Panorama
Ein Mann sitzt in Sarpol-e Sahab auf den Trümmern seines Hauses.
Ein Mann sitzt in Sarpol-e Sahab auf den Trümmern seines Hauses.(Foto: imago/Xinhua)
Mittwoch, 15. November 2017

Maroder staatlicher Wohnungsbau: Bei Irans Erdbebenopfern wächst die Wut

Dem verheerenden Erdbeben im Iran halten viele privat errichtete Gebäude stand. Häuser eines öffentlichen Wohnungsbauprogramms hingegen stürzen reihenweise ein. Präsident Ruhani vermutet Korruption, in der Bevölkerung wächst die Wut.

Es war ein Erdbeben, dass ihre Häuser zerstört und ihre Träume zerschmettert hat, doch nach dem Einsturz vieler staatlicher Wohnblocks richtet sich die Wut der Iraner gegen die Regierung. "Schau, alles ist zerstört! Die Regierung könnte wenigstens unsere Hauskredite annullieren", sagt Mortesa Akbari vor seinem schwer beschädigten Wohnblock in einem Arbeiterviertel der besonders schwer getroffenen Stadt Sarpol-e Sahab.

Video

Akbaris Wohnblock war während der Regierungszeit von Präsident Mahmud Ahmadinedschad (2005-2013) errichtet worden. Er sollte eigentlich einem Erdbeben der Stärke 8,0 widerstehen, doch stürzten am Sonntagabend große Teile der Fassade ein, obwohl das Beben nur eine Stärke von 7,3 erreichte. Zwar blieben zum Glück der Bewohner Wände und Decken aufrecht, doch ist das siebenstöckige Gebäude unbewohnbar.

"Ich habe den gesamten Kredit, den die Regierung jungen Leuten zum Heiraten gibt, für Möbel und andere Einrichtung ausgegeben, doch nun ist nichts mehr übrig", sagt Akbari. Wie ihm geht es vielen Bewohnern der Wohnblocks, die im Rahmen des Wohnungsbauprogramms "Maskan-e Mehr" speziell für Arme und Arbeiter errichtet wurden. Für sie waren die Sozialbauten ein Versprechen auf ein besseres Leben, doch dieser Traum ist nun zerstört.

"Diese Wohnung war für die Armen, ich hatte große Mühe, Geld dafür anzusparen", sagt Ali Biabani, dessen Wohnung im vierten Stock lag. Er habe vor drei Jahren 170 Millionen Rial (umgerechnet 3400 Euro) angezahlt und seitdem monatliche Raten gezahlt. "Was sollen wir nun tun?", fragt der Arbeiter in den Fünfzigern. "Wir waren glücklich, weil wir dachten, der Armut entkommen zu sein. Schau selbst, es kann hier niemand mehr leben."

"Deutet auf Korruption hin"

Das Wohnungsbauprogramm war der Stolz der Regierung Ahmadinedschad, die damit in Provinzstädten eine Million neue Wohnungen schuf. Kritiker warnten schon damals, dass der populistische Politiker mit dem Bauprogramm die Inflation befeuere, die in Ahmadinedschads zweiter Amtszeit 40 Prozent erreichte. Heute fragen sich viele Iraner, ob bei den Bauten wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

Der heutige Präsident Hassan Ruhani, der seit langem zu den Kritikern Ahmadinedschads gehört, kündigte am Dienstag bei einem Besuch im Erdbebengebiet an der Grenze zum Irak an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. "Dass privat gebauten Häuser intakt geblieben sind, während die vom Staat errichteten Gebäude schwer beschädigt wurden, deutet auf Korruption hin", erklärte Ruhani.

Allerdings brachen bei dem Erdbeben auch viele privat errichtete Gebäude zusammen und begruben ihre Bewohner unter sich. Von den 432 Opfern starben allein 280 in Sarpol-e Sahab. Die großen Schäden in der 85.000-Einwohner-Stadt zeigen einmal mehr, dass die Bauvorschriften kaum befolgt werden im Iran, obwohl das Land regelmäßig von Erdstößen erschüttert wird.

Auch drei Tage nach dem Beben dauerte die Suche nach Überlebenden unter den Trümmern weiter an, während viele Opfer noch immer auf staatliche Hilfe warteten. In den Bergdörfern rund um Sarpol-e Sahab waren es vor allem Einwohner umliegender Regionen, die Wasser, Lebensmittel und die dringend benötigten Decken an die Menschen verteilten, die bei dem Beben ihr Zuhause verloren hatten.

"Gott segne sie", sagte der 45-jährige Abdel Gaderi in Kouik. Sie bräuchten jedoch Trinkwasser, Strom und mobile Toiletten. Einwohner des halb zerstörten Dorfes sagten, sie fürchteten die Ausbreitung von Krankheiten wegen der Kadaver der unter den Trümmern begrabenen Tieren. Der Rote Halbmond errichtete 30 Zelte in dem Dorf, doch reichten sie längst nicht für die Dutzenden Familien, die ihr Haus verloren hatten.

Quelle: n-tv.de