Panorama

Die verhinderte Katastrophe Beiruts zweite Bombe

Vor einem halben Jahr detonierten im Hafen von Beirut 2750 Tonnen Ammoniumnitrat. Die gefährliche Substanz war keine Ausnahme. Ein deutsches Unternehmen hilft dabei, eine zweite Katastrophe zu verhindern.

Es wäre die zweite Bombe gewesen. Vermutlich genauso verheerend, genauso katastrophal, genauso tödlich. Dabei hatte schon die erste Explosion große Teile des Hafens von Beirut und angrenzende Stadtteile völlig zerstört. Aber dieser erneute Fund war etwas Besonderes.

Bei Sicherungs- und Aufräumarbeiten nach der schweren Verwüstung finden Arbeiter in einem abgelegenen Teil des Hafengebietes 52 zum Teil stark verrottete Seecontainer. Undefinierbare Stoffe sickern daraus ins Erdreich, ätzende Flüssigkeiten verströmen beißenden Geruch, ein Pulver gammelt vor sich hin. Insgesamt über 1000 Tonnen Chemikalien. "Wir müssen es sagen, wie es ist: Was wir hier gefunden haben, das war eine zweite Beirut-Bombe", sagt Heiko Felderhoff, Geschäftsführer der Firma Combi Lift, die nach der Katastrophe damit beauftragt wurde, Chemikalien im Hafen von Beirut zu entsorgen.

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Ein paar der 52 Container von Beirut.

(Foto: Michael Ortmann)

Die erste Beirut-Bombe war am Abend des am 4. August 2020 explodiert. In Halle 12 im Hafen von Beirut haben Arbeiter gerade Schweißarbeiten beendet, als plötzlich Flammen aufsteigen. Feuerwehrmänner eilen zur Lagerhalle und beginnen mit den Löscharbeiten. Nur Minuten später folgen Explosionen. Erst mehrere kleine, dann eine größere. Ein Feuerball schießt meterhoch in den Abendhimmel. Tausende zücken in den umliegenden Häusern ihre Handys und filmen das Geschehen im Hafen, die Flammen, den Rauch. Das ist der Grund, warum es so viele Aufnahmen von der Katastrophe gibt.

Die erfolgt um 18.08 Uhr. In diesem Moment detonieren 2750 Tonnen hochexplosives Ammoniumnitrat im Hafen der libanesischen Hauptstadt. Ein gewaltiges Beben erschüttert die Stadt. Mit Schallgeschwindigkeit breitet sich die Druckwelle aus. Zehntausende Fenster zerbersten, Häuser stürzen ein, Fassaden werden eingedrückt. Viele Libanesen stehen an ihren Fenstern, als die Wucht der Druckwelle ihre Scheiben zerstört und sie mit Splittern übersät. Rund 200 Menschen sterben, über 6000 werden zum Teil schwer verletzt. Tonnenschwere Schiffe wirbeln durch die Luft, Containerschiffe kippen einfach um, das Hafengebiet ist ein einziges Trümmerfeld. Beirut, so der Eindruck, liegt wieder in Schutt und Asche.

"So etwas habe ich noch nie gesehen"

Schnell beginnt die Ursachenanalyse. Dabei wird Verheerendes aufgedeckt. Sechs Jahre gammelte das Ammoniumnitrat im Hafen vor sich hin. Angeblich sollte es an eine Sprengstofffabrik in Mosambik geliefert werden. Doch das marode Frachtschiff "Rhosus", das die Ladung in das afrikanische Land bringen sollte, sank im Hafen. Die Ladung landete in Halle 12 - so eine von mehreren Versionen.

Das Ammoniumnitrat war keine Ausnahme, auch nach der Explosion lagern gefährliche Substanzen im Hafen von Beirut. Mit seinem Unternehmen Combi Lift ist Heiko Felderhoff an der Säuberung beteiligt. "Insgesamt haben wir inzwischen eine große Flotte an Schiffen und sind eine von drei Firmen weltweit, die solche Jobs machen", sagt Felderhoff, ein zwei Meter großer, hemdsärmeliger Norddeutscher, im Interview mit ntv. Combi Lift kam über die Bundesregierung ins Spiel. Im Auftrag der libanesischen Assouad Gruppe und der Hafenbehörde von Beirut soll sich die Firma die 52 Container anschauen und eine Gefahrgutanalyse und Entsorgungsstrategie erstellen. Schon wenige Tage nach der Katastrophe fliegt Felderhoff nach Beirut. "Wir befassen uns ja mit maritimen Unglücken weltweit. Aber so etwas wie hier habe ich noch nie gesehen. Das erinnert mich daran, was meine Eltern vom Zweiten Weltkrieg erzählt haben. Unglaublich."

Das Problem: Niemand will Genaues über die 52 Container wissen. Nicht der Zoll, nicht die Hafenbehörde, die Sicherheitsdienste auch nicht. Zudem gibt es weder Papiere noch Lieferangaben, kaum Angaben zur Menge und zum Inhalt, keine Informationen zum Besitzer. Hinter vorgehaltener Hand wird über Mitwisser oder -täter gesprochen. Da der Hafen vor Jahren fest in der Hand der mit dem Iran verbündeten Hisbollah war, vermutet man auch die schiitische Miliz, die gleichzeitig eine Partei ist, dahinter. Sie ist die heimliche Macht im Libanon, ohne ihr Wissen geschieht wenig. Auch andere Behörden und Beteiligte dürften mehr wissen als sie zugeben. Aber in einem Land, in dem korrupte politische Eliten und gierige religiöse Clans nach Lust schalten und walten, in einem Land, das zudem wirtschaftlich am Abgrund steht und Jobs extrem rar sind, da ist Verschwiegenheit ein Überlebenselixier.

Dennoch nehmen die Bremer den rund 3,5 Millionen Euro umfassenden Auftrag an. Trotz dieser Summe ist die Finanzierung ungesichert. Aber man will helfen und sieht die Gefahr, die von den Stoffen ausgeht.

Teilweise hatten sich die Stoffe schon vermischt

"Wir mussten zunächst ein richtiges Labor aufbauen, um die unbekannten Stoffe analysieren zu können", sagt Felderhoff. Mit von der Partie ist auch der Umweltingenieur Michael Wentler, Geschäftsführer der Umweltberatungsfirma Höppner. Was die Analysen ergeben, beeindruckt selbst den erfahrenen Berater. "So etwas habe ich noch nie gesehen. Wir haben hier Ameisensäure, Salzsäure, Flusssäure, Aceton, Methylbromid, Schwefelsäure, Peroxyessigsäure, Natriumhydroxid, diverse Glycerine und und und vorgefunden. Verpackt in Behältern, die schon beim vorsichtigen Hochheben auseinanderfielen", sagt Wentler. "Teilweise hatten sich die Stoffe schon vermischt und wieder völlig neue Substanzen erzeugt."

Als nächstes müssen die 25 Mitarbeiter im Umgang mit dem hochbrisanten Material geschult werden. "Wir mussten ihnen beibringen, wie ziehe ich einen Schutzanzug richtig an und wie ziehe ich ihn wieder aus. Das wusste hier ja niemand", so Michael Wentler. Zügig wird die Entsorgung organisiert, denn die Libanesen wollen das Zeug so schnell wie möglich loswerden. Von Schutzanzügen und Gasmasken, über neue Behälter und Container bis hin zu Ab- und Umfüllstationen muss Combi Lift alles beschaffen. Und sie müssen eine Entsorgungsfirma auftreiben, die sich mit diesen Gefahrgutstoffen auskennt. In der Region verläuft die Suche ergebnislos. "Selbst in Deutschland gibt es nur drei Firmen, die mit diesen Stoffen umgehen können", sagt Felderhoff. Mit einer von ihnen kommt man ins Geschäft: die Niedersächsische Gesellschaft zur Endablagerung von Sonderabfall (NGS).

Sechs Monate sind seit der verheerenden Explosion mittlerweile vergangen. Der Hafen von Beirut ist immer noch weitgehend zerstört, selbst wenn in einigen Bereichen schon wieder Ware umgeschlagen wird. Die Arbeiten gehen dennoch nur schleppend voran, denn es fehlt an Geld. Das fließt erst, wenn die Versicherungen wissen, wer den Schaden verursacht hat. Und so wird seit einem halben Jahr geprüft. Inzwischen wird auch ein gezielter Anschlag diskutiert. Dann müsste die Versicherung am Ende vielleicht gar nicht zahlen.

Ungeachtet dessen hat Combi Lift Anfang Februar alle gefährlichen Substanzen analysiert, umgefüllt, verpackt und katalogisiert. Nun geht es mit dem Schiff nach Wilhelmshaven. Für den ehemaligen Kapitän Felderhoff ist das Abenteuer Beirut damit noch lange nicht zu Ende. Denn noch liegen fünf zerstörte Schiffe im Hafen, die zersägt und entsorgt werden müssen. Auch das wird Combi Lift übernehmen. Ein schwerer Job. Aber nicht so gefährlich wie die Entschärfung von Beiruts zweiter Bombe.

Quelle: ntv.de