Panorama

Überforderte Gesundheitsämter Berlin beendet lückenlose Corona-Nachverfolgung

Der sprunghafte Anstieg bestätigter Corona-Fälle überfordert zunehmend die Behörden. Sie schaffen es nicht mehr, alle Kontaktpersonen zeitnah zu informieren. Die Hauptstadt gibt die bisherige Praxis auf - und viel Verantwortung an die Bürger.

Einen verheerenden Aspekt des "absoluten Krisenmodus", in dem sich der Berliner Bezirk Neukölln befindet, beschrieb Gesundheitsstadtrat Falko Liecke in einem Interview mit ntv.de so: "Wir schaffen es nicht mehr, alle Kontaktpersonen positiv Getesteter binnen 24 Stunden zu erreichen. Mitte dieser Woche waren es bereits 80 Fälle, die wir in den nächsten Tag mitnehmen mussten. Die werden dann am Morgen als Erstes abgearbeitet."

Das Problem allerdings ist: An jedem Morgen kommen Unmengen neuer Fälle hinzu. Der Berg der Vorgänge, die die Gesundheitsämter abarbeiten müssen, wächst immer weiter an. Die Misere ist längst nicht nur auf Berlin beschränkt. Überall in Deutschland, vor allem in den Corona-Hochburgen, erfahren Menschen, die mit bestätigten Covid-19-Patienten zusammen waren, nicht zeitnah von ihrem Pech. Die Folge: Sie verhalten sich wie immer und stecken unter Umständen weitere Menschen an, ehe sich die Behörde meldet. Das Risiko, dass die Infektionsketten nicht gekappt, sondern länger werden, wächst damit: ein wahrer Teufelskreis.

Die "Apotheken-Umschau" befragte nach eigenen Angaben alle 400 Gesundheitsämter zwischen Ostsee und Alpenrand, ob sie die Vorgänge noch zeitnah beenden können. 42 der 164 Behörden, die der Zeitschrift zufolge antworteten, berichteten demnach von Verzögerungen und Staus bei der Benachrichtigung von Kontaktpersonen der sogenannten Kategorie I, also jenen, die sich zwingend für 14 Tage in Quarantäne begeben und möglichst rasch auf Corona getestet werden sollten. Aber selbst dort, wo die Ämter noch hinterherkommen, sieht es nicht gut aus. Die "Apotheken-Umschau" zitiert den Mitarbeiter einer Stadt, noch sei alles zu schaffen. "Wenn es aber nur wenige Tage so weitergeht wie seit Ende vergangener Woche", dann sei auch bei ihm keine pünktliche Nachverfolgung mehr möglich. "Wir haben auch schon eine Unterstützung durch die Bundeswehr angedacht."

Neukölln kommt nicht mehr hinterher

In den Bundesländern geht schon lange nichts mehr ohne die Hilfe von Armeeangehörigen. Dazu zählt auch Berlin. Nachdem täglich neue Höchstwerte an positiven Corona-Tests gemeldet wurden, schrieben die Amtsärzte der Hauptstadt einen Brief an Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci, konsequent umzusteuern und die bisherige Praxis aufzugeben. Sie empfahlen volle Konzentration auf Risikogruppen und mehr Eigenverantwortung, vor allem auch, um einen Lockdown zu verhindern. Die SPD-Politikerin folgte dem Appell. "Wenn ein positiver Fall bekannt wird, dann muss ich erst einmal in die Selbstisolation. Ich warte nicht, bis jemand kommt und mir das anordnet, sondern: Ich bin verpflichtet, zu Hause zu bleiben", sagte sie unmittelbar nach dem Beschluss zur Kurskorrektur am Donnerstagabend der "Tagesschau". Das beinhalte auch die Pflicht, alle anderen zu informieren, die man in jüngerer Vergangenheit getroffen habe.

Neukölln, wo die Corona-Fälle weiterhin rasant zunehmen, erließ laut Gesundheitsstadtrat Liecke als erster Berliner Bezirk eine Allgemeinverordnung, die das neue Vorgehen ermöglicht. "Es ist jetzt noch nicht einmal der Oktober rum und wir sind schon jetzt am Anschlag der personellen Kapazitäten", sagte er am Freitag ntv.de auf Anfrage. "Es ist wie in einem Hamsterrad, wir laufen den Fällen hinterher. Daher beschränken wir die Kontaktnachverfolgung auf Einzelfälle."

Liecke zufolge zeichnete sich von Tag zu Tag mehr ab, "dass wir es nicht mehr schaffen, jede einzelne Kontaktperson telefonisch zu erreichen, die Quarantäne auszusprechen und individuell zu beraten". Er verwies auch auf eine emotionale Komponente: "Unsere Leute rufen nicht an und sagen: Glückwunsch, Sie dürfen in Quarantäne! Da braucht es Fingerspitzengefühl." Die Leute reagierten sehr unterschiedlich: wütend, traurig, nüchtern, angespannt, frustriert. Sie stellten viele wichtige und nachvollziehbare Fragen wie: Was passiere mit den Kindern? Wie gehe es mit der Schule weiter? "Das zu beantworten, kostet viel Zeit, obwohl es ja immer die gleichen Fragen sind." Berlin müsse dafür sorgen, dass die Bevölkerung dazu vorausschauend und umfassend informiert werde.

"Sei schneller als dein Test"

Die bisherige Praxis war nach Darstellung von Liecke nicht aufrechtzuerhalten. "Wir können nicht die ganze Verwaltung nur auf Corona ausrichten und alles andere stehen und liegen lassen." Zumal der Bezirk dem Stadtrat zufolge 200 Leute nur in der Pandemiebekämpfung im Einsatz, 26 auf ein Jahr befristete Stelle geschaffen hat und demnächst 40 weitere Angestellte aus der Berliner Verwaltung bei der Nachverfolgung helfen sollen. "Wir müssen die Gesundheitsämter entlasten. Es macht schlicht keinen Sinn, wenn wir nicht mehr hinterherkommen, egal wie viel Personal wir darauf ansetzen", sagt der CDU-Politiker.

Eine Rolle spiele dabei auch: Seine Mitarbeiter erlebten immer wieder, dass sich Bürger beschwerten, dass sie nicht von der Behörde angerufen worden seien, obwohl sie Kontakt zu einem Infizierten gehabt hätten. "Dann heißt es: 'Was seid ihr denn für ein mieser Laden.' Das führt zum Verlust von Vertrauen in die Politik nach dem Motto: Ihr kriegt das mal wieder nicht hin. Wir kriegen es aber hin, wenn wir jetzt unsere Strategie anpassen." Dazu müssten alle mitmachen. Jeder Einzelne sei jetzt gefordert. "Zurücklehnen und auf den Amtsarzt warten, bis er klingelt, geht nicht mehr."

Die neue Strategie beschreibt der Stadtrat so: "Von den Gesundheitsämtern rufen wir nur noch Leute mit Symptomen an, aus systemrelevanten Bereichen wie medizinisches Personal oder besonders gefährdete Menschen, wenn wir wissen, dass sie Kontakt mit Infizierten hatten. Alle anderen sollen von Hausärzten, Krankenhäusern oder Schulen informiert werden." Ebenso wie die Gesundheitssenatorin bittet Liecke die Bürger darum, stärker eigenverantwortlich zu handeln und von sich aus in Quarantäne zu gehen. Das Motto müsse lauten: "Sei schneller als dein Test."

Klar sein dürfte, dass Berlin damit eine Vorreiterrolle übernimmt und das Vorgehen kopiert wird. In den Fokus rücken daher umso mehr freiwillige "Kontakt-Tagebücher", wie sie von Fachleuten empfohlen werden. Dazu zählen etwa Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité, und Hajo Zeeb, Professor für Epidemiologe am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Beide argumentieren, dass sich viele Leute nicht mehr erinnern können, mit wem sie vor einer Woche gesellig zusammensaßen. Zeeb sagte Tagesschau.de: "Wenn ich notiere, wo ich wann essen war, kann sich das Gesundheitsamt bei diesem Restaurant melden - und deren Liste erbitten, die die ja auch führen müssen." Das nutzt allerdings nur, wenn es genug Kapazitäten gibt, alle Bürger auf der Liste anzurufen.

Quelle: ntv.de