Panorama

Hauptverdächtiger im Fall Maddie Christian B. teilte pädophile Fantasien in Chat

Noch mehrere Jahre sitzt Christian B. wegen einer Sexualstraftat im Gefängnis. Unterdessen kommen ihm die Ermittler auch im Fall Maddie McCann immer näher, für den er als Hauptverdächtiger gilt. Immer mehr fügt sich eins zum anderen.

Im Sommer 2020 verkünden Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) eine Sensation. Die deutschen Behörden bringen einen mehrfach vorbestraften Sexualverbrecher mit dem Verschwinden von Madeleine McCann in Verbindung. Die damals Dreijährige war am 3. Mai 2007 aus einer Apartment-Anlage im portugiesischen Praia da Luz verschwunden. Bis heute fehlt jede Spur von dem Mädchen. Vor gut eineinhalb Jahren präsentieren die deutschen Behörden dann einen Verdächtigen: Es handelt sich um Christian B., der sich bereits wegen einer anderen Tat in Haft befindet.

Zusammen mit der Metropolitan Police in Großbritannien und der Polícia Judiciária in Portugal bitten die Deutschen um Mithilfe der Bevölkerung. Wer auch immer mit B., der mehrfach in Portugal gelebt hatte, in Verbindung stand, wird gebeten, sich zu erinnern. Was tat Christian B.? Wo wohnte und arbeitete er? Worüber sprach er?

Schon damals macht die zuständige deutsche Staatsanwaltschaft Braunschweig deutlich, dass es dauern könne, bis die Ermittlungen zu einem Ergebnis führen. Nun steht eine Anklageerhebung laut RTL/ntv-Informationen offenbar unmittelbar bevor. Bei ihrer Spurensuche für die Dokumentation "Verdächtig im Fall Maddie - Wer ist Christian B.?" (am 26.1. um 20.15 Uhr bei VOX) hat SPIEGEL TV exklusiv mit Freunden und Weggefährten des Tatverdächtigen gesprochen. Dabei wird deutlich, wie schwierig es ist, die verschiedenen Puzzleteile rund um Christian B. zusammenzufügen.

"Etwas Kleines einfangen"

Geheime Chatverläufe zeigen demnach, dass der Verdächtige im Fall Maddie pädophile Fantasien hatte. Den Ermittlungen zufolge nannte sich Christian B. im Darknet "Wahnsinn-der-holger". In einem Bereich des Internets, wo Waffen und kinderpornografische Bilder gehandelt werden, spricht der Mann, der unter anderem wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde, diese Fantasien deutlich aus: "Etwas Kleines einfangen und tagelang benutzen, das wär´s", schreibt B. Als sein Chatpartner zu bedenken gibt, dass das nicht ganz ungefährlich sei, entgegnet "Wahnsinn-der-holger": "Och, wenn die Beweise hinterher vernichtet werden." B. erzählt seinem Chatpartner, dass er viele Filmchen drehen würde, sollte er eine "Kleine" einfangen: Ob er diese Fantasie in die Tat umgesetzt hat, ist nicht bekannt.

Doch belastendes Material sind die Chats allemal, ebenso wie andere Informationen, die die Ermittler zusammengetragen haben. Bei einer Wohnungsdurchsuchung 2015 wurde eine Videokamera sichergestellt, nachdem B.'s Freundin ihn wegen eines Angriffs anzeigt hatte. Die Beamten fanden in der Videokamera eine Speicherkarte und darauf unter anderem kinderpornografische Fotos.

Bei der Durchsuchung eines anderen Grundstücks von B. stieß die Polizei auf die Leiche seines Hundes. Doch zusammen mit dem Tier hatte B. noch etwas anderes begraben. Unter dem Körper des Hundes fanden die Ermittler sechs Speichersticks und zwei Speicherkarten, verpackt in einem Stoffetui und eingewickelt in einer Einkaufs-Tüte. Über 8000 Dateien werten die Experten aus. Bei den meisten handelt es sich um Bilder oder Videos von missbrauchten Säuglingen, Kindern und Jugendlichen. Etwa hundert Dateien können Christian B. zugeordnet werden.

Unberechenbare Seite

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Bei Karin S. (re.) und ihrem Mann jobbte B. in Portugal.

(Foto: SPIEGEL TV)

Freunde und Bekannte von B. beschreiben ihn als einen hilfsbereiten Menschen, dessen Schattenseiten aber auch immer wieder zutage traten. Bei Karin S. und ihrem Mann jobbte B. in Portugal: "Er hat getrunken und dann ist er auf mich losgegangen", erzählt sie. Diese unberechenbare Seite, vor allem in Verbindung mit Alkohol, erlebten auch seine Freunde in Hannover. Hier wohnt B. 2010, und hier werden Freunde und Bekannte Zeugen von plötzlichen Wutanfällen.

Björn R. erinnert sich an eine Situation, in der Christian B. seine minderjährige Freundin aufforderte, in der Küche Fischstäbchen zu wenden. Doch die seien in der Pfanne zu einem einzigen Matsch geworden. B. habe daraufhin vor Wut eine Cola-Kiste gegen die Fensterscheibe geworfen: "Wegen so einer Kleinigkeit so auszuflippen, das war schon ein bisschen komisch", so R.

Dass B. sein Leben mit Diebstählen finanziert, ist ohnehin ein offenes Geheimnis. Weggefährten nannten ihn "den Kletterer", weil er nachts in Hotels einbrach, um Geld und Wertsachen zu erbeuten. "Er hat schon viel davon erzählt, wie er überall eingestiegen ist", so Björn R. in der Dokumentation. Dass Christian B. ein Schwerverbrecher ist, hat trotzdem niemand vermutet: "Es ist echt Hardcore, wirklich, der war zwei Jahre einer meiner besten Freunde, dass der so einen Dreck am Stecken hat", erzählt R. "Alles, was er damals gemacht hat, stellt man heute infrage. Ist schwer zu verstehen." Auch Karin S. pflichtet ihm bei: "Das hätte ich niemals gedacht. In keinster Art und Weise."

Weitere Ermittlungen

Mit Lenta J., einer früheren Nachbarin, soll der Tatverdächtige sogar über den Fall Maddie gesprochen haben: "Es kam in den Tagen in den Zeitungen was über Maddie, und die Freunde von Christian unterhielten sich darüber. Dann sagte er einfach nur: Man sollte jetzt damit aufhören, das Kind sei doch schon längst tot."

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Derzeit sitzt der Verdächtigte in einem niedersächsischen Gefängnis eine mehrjährige Haftstrafe für die Vergewaltigung einer 72-jährigen US-Amerikanerin im Jahr 2005 im portugiesischen Praia da Luz ab. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hofft, dass sie demnächst die Ermittlungen zur mutmaßlichen Vergewaltigung einer Irin im Jahr 2004 abschließen kann, bei der ebenfalls B. als Hauptverdächtiger gilt. Die Irin hatte nach dem Fall der US-Amerikanerin Hoffnung geschöpft, dass der Täter doch noch zur Verantwortung gezogen wird. Dem "Guardian" sagte sie im Juni 2020: "Ich war völlig überwältigt, als ich las, wie er die Frau 2005 angegriffen hatte, sowohl über die Taktik und die Methoden, die er benutzte, als auch über die Werkzeuge, die er bei sich hatte und wie genau er das geplant hatte."

Gegen B. wird außerdem noch in zwei weiteren Verfahren ermittelt. Dabei geht es um sexuellen Missbrauch von Kindern in zwei Fällen, bestätigte Staatsanwalt Hans Christian Wolters Ende 2021. Zum Fall Maddie hat sich B. seinem Verteidiger zufolge bisher nicht geäußert, Wolters zufolge laufen die Ermittlungen unverändert weiter. "Die Sachlage ist im Wesentlichen unverändert."

Quelle: ntv.de, sba

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