Panorama

Gefoltert und in Säure aufgelöst Brutaler Studentenmord erschüttert Mexiko

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"Es sind nicht drei. Es sind wir alle", steht auf dem Banner der Demonstranten.

(Foto: picture alliance / Eduardo Verdu)

Javier, Daniel und Marco waren zur falschen Zeit am falschen Ort: Die drei Studenten müssen sterben, weil ein Kartell sie für Mitglieder einer verfeindeten Bande hält. Ihre brutale Ermordung bringt selbst das verrohte Mexiko ins Wanken.

Javier, Daniel und Marco wollten einen Horrorfilm drehen und gerieten in ihre persönliche Hölle. Mitglieder des Drogenkartells "Jalisco Nueva Generación" verschleppten die drei jungen Männer auf der Rückkehr von den Dreharbeiten, folterten und töteten sie. Ihre Körper lösten die Verbrecher danach in Säure auf. Selbst in dem an unfassbare Gewalt gewöhnten Mexiko sorgt die bestialische Tat für Entsetzen.

"Worte reichen nicht aus, um das Ausmaß dieses Wahnsinns zu verstehen. Drei Studenten wurden ermordet und in Säure aufgelöst. Das Warum ist undenkbar, das Wie ist schreckenerregend", schreibt der mexikanische Filmregisseur und Oscarpreisträger Guillermo del Toro auf Twitter. Der Schauspieler Gael García Bernal fügt hinzu: "Welche Trauer. Dieser Albtraum muss aufhören."

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Bei den Protesten erinnern die Menschen auch an die 43 Studenten, ...

(Foto: AP)

Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mussten die Studenten sterben, weil die Verbrecher sie für Mitglieder der rivalisierenden Bande "Nueva Plaza" hielten. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort: Die jungen Männer drehten ihren Kurzfilm in einem Haus, in dem das Kartell "Jalisco Nueva Generación" einen Stützpunkt der verfeindeten Gang vermutet hatte.

Tödliche Verwechslungen

Der Fall erinnert an eines der schrecklichsten Verbrechen der jüngeren Geschichte in Mexiko. Im September 2014 hatten Polizisten in Iguala 43 Studenten des Lehrerkollegs Ayotzinapa verschleppt und dem Verbrechersyndikat "Guerreros Unidos" übergeben. Bislang wurden nur die Überreste eines Opfers identifiziert - allerdings gehen die Ermittler davon aus, dass keiner der Entführten noch am Leben ist.

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... die 2014 verschleppt und ermordet wurden.

(Foto: REUTERS)

Alles deutet darauf hin, dass auch die Studenten von Ayotzinapa damals Opfer einer Verwechslung geworden sind. Mutmaßlich hatten sie unwissentlich einen mit Heroin beladenen Bus der "Guerreros Unidos" gekapert, um zu einer Demonstration zu fahren. Die Gangster hielten die jungen Männer deshalb für Mitglieder der rivalisierenden Bande "Los Rojos". Abgehörte Telefonate und abgefangene Textnachrichten legen nahe, dass der Befehl für die Attacke auf die Studenten von den Bandenchefs in den USA kam.

Mexiko wird derzeit von einer beispiellosen Gewaltwelle überrollt. Allein letztes Jahr haben die Behörden mehr als 29.000 Tötungsdelikte gezählt - es war damit das blutigste Jahr in der jüngeren Geschichte des Landes. Rund 30.000 Menschen gelten außerdem als verschwunden. Ursache sind brutale Verteilungskämpfe der mexikanischen Unterwelt um Geschäftsanteile, Einflusszonen und Schmuggelrouten. Dabei geraten auch immer wieder Unschuldige zwischen die Fronten.

Von vielen Opfern wird kaum Notiz genommen. Nach dem Mord an den Filmstudenten aber geht ein Aufschrei der Empörung durchs Land. Selbst Präsident Enrique Peña Nieto, der zu der desolaten Sicherheitslage in seinem Land eigentlich lieber schweigt, meldete sich zu Wort. "Der brutale Mord an Javier, Daniel und Marco schmerzt und empört alle Mexikaner", schrieb der Staatschef von seiner Europareise aus auf Twitter.

"Ich halte es nicht mehr aus"

Vor allem die enthemmte Brutalität der Kartelle schockiert. Immer wieder hängen die Verbrecher ihre Opfer an Brücken auf und legen abgeschlagene Köpfe als Warnung an öffentlichen Plätzen aus. Oder aber sie wollen alle Spuren verwischen und lösen die Leichen in Säure auf. Bereits 2009 wurde in Mexiko "El Pozolero" (Der Suppenkoch) verhaftet, der im Auftrag eines Kartellbosses mindestens 300 Leichen in Ätznatron aufgelöst hatte.

Für das Kartell "Jalisco Nueva Generación" soll ein junger Mann die Drecksarbeit erledigt haben, der als Rapper bei Youtube auf mehr als 125.000 Abonnenten kommt. Das Verbrechersyndikat habe ihm pro Woche 3000 Pesos - umgerechnet 130 Euro - gezahlt, damit er Leichen in Säure auflöst, sagte er bei seiner Vernehmung.

Viele Mexikaner wollen diese Verrohung nicht länger hinnehmen. In Mexiko-Stadt und Guadalajara gehen seit Tagen Tausende Menschen auf die Straße, um gegen die Gewalt zu demonstrieren. "Es sind nicht nur drei, es sind wir alle", skandierten sie bei einem Protestzug in Guadalajara - großformatige Fotos der drei Studenten in den Händen haltend. "Jeden Tag hören wir von so vielen sinnlosen Morden", sagte eine junge Frau auf einer der Demonstrationen. "Ich halte es nicht mehr aus. Ich will in Mexiko in Frieden leben und eine Zukunft haben, wie wir jungen Menschen sie verdienen."

Quelle: ntv.de, Carmen Peña und Denis Düttmann, dpa

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