeitungen schreiben. Das täuscht darüber hinweg, dass das Verhältnis zwischen den Nachbarn auf der Karibikinsel Hispaniola meist alles andere als brüderlich ist. Zwischen den französisch-kreolisch sprechenden, fußballbegeisterten Haitianern und den spanischsprachigen, baseballbesessenen Dominikanern gibt es nicht nur große kulturelle Unterschiede. Vor allem die Einwanderungsfrage schafft häufig Zündstoff.
Ungeliebte schwarze Gastarbeiter
Die Haitianer sind in der Dominikanischen Republik die ungeliebten Gastarbeiter. Sie schuften auf den Zuckerrohrfeldern oder den Hotelbaustellen, sie verrichten die schmutzigen Jobs, die die Dominikaner nicht annehmen wollen. Sie leiden unter rassistischen Ressentiments. Die Dominikaner, in ihrer Mehrzahl Mulatten, schauen auf die schwarzen Haitianer herab. Nach dem Erdbeben geht in Santo Domingo schon wieder die Sorge um, dass zu viele illegale Einwanderer über die Grenze strömen könnten.
Die Dominikanische Republik des Jahres 2010 ist viel reicher als Haiti. Dank Massentourismus und Niedriglohnindustrie ist die Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten kräftig gewachsen. Zwar ist auch die Dominikanische Republik ein Entwicklungsland mit den typischen Problemen wie Armut, Analphabetismus und Kinderarbeit. Doch das Pro-Kopf-Einkommen ist etwa fünfmal so hoch wie in Haiti. Haiti hingegen taumelt seit Jahrzehnten von einer Krise in die nächste, hat keine Touristen und auch keine Industrie mehr. So wird der wirtschaftliche Abstand zwischen beiden Ländern immer größer.
Besetzung und Massaker nicht verziehen
Das war nicht immer so. Fast vergessen ist, dass die Dominikanische Republik ihre Unabhängigkeit 1844 nicht von Spanien, sondern von Haiti errang. Die Haitianer, unabhängig seit 1804, waren 1822 ins Nachbarland einmarschiert und hatten es 22 Jahre lang besetzt gehalten. Das haben ihnen die Dominikaner bis heute nicht verziehen. Im Wahlkampf 1994 zum Beispiel stichelte Präsident Joaquín Balaguer gegen den schwarzen Oppositionskandidaten José Francisco Peña Gómez, dass dieser ein verkappter Haitianer sei und die "Wiedervereinigung" mit dem ungeliebten Nachbarn anstrebe.
Die Haitianer haben ihrerseits nicht das Massaker vergessen, das der dominikanischen Diktator Rafael Trujillo 1937 an haitianischen Wanderarbeitern anrichten ließ. Mindestens 17.000 Haitianer wurden ermordet. Anschließend warb Trujillo um verfolgte deutsche Juden als Einwanderer, weil diese Weiße waren. Trujillo hatte übrigens selbst mütterlicherseits haitianische Vorfahren. Seinen etwas dunklen Teint versuchte er mit Bleichcreme zu übertünchen.
Zwist hält an
Heute dürften zwischen einer halben und einer Million Haitianer in der Dominikanischen Republik leben. Immer wieder werden sie Opfer von Gewalt. Vor allem in den Dörfern nahe der Grenze kam es zu Ausschreitungen oder Lynchmorden nach tatsächlich oder vermeintlich von Haitianern verübten Gewalttaten. 2005 sorgten Massendeportationen für Verstimmung zwischen den Nachbarländern. Sonst leben beide auch oft einfach aneinander vorbei. Die dominikanischen Zeitungen haben keine Mitarbeiter im Nachbarland und beziehen ihre Informationen über Haiti meist von internationalen Agenturen.