Panorama

Kubas Vakzin-Diplomatie Corona-Impfstoffe aus der Diktatur

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Ein kubanischer Krankenpfleger wird untersucht, nachdem ihm der Soberana-02-Impfstoff verabreicht wurde.

(Foto: REUTERS)

Kuba geht in der Corona-Krise seinen eigenen Weg. Das Land impft bislang noch gar nicht, hat jedoch vier eigene Impfstoffe in der Entwicklung. Ein riskanter, aber vielversprechender Alleingang, sagen Experten. Kuba könnte in kürzester Zeit Herdenimmunität erreichen.

Kuba ist weitgehend auf sich allein gestellt. Im Land von Fidel Castro regiert seit mehr als 60 Jahren der Sozialismus. Die Lebensverhältnisse der Menschen im Einparteienstaat sind teils katastrophal, die wirtschaftliche Situation ist verheerend. Doch trotz seiner Isolation ist Kuba auf dem Weg, als einziges lateinamerikanisches Land nicht nur einen, sondern gleich vier Impfstoffe gegen das Coronavirus herzustellen. Der vielversprechendste Kandidat ist Soberana 02 - zu Deutsch: Souveränität 02.

"Es gibt zwei Dinge, die auf Kuba schon immer gut gelaufen sind. Zum einen das Bildungssystem, zum zweiten das Gesundheitssystem. Das hängt ja auch miteinander zusammen, denn sie können ja kein Gesundheitssystem aufbauen, wenn sie keine Fachkräfte haben", so Federico Foders im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Der Lateinamerika-Experte hat mehr als 30 Jahre als Professor am Institut für Weltwirtschaft in Kiel gelehrt und ist seit 2013 Präsident des Internationalen Wirtschaftssenats. "Kuba hat eine ganze Reihe von Impfstoffen entwickelt. Gegen Tetanus, gegen Meningitis, gegen Hepatitis."

Kuba hat viel Erfahrung mit der Entwicklung von Impfstoffen, erklärt Foders. Gegen das Coronavirus aber impft das Land als eines der wenigen auf der Welt noch nicht, obwohl sich das staatliche Finlay-Institut in Havanna in der Vergangenheit sogar international einen Namen gemacht hat als Impfstoff-Labor.

Der Soberana-02-Impfstoff befindet sich aktuell in der dritten und letzten Testphase. Er wird genau wie Soberana 01 am Finlay-Institut entwickelt. Hinzu kommen die Vakzine Mambisa und Abdala, die vom staatlichen Biotechnologie-Zentrum hergestellt werden. Beim Abdala-Impfstoff wurde laut staatlicher Medien im März ebenfalls mit den Phase-3-Tests begonnen.

100 Millionen Impfdosen in diesem Jahr

Kuba ist auch ohne Impfstoff bisher verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen. Soberana 02 wird auch aus diesem Grund nicht nur in Kuba, sondern auch im Iran getestet. Bis sich in Kuba nämlich ausreichend viele Probanden in der Placebo-Gruppe angesteckt haben, würde es zu lange dauern. Im Iran geht das angesichts des intensiveren Infektionsgeschehens schneller, sodass sicherere Aussagen über die Wirksamkeit gemacht werden können.

Auch die USA helfen dem isolierten sozialistischen Inselstaat in der Krise indirekt aus, berichtet Foders. "Kuba ist schon immer eigene Wege gegangen. Aber auf dem Gebiet der pharmazeutischen Industrie bezieht Kuba Anlagen, die man für den Aufbau von Laboren braucht, aus den Vereinigten Staaten." Die Beziehungen zu den USA haben sich seit dem Amtsantritt von Präsident Joe Biden wieder leicht verbessert.

Die Infektionszahlen auf Kuba waren bis November verhältnismäßig niedrig, erst seit Weihnachten haben sich deutlich mehr Menschen infiziert - pro Tag sind es aktuell etwa 1000. Besonders betroffen ist die Hauptstadt Havanna. Dort sind die Infektionszahlen ähnlich hoch wie in deutschen Großstädten. Ansonsten ist der Kampf gegen das Virus in Kuba aber eine Erfolgsgeschichte, wenn man den staatlichen Angaben glauben will: Etwa 80.000 Infizierte und weniger als 500 Tote zählt das Land seit Beginn der Pandemie. In der benachbarten Dominikanischen Republik gibt es mehr als dreimal so viele Infizierte und etwa siebenmal so viele Tote.

"Das ist nicht nur selbstlos"

Sollte die Weltgesundheitsorganisation den Soberana-02-Impfstoff bald zulassen, hat Kuba gute Voraussetzungen, einigermaßen schnell den Weg aus der Krise schaffen. Das Vakzin muss nicht so kühl gelagert werden wie andere Impfstoffe. Eine Temperatur zwischen zwei und acht Grad reicht aus. Zudem soll das Mittel auch gegen Mutationen wirken. Seine Wirksamkeit soll bei mindestens 80 Prozent liegen.

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Ein Freiwilliger bekommt eine Dosis Soberana2 gespritzt.

(Foto: REUTERS)

Ein großes Fragezeichen sieht Kuba-Experte Bert Hoffmann vom Giga-Institut aber noch hinter den Produktionskapazitäten. In kurzer Zeit genügend Impfstoff zu produzieren - das sei für alle Länder eine große Herausforderung, für Kuba aber ganz besonders, sagt Hoffmann gegenüber ntv.de. Das Ziel, 100 Millionen Impfdosen in diesem Jahr herzustellen, sei eher ein Wunsch-Szenario als ein realistisches Ziel.

"Kuba wird natürlich versuchen, gegen Geld Impfstoff zu verkaufen. Und sie werden versuchen, damit in gewisser Weise auch Impfstoff-Diplomatie zu machen. Das ist also nicht nur selbstlos. Es geht natürlich darum, daraus symbolisches und politisches Kapital zu schlagen", bekräftigt Hoffmann bei "Wieder was gelernt".

Impfstoff für Lateinamerika

Trotz der weitgehenden Isolation gibt es viele potenzielle Impfstoff-Abnehmer. Soberana 02 könnte zum Corona-Vakzin für Entwicklungsländer und die tropischen Staaten werden, analysierte die "Washington Post" in der vergangenen Woche. Die befreundeten Staaten Venezuela und der Iran haben bereits Impfstoff-Verträge mit Kuba abgeschlossen. Der venezolanische Außenminister Jorge Arreaza hatte dem US-Medium gesagt, der kubanische Impfstoff werde für den gesamten amerikanischen Kontinent von riesiger Bedeutung sein. "Das wird die einzig wahre Lösung für unser Volk sein", so Arreaza.

Aber nicht nur der amerikanische Kontinent ist am Impfstoff der Kubaner interessiert. Auch Italien ist ein möglicher Abnehmer, erklärt Federico Foders: "Es gibt bereits ein Ärzteteam aus Kuba in Italien. Seitdem wir diese schrecklichen Bilder aus Bergamo gesehen haben, haben die Italiener versucht, von überall Hilfe anzunehmen. Aus Russland, aus Europa, aus anderen Ländern." Darüber hinaus sei auch die Türkei am kubanischen Wirkstoff interessiert, ergänzt Foders. "Auch die Türkei ist durch die eigene Politik mehr und mehr isoliert. Insofern macht das Sinn aus türkischer Sicht, mal zu schauen, was aus Kuba kommt."

Bietet Kuba bald Impfreisen an?

Neben einer durchimpften Bevölkerung warten auf Kuba Einnahmen durch Impfstoff-Exporte. Und darüber hinaus könnte Kuba mit dem Soberana-02-Impfstoff seinen so wichtigen Tourismussektor wieder ankurbeln. "Es ist die Frage, wann der Impfstoff zugelassen wird und wie zuverlässig er ist. Für europäische Touristen wird er erst interessant, wenn die Impfung auch in Europa anerkannt wird und man damit auch in Länder einreisen kann, die eine Impfung verlangen", sagt Bert Hoffmann und macht deutlich, dass es im "ersten Schritt" darum gehe, "die eigene Bevölkerung zu impfen, um ein sicheres Touristen-Umfeld" überhaupt anbieten zu können.

Bis Ende Mai sollen im Rahmen der dritten Testphase 1,7 Millionen Menschen auf Kuba mit Soberana 02 geimpft werden. Im Juli könnte laut kubanischem Gesundheitsministerium auch der Abdala-Impfstoff zugelassen werden. Das ambitionierte Ziel: im August sollen 60 Prozent der knapp 11 Millionen Kubaner geimpft sein. Die "Washington Post" erwartet, dass Kuba zum Impfstoff-"Powerhouse" wird und damit als eines der ersten Länder der Welt Herdenimmunität erreicht. Obwohl bislang noch gar kein Impfstoff bereitsteht, könnte das isolierte Land im Alleingang den Rest der Welt überholen, Impf-Weltmeister werden und Touristen mit einer Impfspritze locken.

Quelle: ntv.de

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