Panorama

Sachsen-Anhalt wird zum Meer Deich bei Fischbeck ist nicht zu retten

Die Hochwasserwelle der Elbe rollt nach Norden. Auf ihrem Weg dorthin bleibt vielerorts nichts als Zerstörung. Während große Teile Sachsen-Anhalts mit dem braunen, erdigen Wasser überschwemmt sind, rüsten sich Brandenburg und Schleswig-Holstein gegen die Flut. Tausende sind auf der Flucht und blicken sorgenvoll auf die nächsten Stunden. Derweil setzt Bundesumweltminister Altmaier notfalls auf Enteignungen, um den Hochwasserschutz auszubauen.

Die Hochwasser-Katastrophe in Teilen Ost- und Norddeutschlands ist noch lange nicht ausgestanden. In der vergangenen Nacht blieb die Lage jedoch weitgehend konstant. In Brandenburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein hoffen Helfer, der Elbeflut mit Deichen und Sandsäcken standhalten zu können. Der gebrochene Deich in Fischbeck bringt für die Anwohner Hoffnungslosigkeit. Noch immer ergießen sich dort gigantische Wassermengen über das Land und suchen sich neue Wege. Anderenorts bringt das Elend der Fischbecker Erleichterung.

Rund 9000 Soldaten sind in Sachsen-Anhalt weiter im Einsatz. Der Krisenstab der Landesregierung will den Einsatz in Stendal nun selbst koordinieren, weil sich die Lage im Jerichower Land so zugespitzt hat. Eine enge Koordination mit dem Nachbarland Brandenburg und ein größerer Bundeswehreinsatz sind notwendig.

Deich wohl nicht zu retten

3c5u3759.jpg745242413463145103.jpg

In Schönhausen werden Tiere von den Weiden gerettet.

(Foto: dpa)

Derzeit versucht die Bundeswehr verzweifelt, von Hubschraubern aus Sandsäcke auf die beschädigte Deichstelle bei Fischbeck zu werfen. Doch der Riss hat sich bereits auf eine Länge von 100 Meter verdoppelt. Nach Angaben der Einsatzkräfte, sei es unmöglich, den Durchbruch zu schließen. Man könne höchstens durch Durchflussmenge reduzieren. Das Loch könnte sich sogar noch vergrößern, weil die Deichkrone komplett durchgeweicht ist. Ein Regenguss hier hätte dramatische Folgen. Das Wasser hat bereits die Bundesstraße 107 zwischen Jerichow und Fischbeck überflutet und nähert sich dem Stadtgebiet von Jerichow.

Unterdessen hat es in Hohengöhren nach der Deichabrutschung bisher nicht den befürchteten Durchbruch gegeben. Die Arbeiten am Damm mussten gestern wegen des Sicherheitsrisikos für die Einsatzkräfte gestoppt worden. Im Laufe des Tages soll neu entschieden werden, ob weitere Sicherungsmaßnahmen überhaupt erfolgen können.

Die Ortschaft Schönhausen zwischen Fischbeck und Hohengöhren steht bereits zu drei Viertel unter Wasser. Das Wasser hier kommt aus dem Deichbruch bei Fischbeck. In Schönhausen wurde Otto von Bismarck geboren. Herrenhaus und Schlossgarten sind jetzt akut bedroht.

Brandenburger Notdeich in Sachsen-Anhalt umstritten

Stepmap Hochwasser Elbe

Stepmap Hochwasser Elbe

Auch in Brandenburg ist die Lage deshalb weiter angespannt. In der Prignitz wird heute der Scheitelpunkt der Elbe-Flutwelle erwartet. Der Höhepunkt der Flut soll Wittenberge gegen Mittag erreichen. Nach Berechnungen der Behörden könnte ein historischer Höchstwert von 8,20 Meter erreicht werden. Der Mittelwert des Wasserstandes liegt dort bei 2,77 Metern.

Gestern Abend wurde zudem im Landkreis Havelland ein rund 3,5 Kilometer langer Notdeich fertiggestellt, der dort seit den Morgenstunden errichtet worden war. Er soll als Schutz gegen das Wasser dienen, das seit dem Bruch des Deichs bei Fischbeck ins Hinterland strömt. Über diesen Notdeich erhitzen sich derzeit die Gemüter. Während sich Brandenburg eiligst vor der heranrollenden Flut schütze, werde das Jerichower Land weiter absaufen, heißt es in Fischbeck. Wenn das Wasser nicht in die Breite könne, gehe es in Höhe. Damit würde die Ursächlichkeit dieser Katastrophe fortgesetzt.

Lange Wartezeit für Bahnreisende

Die Sperrung einer Elbbrücke in Hämerten sorgt weiter für Verspätungen im Fernverkehr der Bahn. Betroffen sind die ICE-Verbindungen Berlin-Köln und Berlin-Frankfurt am Main. Wegen der Umleitungen kann es zu Verspätungen von bis zu drei Stunden kommen. Wie lange die Sperrung der Brücke dauern wird, kann die Bahn derzeit noch nicht abschätzen.

Der Norden macht sich bereit

3c5u3343.jpg1351272861568255001.jpg

Blick auf die Altstadt von Lauenburg.

(Foto: dpa)

Derweil rüsten sich die Menschen in Lauenburg in Schleswig-Holstein für den Höchststand der Elbe-Flut. Der Scheitelpunkt soll hier erst am Donnerstag erreicht werden. Die kritische Marke von 9,30 Meter ist bereits überschritten, am Morgen lag der Pegelstand bei 9,56 Meter. Das sind knapp fünf Meter über dem normalen Stand. Teile der Altstadt sind ohne Strom, Hunderte Bewohner haben das bedrohte Gebiet bereits bis in die Nacht zum Montag verlassen.

In Mecklenburg-Vorpommern ist die Flutregion zwischen Dömitz und Boizenburg zur Sperrzone erklärt. Ortsfremde, die keine Einsatzkräfte sind, dürfen nicht mehr hinein. Einheimische sollen sich auf eventuelle Evakuierungen vorbereiten. Der Wasserstand der Elbe am Pegel Dömitz blieb aber auch wegen des Deichbruchs in Fischbeck konstant bei 7,20 Meter.

Der Hochwasserscheitel der Elbe hatte gestern auch Niedersachsen erreicht. Doch anders als flussaufwärts gibt es hier noch keine größeren Schäden. Der Wasserstand in den betroffenen Kreisen Lüchow-Dannenberg und Lüneburg wird sich aber auch dort über mehrere Tage auf einem hohen Niveau halten. In Hitzacker wird seit dem Morgen ein Wasserstand von 8,17 Meter gemessen. Normalerweise liegt der Elbe-Pegel dort bei 2,67 Meter. In Schnackenburg fällt der Pegelstand bereits leicht.

Wirtschaft hilft Wirtschaft

Bundeswirtschaftminister Philipp Rösler sagte den vom  Hochwasser betroffenen Unternehmen konkrete, praktische Hilfe ohne bürokratischen Aufwand zu. Die Firmen "bekommen Hilfe in umfassender Form. Vor allem von der Wirtschaft selber – die Ansprechpartner sind hier die Kammern jeweils regional vor Ort", sagte der FDP-Politiker im Gespräch mit n-tv. Auf Bundesebene habe die Kreditanstalt für Wiederaufbau einen entsprechenden Nothilfefonds aufgelegt. Es sei eine Hotline geschaltet worden. "Wer einen bestimmten Schaden glaubhaft machen kann, kann bis zu 50 Prozent des Schadens erstattet bekommen und je nach Region, je nach Bundesland geht es dann um 10.000 oder noch mehr Euro."

Soforthilfe wird ab heute ausgezahlt

Privatpersonen bekommen in Sachsen-Anhalt ab heute 400 Euro Soforthilfe ausgezahlt. Pro Familie allerdings nicht mehr als 2000 Euro. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sagte dem MDR, dass noch am Vormittag das Gesetz zur Soforthilfe für Hochwasseropfer beschlossen werde. "Unmittelbar danach können die Bürger bei den Kommunen ihr Geld beantragen." Das Soforthilfepaket umfasst 40 Millionen Euro, jeweils 20 Millionen Euro vom Land und Bund. Die Soforthilfe liegt Haseloff zufolge auf dem Niveau von Sachsen und Thüringen.

Enteignungen für den Hochwasserschutz möglich

Derweil forderte Bundesumweltminister Peter Altmaier länderübergreifende Maßnahmen zum Hochwasserschutz. Dazu sollen Bauverbote am Wasser und gezielte Vorflutflächen gehören. Auch Enteignungen dürfe man nicht ausschließen, sagte der CDU-Politiker der "Passauer Neuen Presse". "Sie müssen aber immer die Ultima Ratio bleiben", betonte Altmaier.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, macht sich für die Einführung eines "Hochwasserschutz-Beschleunigungsgesetzes" stark. "In einem solchen Gesetz sollte klar werden, dass, auch wenn der Naturschutz betroffen ist oder es Bürgerproteste gibt, im Zweifel der Hochwasserschutz Vorrang hat", sagte er der "Rheinischen Post".

Landsberg fügte hinzu: "Wir müssen uns davon verabschieden, dass ein Jahrhunderthochwasser nur alle 100 Jahre einmal auftritt." Bis die Schäden des jetzigen Hochwassers beseitigt seien, dauere es mindestens zwei bis drei Jahre. Die Schäden würden sich voraussichtlich auf mindestens zehn Milliarden Euro belaufen.

Quelle: n-tv.de, ppo/dpa

Mehr zum Thema