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Mathe - Setzen, Sechs! Deutsche Grundschüler werden abgehängt

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In Mathe sind die Leistungen deutscher Viertklässler unter das EU-Durchnittsniveau gesunken.

(Foto: picture alliance / dpa)

Geht es um Mathe und Naturwissenschaften schneiden Deutschlands Grundschüler gleichbleibend mittelmäßig ab. Das allein wäre kein Grund zur Panik, würden nicht andere EU-Länder immer besser werden. Bei Bildungsexperten ist die Ernüchterung spürbar.

Timss - Worum geht es dabei?

Alle vier Jahre erfasst Timss - kurz für "Trends in International Mathematics and Science Study" - das Grundverständnis von Schülern in Mathematik und Naturwissenschaften. In Deutschland wurden unter Leitung des Bildungsforschers Wilfried Bos von der Technischen Universität Dortmund etwa 4000 Kinder der vierten Jahrgangsstufe an 200 Grund- und Förderschulen getestet.

2007 und 2011 rangierten deutsche Grundschüler bei Timss international im vorderen Drittel. Aber: Auffällig wenige Kinder erreichten die oberste Kompetenzstufe, und die Zahl der "Risikoschüler" war mit etwa einem Fünftel vergleichsweise hoch. "Wir haben trotz eines guten Mittelfelds auch um die 20 Prozent unterhalb der Kompetenzstufe 3. Auf gut Deutsch: Diese Schüler sind nicht fit für die Sekundarstufe 1", erklärt Bos.

Weltweit ließen sich 2015 mehr als 300.000 Grundschüler in gut 50 Staaten und Regionen testen, außerdem beteiligten sich rund 250.000 Eltern, 20.000 Lehrer und 10.000 Schulleiter. Deutschland nimmt zum dritten Mal teil.

Lehrerverbände hatten dem anstehenden Zeugnis-Herbst für das deutsche Bildungssystem in diesem Jahr mit relativer Gelassenheit entgegengesehen: Pisa, Timss, IQB, Iglu, Vera - diese Schulvergleichstests lösten, anders als noch vor 15 Jahren zu Zeiten des "Pisa"-Schocks, keine nervösen Zuckungen mehr aus. Es werde "weder einen jähen Absturz noch einen überraschenden Höhenflug" geben, hatte etwa Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Philologenverbands, prognostiziert. Die aktuellen Ergebnisse der Timss-Studie dürften nicht nur ihn beunruhigen - denn sie "outen" deutsche Grundschüler als unterdurchschnittliche Rechenkünstler. Und das, obwohl sich an ihrer Leistung eigentlich nicht viel geändert hat.

Den Schulforschern zufolge sind die Viertklässler im Fach Mathematik im internationalen Vergleich deutlich abgerutscht - sogar unter den EU-weiten Durchschnitt. Das liegt vor allem daran, dass andere Länder an Deutschland vorbeigezogen sind. Fast jeder vierte deutsche Grundschüler erreichte nicht einmal die mindestens angestrebte Kompetenzstufe 3; vor vier Jahren war das nur bei jedem fünften Kind der Fall. Stufe 3 gilt als Kompetenzmarke für den Einstieg in die Sekundarstufe 1. "Diese Kinder beherrschen gerade mal die Grundrechenarten", sagte der deutsche Studienleiter Wilfried Bos. Die Gefahr, dass sie den Anschluss verlieren, sei groß. "Wir sind da, wo Pisa im Jahr 2000 war."

Im Bereich Naturwissenschaften blieben die Ergebnisse des Tests zumindest auf gleichem Niveau wie im Jahr 2011 - aber auch das ist angesichts der Tatsache, dass die Leistungen deutscher Schüler auch in Physik, Biologie und Chemie nur sehr knapp über dem EU-Durchschnitt liegen, kein wirklicher Erfolg. Länder wie Slowenien oder Schweden zogen innerhalb von acht Jahren an Deutschland vorbei. Zwar stieg die Quote der Spitzenschüler leicht an - im Vergleich mit Russland etwa war sie aber trotzdem sehr niedrig. Generell gelingt es in Deutschland nicht, gute Schüler auch entsprechend zu fördern. Dies sei nun das Ziel für die kommenden Jahre, sagte Claudia Bogedan, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, in Berlin.

Migrantenkinder schließen auf

Bogedan wertet es als Erfolg einer reformierten Bildungspolitik, dass "diejenigen, die schwächer waren, mitgezogen worden" seien - gemeint sind vor allem Kinder aus bildungsfernen und Migrantenfamilien. Tatsächlich haben sich Grundschüler, von denen ein oder zwei Elternteile im Ausland geboren wurden, seit 2007 stark verbessert. Allerdings ist der Leistungsvorsprung von Kindern ohne Migrationshintergrund noch immer riesig. In Mathe entspricht er fast dem Lernerfolg eines ganzen Schuljahres. Bei den Naturwissenschaften liegt die Differenz noch höher. Auch die soziale Schere hinterlässt einen Effekt: Schüler mit mehr als 100 Büchern daheim haben laut Studie gut ein Lernjahr Vorsprung. Noch immer entscheidet die Herkunft über die Bildungschancen.

Zu erklären ist dieses Defizit laut Bogedan auch mit einer "zunehmend heterogenen" Struktur der Schülerschaft: Mehr Migrantenkinder und mehr Kinder aus ärmeren Familien hätten die Lehrer vor neue Herausforderungen gestellt, so die SPD-Politikerin. Angesichts dessen sei es schon ein Erfolg, dass sich das Leistungsniveau überhaupt stabil habe halten können. Doch ganz so einfach ist es nicht. Die ohnehin leistungsstarken Niederländer haben das Niveau in den vergangenen Jahren noch einmal leicht anheben können. Ihnen gelang es, sowohl die Zahl der Leistungsschwachen zu minimieren als auch die Zahl der Leistungsstarken zu erhöhen. "Das ist das, was wir mit individueller Förderung auch erreichen wollen", erklärte Bos. "Klappt nur nicht so ganz."

Mädchen schließen zu Jungs auf

Dass der Etat des Ministeriums für Bildung, Kultur und Wissenschaft im Jahr 2012 der größte Einzelposten im Gesamthaushalt der Niederlande war, während er in Deutschland auf dem siebten Platz rangierte, könnte ein Grund dafür sein. Wohl auch deshalb fällt die allgemeine Kritik an der Lehrerschaft eher halbherzig aus. Studienleiter Bos bescheinigte den Pädagogen zwar eine gute fachliche Kompetenz ("das ist ein echtes Pfund"), bemängelte aber die geringe Bereitschaft, Fortbildungen im IT-Bereich zu absolvieren. Stefan Müller, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), machte dafür auch die fehlende Infrastruktur in den Schulen verantwortlich. Wo es keine einigermaßen moderne Technik gibt, lohnt auch eine Auffrischung der Computerkenntnisse kaum.

Selbst die Tatsache, dass sich das Leistungsniveau in Mathe und Naturwissenschaften zwischen Jungs und Mädchen deutlich angeglichen hat, taugt nur bedingt als Grund zur Freude. Denn, merkt Bos an, nicht die Mädchen hätten ihre Leistungen signifikant verbessert, sondern die Jungs ihre verschlechtert. Die Ergebnisse der Timss-Studie, resümiert Bogedan, lieferten "keinen Grund für überschwängliche Euphorie". Gut möglich, dass das große Zittern vor dem Zeugnis-Herbst doch noch einsetzt. Schon am 6. Dezember soll die aktuelle Pisa-Studie vorgestellt werden.

Internationale Mathe-Studie für Grundschüler
Die TIMSS ("Trends in International Mathematics and Science Study") -Studie vergleicht alle vier Jahre international die Leistungen von Schülerinnen und Schülern in Mathematik und den Naturwissenschaften. In Deutschland haben Viertklässer daran teilgenommen. Im Folgenden stellen wir Ihnen einige Fragen aus dem Mathe-Bereich der letzten Studie aus dem Jahr 2011. Hätten Sie's gewusst?

Quelle: ntv.de, mit dpa

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