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Die Last der Corona-Regeln "Bußgelder können unkooperativer machen"

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Freundliche Erinnerungen helfen.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Maske tragen, Abstand halten, soziale Kontakte meiden - die Corona-Krise hat ihre ganz eigenen Regeln. Und die möchten immer weniger Menschen einhalten. Der Staat reagiert mit Appellen und Bußgeldern. Doch wie sinnvoll ist das? Für Verhaltens- und Entscheidungswissenschaftlerin Verena Utikal ist die Antwort eindeutig.

ntv.de: Eigentlich sind die Corona-Regeln klar, warum können sich die Menschen immer schlechter daran halten?

Verena Utikal: Das ist ja ein Riesen-Kooperationsexperiment, das wir da alle gerade zusammen machen. Maske tragen, Abstand halten, auf Dinge verzichten, die wir gern tun, zum Beispiel auf Konzerte oder Raves gehen. Dafür müssen wir sozusagen bezahlen, mit Mühe, Geld oder weniger Spaß, damit es der Gesellschaft als Ganzes gut geht. Das ist nervig, das macht keiner besonders gern. Aber es ist leichter, diese unangenehmen Dinge zu tun und zu kooperieren, wenn man andere beobachtet und die tun diese nervigen Dinge auch.

So war das zu Beginn der Krise.

Genau, da hat man gemerkt, viele Leute machen mit. Jetzt sieht man aber immer mehr Leute, die es nicht tun. Das kann dazu führen, dass Leute, die sich eigentlich an die Regeln halten würden, es auch nicht mehr tun. Weil sie sich fragen: Warum soll ich es machen, wenn kein anderer mehr mitmacht? Man nennt das konditionelle Kooperation. Ich kooperiere, wenn die anderen es auch tun. Und genau das ist in letzter Zeit immer schwieriger geworden.

Inwiefern taugen denn die jetzt ergriffenen Maßnahmen dazu, die Kooperationsbereitschaft wieder zu erhöhen? Ist "Wenn du mitmachst, bezahlst du kein Bußgeld" ein guter Ansatz?

In der Theorie ja. Das ist ein altes Instrument, das in der Legislative verwendet wird. Je höher die Strafe, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen kooperieren. Aber es gibt noch wichtige andere Faktoren, die eine Rolle spielen. Unter anderem die Wahrscheinlichkeit für die Entdeckung und die Verhängung der Strafe. Es macht einen Riesenunterschied, ob die Leute überhaupt zur Rechenschaft gezogen werden.

Welche Rolle könnte soziale Kontrolle spielen? Also jemand, der aus Berlin-Mitte nach Schleswig-Holstein fährt, wird gemeldet.

Das ist nochmal eine ganz andere Ebene. Da würde sich der Staat, der seine eigenen Regeln ja selbst durchsetzen müsste, ja Hilfssheriffs holen. Da stellt sich die Frage, ob wir als Gesellschaft so leben wollen.

Wie wichtig ist es denn, dass staatliche Stellen durchsetzen, dass beispielsweise Maske getragen wird oder jemand nach dem Besuch eines Risikogebietes in Quarantäne bleibt?

Immens wichtig. Wenn Regelverletzungen keine Konsequenzen folgen, das weiß jeder, der Kinder hat, dann werden diese Regeln nie zu richtigen Regeln. Dann sind das eher Empfehlungen oder leere Worthülsen.

Wenn es aber jedes Mal Strafen gibt, kann ja von Kooperation keine Rede mehr sein. Dann geht es um Sanktionen. Mit welchen Konsequenzen?

Kooperation ist ein Begriff, den wir mit Freiwilligkeit verbinden. Sobald es aber eine Pflicht gibt, kann sich Verhalten radikal ändern. Menschen, die einverstanden wären, bestimmte Dinge freiwillig zu tun, reagieren manchmal ganz anders, wenn es zur Pflicht wird. Auch Bußgelder können Freiwilligkeit, also die intrinsische Bereitschaft zu bestimmten Maßnahmen, zerstören. Da muss man aufpassen, dass die extrinsische Motivation nicht mehr kaputt als besser macht.

Ganz viele entscheiden vermutlich danach, ob sie aus ihrem Handeln Vorteile für sich ableiten können. Wie lassen sich denn die wahrgenommenen Vorteile erhöhen?

Wir sind in einem klassischen Dilemma. Wir sehen die Vorteile, aber es macht trotzdem keinen Spaß. Es gibt aber eine einfache Regel, wie man Menschen dazu bringt, Dinge zu tun, die sie nicht so gern machen. Diese Regel heißt EAST. E steht für einfach, also mache es den Menschen so leicht wie möglich. Das könnte für das Mundschutztragen heißen, die gibt es am Eingang jedes Supermarktes oder zur Fahrkarte dazu. Weil Menschen vergesslich sind oder Sachen verlieren. Oder Abstandsmarkierungen, die helfen auch. Das A in EAST steht für attraktiv, es muss Spaß machen. Durch Design könnte man das Maskentragen auch wieder attraktiver machen. Dazu gehören für mich Masken mit fies-lustigen Monsterfratzen. Das S steht für sozial, also alles zu unternehmen, dass Menschen sich als Gruppe fühlen und sich gegenseitig nachahmen können. Und das T steht für termingerecht. Dabei geht es darum, darauf zu achten, das Verhalten im richtigen Moment zu ändern. Jetzt im Herbst sind wir wieder mehr drinnen, das scheint ein guter Zeitpunkt zu sein, neue Argumente auf den Tisch zu legen. Das ist verhaltensökonomisch belegt, dass diese Faktoren Entscheidungen beeinflussen.

Ist also die Linie der Bundeskanzlerin, dass Gebote besser sind als Verbote, auch verhaltensökonomisch sinnvoll?

Sicher, aber da sind wir wieder bei dem Punkt, dass man, wenn man Verbote erlässt, auch dafür verantwortlich ist, dass sie eingehalten werden. Das hat noch einen weiteren Aspekt. Es verursacht erhebliche Kosten für den Staat. Wenn jeder kontrolliert werden muss, das ist richtig teuer. Wenn Menschen Dinge freiwillig machen, ist das nicht nur einfacher, sondern auch billiger.

In der ersten Welle gab es einen starken emotionalen Faktor, den Schutz der Risikogruppe der Älteren und Risikopatienten. Brauchen wir den vielleicht wieder?

In Studien sieht man, dass Ängste Verhalten treiben können. Aber auch hier stellt sich wieder die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? In einer ängstlichen oder in einer, die aus sozialen Motiven heraus Rücksicht aufeinander nimmt? Man kann ja leicht in Panik hineinrutschen, wenn man diese emotionale Komponente wieder mit hineinnimmt.

Also hilft nur Einsicht in die Notwendigkeit?

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Das wäre schön. Wir sind schon ein bisschen Corona-müde und vermissen unser altes Leben, aber es ist noch nicht so weit, dorthin wieder zurückzukehren. Und die Zeit bis dahin können wir nur überstehen, wenn wir zusammenarbeiten.

Mit Verena Utikal sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de