Panorama

Senioren-Vertreter empört Briten zählen Pflegeheim-Tote nicht mit

imago69023605h.jpg

Corona-Opfer aus Pflegeheimen tauchen in der britischen Statistik gar nicht auf.

(Foto: imago/epd)

Wieder werden in Großbritannien Hunderte Verstorbene an einem Tag gezählt. Und diese Zahlen sind noch höchst konservativ gerechnet, denn eine wichtige Risikogruppe kommt darin gar nicht vor.

Mit mehr als 770 neuen Todesfällen innerhalb eines Tages ist die Zahl der in Großbritannien an der Lungenkrankheit Covid-19 verstorbenen Menschen auf insgesamt mehr als 12.000 gestiegen. Die britische Regierung meldete 778 neue Todesopfer, womit die Zahl der täglich gemeldeten Todesfälle anstieg. Einen Tag zuvor hatten die Behörden noch 717 neue Todesfälle registriert. Die Gesamtzahl der Corona-Toten beläuft sich den Angaben zufolge nun auf auf 12.107. Zugleich wurde von Seniorenvertretern kritisiert, dass in die Statistik nur in Krankenhäusern Verstorbene aufgeführt würden, nicht aber die Todesfälle in Pflegeheimen erfasst würden.

Die Zahl der bestätigten Infektionsfälle mit dem neuartigen Coronavirus stieg laut britischem Gesundheitsministerium auf mehr als 93.800, was einem Anstieg von 5251 Fällen im Vergleich zum Vortag entspricht. Laut dem nationalen Statistikamt ONS könnte die Zahl der am Coronavirus gestorbenen Menschen allerdings sogar noch rund 15 Prozent höher sein als von den Behörden angegeben. In England und Wales seien bis zum 3. April 6235 Menschen gestorben, bei denen im Totenschein die vom Virus ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 oder der Verdacht darauf genannt würden. Betrachte man diese Daten, dann sei die Todeszahl um 15 Prozent höher als die vom nationalen Gesundheitsdienst NHS genannte, erklärt ONS-Statistiker Nick Stripe. Zudem beinhalten die NHS-Zahlen nur die in Krankenhäusern gemeldeten Todesfälle, nicht aber die der gesamten Gemeinden, also auch aus Alten- und Pflegeheimen.

Großbritannien ist besonders stark von der Corona-Pandemie betroffen. Die Regierung von Premierminister Boris Johnson, der selbst an der durch das Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 erkrankt war, will voraussichtlich am Donnerstag über eine Verlängerung der Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Virus-Ausbreitung entscheiden.

Tote aus Seniorenheimen gar nicht in der Statistik

Seniorenvertreter und Betreiber zeigten sich alarmiert über die Lage in britischen Altenheimen. Alte Menschen würden in der Pandemie einfach ihrem Schicksal überlassen und tauchten in den Statistiken nicht auf, schrieb Ros Altmann, die sich seit Jahrzehnten für die Rechte alter Menschen einsetzt, in einem Meinungsbeitrag für die "Daily Mail". Angesichts der Tatsache, dass in der offiziellen Statistik zu Corona-Toten nur im Krankenhaus gestorbene Patienten aufgeführt werden, sprach Altmann von zahlreichen "stillen und versteckten Todesfällen" in den Altenheimen.

*Datenschutz

Der Chef des größten britischen Altenheimbetreibers HC-One, David Behan sagte, in 232 und damit zwei Dritteln der von dem Unternehmen betriebenen Einrichtungen gebe es Fälle von Covid-19. Insgesamt 311 Bewohner und ein Mitarbeiter seien an den Folgen des Coronavirus gestorben.  Die offiziellen Regierungszahlen blendeten alte Leute einfach aus, "als ob sie nicht wichtig wären", kritisierte die Direktorin der Wohlfahrtsorganisation Age UK, Caroline Abrahams. Abrahams und die Vorsitzenden mehrerer weiterer Hilfsorganisationen hatten Gesundheitsminister Matt Hancock am Montag in einem Brandbrief aufgefordert, Altenheime mit mehr Virus-Teskits und Schutzausrüstung zu versorgen.

Regierungsberater Chris Witty hatte am Montag erklärt, in geschätzt 13,5 Prozent der britischen Altenheime gebe es Corona-Fälle. Eine am Dienstag veröffentlichte amtliche Statistik gab die Zahl der bis zum 3. April registrierten Todesfälle durch Covid-19 in den Senioreneinrichtungen in Wales und England mit lediglich 217 an. Eine aktuelle Studie der London School of Economics zur Lage in fünf europäischen Ländern geht dagegen davon aus, dass Bewohner von Alten- und Pflegeheimen zwischen 42 und 57 Prozent aller Corona-Todesfälle ausmachen.

Quelle: ntv.de, vpe/rts/AFP