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Freiburger Booking Fonds Das Nachtleben stirbt. Aber Rettung ist nah

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Christopher Street Day in Freiburg: wo die Welten verschmelzen

(Foto: Deniz Binay)

Weil sich mit Musik abseits des Mainstreams selten Geld verdienen lässt, verschwinden kulturelle Freiräume nach und nach, die Städte veröden zusehends. Ein Freiburger Kollektiv geht neue Wege und will zwischen Subkultur und Politik vermitteln.

Es läuft in Deutschlands Großstädten: Die Wirtschaft brummt, es wird gentrifiziert und nachverdichtet, was das Zeug hält. Doch wenn Investoren für teures Geld Wohnungen, Gewerbeflächen und Hotels kaufen, müssen weniger lukrative Konzepte weichen. Und während sich der Kommerz langsam durch die Städte frisst, stirbt Stück für Stück das Nachtleben. "Endlich Ruhe!", könnte man jetzt denken und sich dem nächsten Thema zuwenden - ganz so einfach ist es allerdings nicht.

"Die EU hat in Studien herausgefunden, dass das Nachtleben einer der Hauptgründe ist, warum junge Menschen in der EU reisen. Warum kennen so viele Kids auf der Welt Berlin? Wegen des ganzen Angebots. Und ausgerechnet diese subkulturelle Vielfalt stirbt gerade, deutschlandweit." Deniz Binay heißt der junge Mann, der sich diese Sorgen macht. Er wohnt nicht in Berlin, sondern im idyllischen Freiburg und will zusammen mit drei Mitstreitern dafür sorgen, dass sich der Trend zumindest teilweise umkehrt - mit dem "Freiburger Booking Fonds".

"Du brauchst diese vielen kleinen Clubs"

Veranstaltungen abseits des Mainstreams sind für Veranstalter immer ein großes Risiko: Je experimenteller oder innovativer ein Künstler, desto größer die Gefahr, dass die Party oder das Konzert ein Minusgeschäft wird. Das führt dazu, dass viele Veranstalter aus finanziellem Druck vor allem auf Nummer sicher buchen - und Sicherheit ist der Tod der Kunst. Der Booking Fonds soll die Verarmung der Kulturlandschaft stoppen, indem er kleinen und mittelgroßen Veranstaltern und Clubs finanziell unter die Arme greift und ihnen so die Angst vor der Pleite nimmt.

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Freiburg bei Nacht: In der Stadt wohnen rund 26.500 Studenten.

(Foto: picture alliance/dpa)

"Innovative Bookings wirken sich positiv auf das Ausgehverhalten in Freiburg aus. Das wird dann einen Welleneffekt haben: Auch in den Bars wird es besser laufen, weil die Aufmerksamkeit steigt und mehr Leute für Veranstaltungen nach Freiburg fahren", erklärt Binay einen der Effekte, den er sich vom Booking Fonds erhofft. Der andere ist: Qualität. "Wenn du Deutschland als Musik- und Kreativstandort haben möchtest, dann brauchst du diese vielen kleinen Clubs, in denen herumexperimentiert und was gemacht wird. Ob sich das am Ende lohnt, ist erstmal egal, aber du brauchst diesen Tumult, damit da was entsteht."

Binay veranstaltet seit elf Jahren in Freiburg, er weiß also, wovon er spricht: "Wenn ich heute als neuer Veranstalter Angst habe, ich verliere Geld, dann mache ich doch sowas nicht." Und dann leidet auch die Qualität. Doch woher soll es kommen, das liebe Geld? Während sich die Hochkultur - allen voran Theater und große Konzerthäuser - häufig dank millionenschwerer staatlicher Subventionen weitestgehend austoben kann, ist das Misstrauen zwischen Politik und Subkultur traditionell groß. Beide Seiten sprechen grundverschiedene Sprachen und viel zu selten macht sich jemand die Mühe, zu übersetzen.

Politik für die jüngste Stadt Deutschlands

Bis sich Binay Ende November 2018 als Dolmetscher versuchte: "Ich habe mich über eine Facebook-Diskussion aufgeregt, bei der wieder nur gemeckert wurde. Das hat mich so genervt, weil an der Stelle immer der Stadt vorgeworfen wird, sie behindere alles und mache nichts. Aber dann werden nie eigene Lösungsansätze angeboten." Der Student skizziert in einer langen Nacht einen und postet ihn auf Facebook: Wenn kleine und mittlere Veranstalter und Clubs Künstler buchen wollen, die ihr Budget übersteigen, können sie dafür Mittel beim Booking Fonds beantragen. Das Geld soll aus drei Säulen kommen: aus der öffentlichen Hand, durch Mitgliedsbeiträge und von Seiten der privaten Wirtschaft. Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten, aber "was ich nicht erwartet hatte, war, dass da gleich Stadträte drunterschreiben: 'Komm, lass uns das machen, jetzt ist bald Haushaltsdebatte'."

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"Subkultur braucht Freiräume", findet Freiburgs Oberbürgermeister.

(Foto: Deniz Binay)

Der Zuspruch ist parteiübergreifend, von einer neugegründeten Liste namens Urbanes Freiburg bis hin zu den alteingesessenen Parteien sprechen sich fast alle für den Booking Fonds aus. Wer sich Freiburgs Demografie anschaut, versteht schnell, warum die Politik auf den Kulturzug aufgesprungen ist: In der Universitätsstadt leben rund 26.500 Studenten, sie machen mehr als zehn Prozent der Bevölkerung aus. Freiburg ist mit einem Altersdurchschnitt von 39,8 Jahren die jüngste Stadt Deutschlands - und Ende Mai finden hier Kommunalwahlen statt.

Politik für die jüngste Stadt Deutschlands, wie geht das? "Wir reden viel über die Bedeutung der Subkultur und die Gefahren des Clubsterbens, aber wir müssen unseren Worten auch Taten folgen lassen und schauen, wie wir daran etwas ändern können. Der Bookingfonds könnte als Teil eines Maßnahmenkatalogs ein sehr gutes Instrument dafür sein", sagt Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn. Mit seinen 34 Jahren passt Horn gut zur Bevölkerungsstruktur der Stadt, er ist Deutschlands jüngster Oberbürgermeister und hat verstanden, wie wichtig eine lebendige Szene für die Attraktivität einer Stadt ist.

Die Idee exportieren

"Ich mache mir nichts vor: Subkultur kann man nicht planen, vor allem nicht ich als Oberbürgermeister. Aber wir können und müssen Freiräume dafür schaffen", sagt Horn. So wie im Neubaugebiet Dietenbach, einem der größten Bauprojekte in ganz Deutschland. Der Oberbürgermeister wünscht sich dort, wo Wohnraum für 15.000 Menschen entstehen soll, auch ein "integriertes Clubareal".

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In Freiburg findet jährlich das "Zelt Musik Festival" statt, das bis zu 120.000 Besucher anzieht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Aber "wir müssen alle Freiburger bei solchen Entscheidungen mit einbeziehen, um den Spagat zwischen Subkultur und den Interessen der restlichen Bevölkerung zu schaffen." Keine einfache Aufgabe - aber eine, die sich lohnt, auch aus wirtschaftlicher Sicht: Die Attraktivität des Nachtlebens einer Stadt ist vor allem für junge und gut ausgebildete Arbeitnehmer ein entscheidender Grund für einen Umzug. Nicht umsonst hat Berlin in den vergangenen Jahren einen kometenhaften Aufstieg als Startup-Mekka hingelegt.

Natürlich sind die Verhältnisse einer Millionenmetropole wie Berlin und der 220.000-Einwohner-Stadt Freiburg nur schwer miteinander zu vergleichen, die Mechanismen sind aber trotzdem ähnlich. Das kommt den Initiatoren des Freiburger Booking Fonds entgegen - sie wissen, dass die Chancen für Projekte wie ihres überall in Deutschland selten so gut waren wie heute: "Für uns ist es wichtig, dass wir jetzt ganz vielen Leuten von unserer Idee erzählen", sagt Binay. Der Freiburger ist deshalb gerade viel unterwegs und spricht unter anderem am kommenden Montag auf der dialogpop, einer der größten Fachkonferenzen der Branche.

Die Blaupausen kämen aus Freiburg

Binay braucht die Aufmerksamkeit nicht nur als Hebel bei der Beantragung von Fördermitteln von Bund und Ländern, sondern vor allem, um das Konzept von Freiburg bis nach Flensburg zu tragen: "Ich glaube, dass es ganz viele deutsche Städte gibt, wo es Veranstalter gibt, die Bock haben Sachen zu machen, aber sich nicht trauen." Genau die will Binay erreichen und sie ermutigen, in ihrer Stadt ihr eigenes Ding zu machen. Von vorne anfangen müsste dabei niemand, die Blaupausen kämen zur freien Verfügung aus Freiburg.

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Die Jugend stimmt mit den Füßen ab - und wird in Freiburg von der Politik hofiert.

(Foto: Deniz Binay)

Binay und seine Mitstreiter träumen davon, ihr Konzept irgendwann von der regionalen auf die nationale Ebene heben zu können: "Ich hoffe schon, dass das Wechselwirkungen hat; dass zum Beispiel auch Großveranstalter wieder mutiger werden, irgendwelche Newcomer zu buchen oder Leute auf Tour zu schicken, von denen sie nicht genau wissen, ob sie das Geld wieder einspielen - weil sie wissen, es gibt einen nationalen Fördertopf."

Wie viel das alles kosten würde, weiß zwar noch keiner, aber die Förderung in Freiburg gibt einen ersten Hinweis auf die Dimensionen: 45.000 Euro bekommt der Freiburger Booking Fonds im Oktober ausgeschüttet. Im Freiburger Kulturbudget ist das ein verschwindend geringer Anteil - alleine das Barockorchester wird mit 350.000 Euro unterstützt, das Theater sogar mit 15 Millionen. Und doch sind die 45.000 Euro "mehr als wir gehofft hatten", gibt Binay zu. Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die einen großen Unterschied machen. Jetzt ist es an den Initiatoren des Fonds und der Freiburger Szene, etwas aus der unverhofften Chance zu machen.

Quelle: n-tv.de

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