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Interview zu Familienarbeit "Der Begriff Hausfrau hat gelitten"

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Sich um das Kind kümmern und gleichzeitig dafür sorgen, dass Essen auf dem Tisch steht: eine anstrengende Arbeit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Erziehung von Kindern und die alltägliche Arbeit im Haushalt wird zu wenig honoriert - auch finanziell. Diese Ansicht vertritt der "Verband Familienarbeit". Den Mitgliedern geht es nicht um moralische Grabenkämpfe, sondern um Unabhängigkeit und Wahlfreiheit.

n-tv.de: Was waren die historischen Ziele der Hausfrauengewerkschaft, als sie 1979 gegründet wurde?

Wiltraud Beckenbach: Die Soziologin Gerhild Heuer hatte zwar keine Kinder, aber ihr war aufgefallen, dass die Arbeit der Hausfrau und Mutter ihrer gesellschaftlichen Leistung entsprechend nicht gewertet wurde. Dann hat sie sich dazu entschlossen, eine Hausfrauengewerkschaft zu gründen. Es sollte auch ein bisschen eine Provokation sein, denn Hausfrau und Gewerkschaft passen erstmal nicht zusammen. Das hat damals viel Aufmerksamkeit erregt. Sie wollte damit die Anerkennung der Hausfrauentätigkeit als Beruf erreichen.

Und was sollte dadurch konkret verbessert werden?

Die Gewerkschaft wollte eine verbesserte Altersvorsorge und eine bessere Kranken- und Unfallversicherung. Das war der Ursprung des Ganzen. Sicherlich hat sich das im Laufe der Jahre gewandelt. 2012 ist der Name in "Verband Familienarbeit" geändert worden, weil sich die Begriffe verändert haben und die Arbeit in der Familie zunehmend zwischen Müttern und Vätern aufgeteilt wird. Der Begriff Hausfrau hat gelitten. Sie werden heute kaum jemand finden, die sagt, "ich bin Hausfrau". Mütter wollen keine unbezahlte Arbeit mehr leisten und suchen ihre finanzielle Unabhängigkeit in der Erwerbstätigkeit. Traurig ist, dass die meisten Mütter sich nur noch über die bezahlte Arbeit definieren.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen?

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Wiltraud Beckenbach engagiert sich seit Jahrzehnten in der Hausfrauengewerkschaft/Verband Familienarbeit.

(Foto: Privat)

Als ich mein erstes Kind bekommen hatte, war ich zuvor erwerbstätig und verdiente genauso viel wie mein Mann. Die Familienarbeit habe ich damals bewusst übernommen. Aber dann musste ich festgestellen, dass ich als Mutter irgendwie nicht mehr vorhanden war. Als der Handwerker kam, hat der erstmal nach meinem Mann gefragt - und ich fragte ihn, wofür er ihn denn brauche, ich wäre durchaus imstande, selbst mit ihm zu verhandeln. Eine andere Erfahrung, die mir meine Abhängigkeit deutlich machte: Ich benötigte zum Kauf meines Autos die Unterschrift meines Mannes. Das war und ist demütigend und stellt uns auf die Stufe mit unmündigen Kindern.

Und wie sieht das heute aus?

Wir möchten immer noch, dass die Familienarbeit bezahlt wird. Es ist wichtig, dass die Erziehungsarbeit der Eltern als Basis der Wirtschaft und damit unseres Rentensystems gesehen wird. Wir fordern ein Gehalt, das etwa bei 1000 Euro liegt. Das sollen dann aber alle Eltern bekommen. Sie sollen frei entscheiden, ob sie das Geld für sich nutzen, um ihre Kinder zu Hause zu erziehen oder ob sie Tagesmütter oder eine Kitagebühr davon bezahlen. Es ist ganz wichtig, dass diese Wahlfreiheit hergestellt wird.

Welches finanzielle Modell stellen Sie sich davor? Wo soll das Geld dafür herkommen?

In die Finanzierung eines Gehalts für Familienarbeit würden alle Zahlungen eingehen, die heute schon zum Teil wegen Bedürftigkeit geleistet werden - wie Elterngeld, Sozialgeld, Wohngeld und Unterhaltsvorschüsse an Alleinerziehende. Ausgenommen wäre das Kindergeld, das bekanntlich Rückerstattung zu viel gezahlter Steuern ist. Allein für Elterngeld, Krippen und Hortplätze werden schon jetzt mehr als 1000 Euro monatlich aus Steuermitteln finanziert.

Das Geld ist also da.

Ja, das Geld ist da, es muss aber den Menschen zur Verfügung gestellt werden, die die im Grundgesetz verankerte Erziehungshoheit haben. Zudem führen wir ja auch derzeit eine ernsthafte Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen, dem keine gesellschaftlich wichtige Arbeit zugrunde liegen muss.

Aber es gibt ja schon das erwähnte Elterngeld.

Das Elterngeld in seiner jetzigen Form ist ungerecht. Strenggenommen ist es nicht verfassungskonform, da es den Gleichheitsgrundsatz verletzt. Als eine Art Schadensersatz bewertet es nicht die Familienarbeit, sondern den Verzicht auf eine Erwerbsarbeit. Zum Beispiel bekommen Mütter von mehreren Kindern und Studentinnen, die nicht erwerbstätig waren, nur den Mindestsatz von 300 Euro. Dabei wird doch am "Equal Pay Day" lautstark gleiches Geld für gleiche Arbeit gefordert.

Was sind Ihrer Meinung nach derzeit die größten Probleme für Familien?

Eltern wollen mehr Zeit für ihre Kinder haben und nicht zwischen Erwerbsarbeit und Kindererziehung zerrieben werden. Sie wollen sich aber auch nicht ihre Erziehungskompetenz absprechen lassen. Zumindest könnte im Moment dieser Eindruck entstehen, wenn man sich die Krippenpolitik anschaut. Es wird so dargestellt, als wäre die Betreuung dort der einzig wahre Weg. Kinder haben individuelle Bedürfnisse. Wie sie denen nachkommen wollen, müssen Eltern selbst entscheiden dürfen.

Welches Familienbild vertreten Sie als Verband?

Wir vertreten alle Familienformen mit Kindern. Für uns ist die Bezahlung der Elternarbeit wichtig. Dies würde vor allem die Einelternfamilien stärken, die das höchste Armutsrisiko tragen.

Dieses Wertebild beinhaltet für Sie auch alle neuen Formen der Familie? Auch Patchwork oder Regenbogenfamilien?

Ja, ganz klar. Es ist unfair, unseren Verband als rückwärtsgewandt und konservativ zu bezeichnen. Wer das macht, der hat sich nicht mit unseren Zielen auseinandergesetzt. Kinder müssen betreut werden und die Personen, die das machen, tragen alle zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung bei, egal, ob sie diese Arbeitsleistung zu Haus oder in der Krippe erbringen.

Wie sieht dann die konkrete Arbeit aus?

Das Internet hilft uns bei unserer Arbeit sehr und wir sind bei den politischen Debatten gut vernetzt. Wir werden außerdem immer wieder zu Anhörungen in den Bundestag und anderen Veranstaltungen eingeladen. Es tut sich da auch etwas. Ein besonderes Anliegen ist es, die Reproduktions- und Regenerationsaufgabe der Haushalte sichtbar zu machen und die neoliberale Wirtschaftstheorie infrage zu stellen. Die derzeitige Politik ordnet Familien den kapitalistischen Interessen der Wirtschaft unter.

Wie wollen als kleiner Verband mit wenigen hundert Mitgliedern dafür sorgen, dass sich mehr junge Eltern bei Ihnen engagieren?

Es stimmt, unsere Mitgliederzahl ist sehr geschrumpft. Wir arbeiten aktuell an einem moderneren Auftritt der Webseite, damit wir auch über die sozialen Medien erreichbar sind. Zudem denken wir darüber nach, eventuell unsere Organisationsform zu verändern, um flexibler auf die heutigen Erfordernisse von jungen Eltern eingehen zu können.

Erreichen Sie die Leute?

Unser Thema bewegt die Menschen. Eltern haben aber kaum noch Zeit, sich mit den politischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen oder gar sich politisch zu engagieren. Die jetzige Politik ordnet Familien den kapitalistischen Interessen der Wirtschaft unter. Die Interessen dieser Menschen wollen wir als Verband mit unserer Arbeit unterstützen. Wir sehen in einer gerechten Bezahlung der Familienarbeit eine Möglichkeit, sich endlich frei entscheiden zu können. Das hätte auch Auswirkung auf die Entlohnung vor allem von weiblichen Tätigkeiten in der Wirtschaft.

Mit Wiltraud Beckenbach sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de

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