Panorama

Corona-Lage in Berlin "Das können wir nicht mehr einfangen"

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Vor einer Arztpraxis in Berlin-Neukölln warten viele Menschen auf einen Corona-Test.

(Foto: imago images/Travel-Stock-Image)

Berlin ist von der Pandemie besonders hart getroffen - vor allem im Bezirk Neukölln grassiert das Coronavirus. Gesundheitsstadtrat Falko Liecke nennt die Situation "sehr angespannt". Im Interview erklärt der CDU-Politiker, warum er trotzdem auf jeden Fall einen Lockdown vermeiden will.

ntv.de: Bei 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen wird Alarm geschlagen. In Neukölln lag der Wert zuletzt dreimal so hoch. Wie sieht die Situation jetzt aus?

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Der Gesundheitsstadtrat Falko Liecke sieht Neukölln im Krisenmodus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Falko Liecke: Inzwischen sind wir bei 188, die Schwelle ist also schon fast um das Vierfache überschritten. Das macht mir erheblich Sorge. Neukölln bleibt im absoluten Krisenmodus. Wir schaffen es nicht mehr, alle Kontaktpersonen positiv Getesteter binnen 24 Stunden zu erreichen. Mitte dieser Woche waren es bereits 80 Fälle, die wir in den nächsten Tag mitnehmen mussten. Die werden dann am Morgen als Erstes abgearbeitet.

Haben Sie die Lage überhaupt noch unter Kontrolle?

Ja und nein. Sie ist sehr angespannt. Ich vermute, dass wir das nicht wie Mitte des Jahres noch einfangen können. Aber die Situation ist auch nicht außer Kontrolle. Knapp neun Prozent aller derzeit rund 1000 aktiven Corona-Infizierten liegen im Krankenhaus, wobei wenige Patienten künstlich beatmet werden müssen. Die Gefahr, dass das Gesundheitssystem zusammenbricht, besteht derzeit nicht. Hier sind wir bestens aufgestellt. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass es so kommen würde, weitaus schlimmer als im Frühjahr.

Schaffen Sie es noch personell?

Wir haben 200 Leute nur in der Pandemiebekämpfung im Einsatz, stellen 26 auf ein Jahr befristet ein und bekommen bald 40 weitere Angestellte aus der Berliner Verwaltung hinzu, die schwerpunktmäßig in der Nachverfolgung arbeiten werden. Die können das zum Glück von ihrem angestammten Arbeitsplatz aus machen.

Wieso Glück?

Computer haben wir noch. Aber es fehlt an Räumen, Schreibtischen, sogar Stühlen und IT-Dosen. Das muss ad-hoc besorgt werden. Problematisch ist auch, dass durch den Personalabzug dann an anderer Stelle Dinge liegen bleiben. Die Behörden sind auf diese Lage schlicht nicht vorbereitet. Ziel bleibt jedenfalls, die Verfolgung sämtlicher neuer Fälle wieder binnen eines Tages zu schaffen. Ob das gelingt, sei dahingestellt.

Gibt es genug Tests? Und klappt es mit den Laboren?

Beides ist prima. Tests sind reichlich vorhanden. Die Labore funktionieren einwandfrei. Die haben ihre Kapazitäten um 2000 Tests täglich erweitert.

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Was sind die Gründe, dass es Neukölln so stark erwischt hat?

Unter den 330.000 Einwohnern des Bezirks sind sehr viele Jugendliche, die Lust auf Party haben. Hinzu kommen junge Gäste aus ganz Deutschland und aller Herren Länder. Der Sommer war schön, Corona war nicht mehr im Fokus, Feste fanden wieder statt, es wurde gefeiert. Ich denke, viele junge Leute haben nicht mitbekommen, dass sie infiziert waren. Die haben das Virus weitergegeben, ohne es zu wissen. So sickerte Corona in die Bevölkerung ein mit dem Ergebnis, dass die Zahlen seit Mitte September rapide steigen.

In Neukölln leben sehr viele sozial Schwache. Spielt das eine Rolle?

Bildungsferne und wirtschaftliche Armut machen sich bemerkbar. Ich fürchte, viele verstehen rein sprachlich nicht, was genau vor sich geht und warum sie die AHA- oder Quarantäneregeln einhalten sollen. Vielköpfige Familien leben auf wenig Raum, weil sie sich keine größeren Wohnungen leisten können.

Und was ist mit den berühmten Hochzeiten mit 300 Leuten?

Die sind seit Anfang Oktober verboten und kein Problem mehr. Unter strengen Auflagen sind weiterhin Veranstaltungen in Innenräumen mit bis zu 1000 Menschen möglich. Stimmt das Hygienekonzept, erlaube ich sie auch. Das hört sich vielleicht etwas verrückt an, aber da geht es auch um die Wirtschaft. Die Veranstaltungsbranche verdient seit fast einem Jahr so gut wie nichts mehr.

Sie hatten schon vor Wochen beklagt, dass sich viele Gäste in Bars und Restaurants nicht einschreiben. Wie sieht es hier aus?

Unglaublich viele Menschen haben sich als Lucky Luke, Mickey Mouse und Donald Trump eingetragen. Das hat die Arbeit der Gesundheitsämter sinnlos erschwert und nicht geholfen, die Lage in den Griff zu kriegen. Seit Bußgelder erhoben werden, strenger kontrolliert wird und auch Gäste statt nur Wirte belangt werden können, ist es vermutlich besser geworden. Belegen kann ich das nicht. Bei einer Schwerpunktkontrolle haben wir jüngst an einem Freitagabend 3000 Euro Cash eingenommen. Das merken die Leute. Regelmäßige Kontrollen sind wichtig.

Aber auch personalintensiv.

Daher würde ich mir wünschen, dass uns andere Bundesländer, die von der Pandemie nicht so stark betroffen sind, Polizisten nach Berlin entsenden. Davon hätten wir alle etwas. Am besten wäre, der Zoll würde sich auch noch beteiligen und gegen Schwarzarbeit vorgehen.

Bisher ist nicht mal der Oktober rum. Wie soll es weitergehen?

Wie schlimm es noch werden wird, wissen wir nicht. Was wir definitiv brauchen, ist eine bessere Kommunikation, Podcasts und Kurzvideos mit Erklärungen. Das kann nicht jeder der zwölf Berliner Bezirke einzeln machen. Hier ist die Landesregierung gefragt, die mal wieder nichts tut. In jeder Runde sage ich: "Geht es an." Die Antwort lautet immer: "Das prüfen wir." Aber nichts passiert.

Bleibt am Ende nur der Lockdown?

Den müssen wir mit allen Mitteln verhindern. Die Eingriffe in die Schulen, Kitas und Unternehmen führen zu Schäden, die keiner mehr abschätzen kann. Da geht es nicht nur um die Wirtschaft und Steuereinnahmen. Die Gefahr, dass wir die Leute nicht mehr mitnehmen, ist riesig. Viele sind schon jetzt emotional am Anschlag. Neukölln müsste bei Prävention, Familienförderung und Integrationskursen kürzen. Alles, was wir aufgebaut haben, würde man wieder einreißen. Deshalb kann der Lockdown nur das allerletzte Mittel sein. Und wenn, dann darf er nicht so scharf ausfallen wie im Frühjahr.

Mit Falko Liecke sprach Thomas Schmoll

Quelle: ntv.de