Panorama

Wo steht Deutschland? Das sind Europas Lockdown-Paradiese

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Die Menschen auf den Färöern müssen aktuell nur wenige Einschränkungen erdulden.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Die Corona-Lockdowns in Europa unterscheiden sich von Land zu Land. Um sie vergleichen zu können, haben britische Forscher den "Stringency Index" entwickelt. Er verdeutlicht, wo derzeit die härtesten Lockdowns herrschen - und wo es vergleichsweise locker zugeht.

Noch immer ächzt ganz Europa unter zahlreichen Einschränkungen, welche das Coronavirus in Schach halten sollen. Denn die Fallzahlen sind weiter hoch, hinzu kommt die Furcht vor neuen Varianten. Dennoch ist das nötige Ausmaß des Lockdowns in Deutschland wieder Gesprächsthema Nummer eins - doch wie streng ist er eigentlich im Vergleich zum Rest Europas? Die Universität Oxford hat einen "Stringency Index" (deutsch: "Strenge-Index") erarbeitet, der die Lockdowns von Ländern nach Ausmaß bewertet. Wo in Europa herrschen die härtesten und die mildesten Lockdowns?

Der "Stringency Index" wird auf einer Skala von 0 bis 100 bewertet - wobei 100 einer fast totalen Abriegelung des Landes gleichkommt. In Europa hatte bisher nur Serbien das volle Ausmaß erreicht: Ende März bis Ende April galt dort unter anderem eine absolute Ausgangssperre für Menschen ab 65. Auch viele andere Bürger durften an Wochenenden nicht das Haus verlassen. Aktuell werden die serbischen Maßnahmen von den Forschern jedoch nur noch mit rund 59 Punkten bewertet, womit der Lockdown zu den milderen in Europa zählt.

In die Bewertung der Lockdowns fließen neun Kategorien ein - etwa Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, Beschränkungen von Versammlungen und öffentlichen Veranstaltungen, nationale und internationale Reisebeschränkungen - deren Ausmaß ein Wert zugeordnet wird, woraus sich der Gesamtwert ergibt. Die Autoren betonen jedoch, dass ein höherer Wert nicht bedeutet, dass ein Lockdown "besser" als der andere sei - er ist eben nur strenger.

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Irland hat Lockdown-Drama

Den härtesten Lockdown Europas weist derzeit Irland auf, dessen Maßnahmen mit 88 Punkten bewertet werden. Die Geschichte des irischen Lockdowns ist tragisch: Im Dezember erst hatte die Regierung aufgrund vergleichsweise niedriger Fallzahlen wieder Gastronomie und Handel geöffnet, auch private Treffen großzügiger erlaubt. Doch dann schossen ab Weihnachten die Fallzahlen steil in die Höhe. Nun ist Irland Lockdown-Schlusslicht. Und die Maßnahmen sollen noch bis Ostern andauern.

Nach Irland ist der zweithärteste Lockdown derzeit in den Niederlanden in Kraft, der mit 87 Punkten bewertet wird. Aber auch das ebenfalls von der Pandemie schwer getroffene Großbritannien hat einen strengen Lockdown (rund 86 Punkte), dahinter folgt Portugal mit rund 84 Punkten. Und dann kommt bereits Deutschland: Mit einem Wert von rund 83 gilt der Lockdown hierzulande als einer der härtesten in Europa. Dabei ist die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen (Sieben-Tage-Inzidenz) nur etwa halb so hoch wie der europäische Durchschnitt.

Laut dem "Stringency Index" sind die aktuellen Maßnahmen in Deutschland auch strenger als zur ersten Corona-Welle im vergangenen Frühjahr, als der Wert maximal rund 77 Punkte erreichte. Nach dem Sommer lockerten sich die Maßnahmen auf im September sogar knapp unter 50 Punkte. Mit Beginn der zweiten Corona-Welle im Herbst zog der Wert wieder an. Der aktuelle Lockdown wurde zuletzt bis zum 7. März verlängert. Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz bis dahin stabil unter 35 gesunken sein - aktuell liegt sie bei knapp unter 60 -, sollen die Beschränkungen gelockert werden. Einige Bundesländer wollen jedoch ab dem 22. Februar wieder Schulen öffnen, womit der deutsche Lockdown-Wert wieder sinken dürfte.

Deutsche Nachbarn weniger streng

Laut dem "Stringency Index" haben einige Nachbarländer Deutschlands weniger strenge Maßnahmen, obwohl das Coronavirus dort aktuell noch deutlich heftiger grassiert. Die Maßnahmen Österreichs etwa werden als weniger streng gewertet, der dortige Lockdown erhält rund 78 Punkte. Dabei ist die Sieben-Tage-Inzidenz dort mit über 100 deutlich höher. In Frankreich etwa steht sie sogar bei fast 200 - der französische Lockdown wird jedoch mit 64 Punkten als noch weniger streng als in Österreich bewertet.

In Tschechien ist die Lage noch dramatischer: Wegen der hohen Corona-Infektionszahlen hat das Land gerade erst einen weiteren Notstand verhängt. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt landesweit bei über 500. Geschäfte sind geschlossen, es gilt Maskenpflicht und eine nächtliche Ausgangssperre. In Tschechien werden die Appelle an die Bürger, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben, jedoch von den Forschern der Universität Oxford als weniger strikt bewertet - der Lockdown erhält daher nur rund 69 Punkte.

Aber wo in Europa sind die Menschen derzeit von strengen Lockdowns verschont? Die zu Dänemark gehörenden, aber autonomen Färöern, gemeinhin als Färöer-Inseln bezeichnet, werden von den britischen Forschern einzeln bewertet und kommen auf einen Traumwert von rund 28 Punkten. In diesen unbeschwerten Gefilden befand sich Deutschland zuletzt Anfang März 2020, vor der ersten Infektionswelle. Die jüngsten Corona-Maßnahmen auf den Färöern nehmen sich entsprechend idyllisch aus: Veranstaltungen sind etwa auf 100 Teilnehmer beschränkt, fürs Einkaufen werden Masken lediglich empfohlen. Die Zahl der akut Infizierten unter den rund 50.000 Einwohnern wird aktuell mit drei angegeben, Corona-Todesfälle gab es bisher einen.

Belarus - eine Lockdown-Insel?

Unter den europäischen Staaten kommen Estland und Island mit jeweils knapp über 40 auf vergleichsweise niedrige Lockdown-Werte. Während das in Island berechtigt scheint - die Sieben-Tage-Inzidenz liegt dort bei etwa 4 -, hatten in Estland die Fallzahlen zuletzt wieder angezogen. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt in dem baltischen Staat mit mehr als 340 also 85 Mal höher als in Island.

Der nach wie vor mildeste Lockdown unter den Staaten Europas herrscht jedoch erstaunlicherweise in dem autokratisch regierten Belarus - laut "Stringency Index" wird er mit lediglich rund 28 Punkten bewertet, dem Niveau der Färöer. Bei diesen Werten kann von einem Lockdown also eigentlich keine Rede mehr sein. Dort sind lediglich Versammlungen größerer Menschenmengen und Reisen ins und aus dem Land beschränkt. Unklar ist, inwiefern dies mit den jüngsten Massenprotesten gegen Machthaber Alexander Lukaschenko zusammenhängt. Lukaschenko hatte die Pandemie stets kleingeredet und sie im vergangenen Frühjahr als eine "Psychose" bezeichnet.

Quelle: ntv.de