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Abgepackt zu Maos Zeiten China beschlagnahmt Uralt-Grillgut

In China stellen Zollbeamte 100.000 Tonnen gefrorenes Schmuggelfleisch sicher. Die ältesten Leckerbissen sollen 40 Jahre alt sein. Die eine oder andere Lücke in der Kühlkette dürfte es da gegeben haben.

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So richtig lecker ist die Vorstellung nicht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Begriff Gammelfleisch bekommt in diesen Tagen in China eine ganz neue Dimension. Abgelaufene Verfallsdaten sind ja eine Sache, aber wenn die Lebensmittel aus einer Zeit stammen sollen, als Diktator Mao Zedong noch lebte, dann nimmt die Angelegenheit absurde Züge an. Doch nach Angaben der chinesischen Zollbehörde sind bei einer Großrazzia Mitte Juni gegen einen Schmugglerring tatsächlich eingefrorene Hühnerfüße, eine Spezialität in China, aus der ersten Hälfte der 1970er-Jahre entdeckt worden. Die Etiketten auf den Verpackungen würden darauf hinweisen, heißt es.

Insgesamt sei den Behörden bei einer konzertierten Aktion in 14 Provinzen die gewaltige Menge von 100.000 Tonnen Fleisch ins Netz gegangen, das irgendwann billig im Ausland eingekauft und dann mit Aufschlag in China verkauft werden sollte. Hühnchen, Schwein, Rind – alles tiefgefroren, das meiste davon ins Land geschafft über Chinas südlichen Nachbarn Vietnam. Von dort aus wurde es offenbar weiter in vielen Regionen der Volksrepublik verteilt. Die Ware taxierte der Zoll auf einen Verkaufswert von drei Milliarden Yuan, umgerechnet rund 430 Millionen Euro. Einige Dutzend Schmuggler wurden festgenommen.

Lukratives Geschäft?

Das alles klingt zumindest etwas merkwürdig. Denn es drängt sich die Frage auf, wieso jemand 40 Jahre lang Fleisch aufbewahren sollte, ohne es zu verkaufen oder zumindest zu essen. Schließlich muss es die ganzen Jahre über die meiste Zeit gefroren gewesen sein, sonst wäre es völlig verrottet. Das Einfrieren aber kostet Energie und damit auch eine Menge Geld in vier Jahrzehnten. Wer also soll ernsthaft Interesse daran haben, die Hühnerfüßchen über einen so langen Zeitraum aufzubewahren? Ein lukratives Geschäft geht anders.

Bei seltsamen Sachverhalten kommt es in China nicht selten vor, dass viele Details im Dunkeln bleiben. Deswegen spekuliert die Öffentlichkeit bereits darüber, ob die Nachricht tatsächlich echt sein kann oder ob die Regierung womöglich gute Nachrichten für Hunderte Millionen Verbraucher prominent platzieren wollte. Als Werbung in eigener Sache sozusagen. Auf der populären Frage-und-Antwort-Internetseite Zhihu behaupten manche, das müsse alles frei erfunden sein. Andere sagen, es sei nicht unüblich, dass in uralten Kühlgaragen uraltes Grillgut auftaucht. Und sei es aus Maos Zeiten.

Der Zoll sorgt für wenig Aufklärung. Auf die telefonische Nachfrage bei einer Außenstelle in der Provinz Hunan, ob das entdeckte Fleisch tatsächlich 40 Jahre alt sei, antwortet eine Mitarbeiterin: "Erwarten Sie, dass ich das im Labor für Sie teste?" Auch wie viele Tonnen der Marke Retro sich unter den beschlagnahmten Gütern befinden, bleibt vorerst ungewiss. Immerhin erfuhr die staatliche Tageszeitung China Daily von einem Mitarbeiter, der eines der Lager betrat, dass der Geruch wohl unerträglich war. "Es stank und ich hätte mich fast übergeben", klagte der Mann. Das wiederum wirft neue Fragen auf: Wenn es stinkt, wissen auch die Schmuggler, dass sie das Fleisch nicht verwerten können. Wieso behalten sie es?

Alte Spezialiäten haben Tradition

Wie viel Gammelfleisch in den vergangenen Jahren und in welchem Alter auf chinesischen Tischen landete, bleibt unklar. Nach Angaben des Zolls sei es durchaus denkbar, dass Fleisch auch nach Jahrzehnten verzehrt werden könne, ohne dass der Konsument die Jahre am Gaumen wahrnimmt. In diesem Zusammenhang darf man daran erinnern, dass auch 1000-jährige Eier in China eine Spezialität sind. Die sind zwar keine 1000 Jahre alt, aber definitiv zu alt, um noch als frisch durchzugehen. Vielleicht mag der eine oder andere tatsächlich Fleisch aus Großmutters Zeiten.

Doch trotz aller Skurrilität des Falles ist sein Ausmaß gigantisch und alarmierend. China kämpft seit Jahren mit Lebensmittelskandalen aller Art. Korruption und Ignoranz ebnen kriminellen Banden häufig den Weg für ihre Machenschaften. Weil das Schmuggelfleisch zudem nicht an der chinesischen Grenze auf seine Qualität getestet wurde, erhöht sich das Risiko für die Konsumenten. Die Kühlkette wird oftmals nicht einmal bei regulär eingeführten Produkten stabil gehalten. Bei Schmuggelware umso weniger. Der Zoll vermutet deshalb, dass das Fleisch im Laufe der Zeit mehrfach aufgetaut und wieder eingefroren wurde. Abgesehen von einem Geschmacksverlust sei es zwischen zwei Gefrierperioden möglicherweise auch verdorben.

Quelle: n-tv.de

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