Panorama

Krisenstab in der Botschaft Deutsche sitzen in Argentinien fest

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Tango wird zwar noch getanzt - aber mit Vorsichtsmaßnahmen.

(Foto: REUTERS)

Sie wollten eine schöne Zeit in Südamerika, nun holt sie das Corona-Virus ein: Deutsche Touristen in Argentinien. Manche Reisende müssen in Quarantäne, sonst droht ihnen Gefängnis. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen.

Als Bundesaußenminister Heiko Maas die "Luftbrücke" verkündet, um deutsche Urlauber im Ausland nach Hause zu holen, gibt das Emanuel Jessel zunächst ein Gefühl der Sicherheit. Nicht lange danach wird ihm mulmig. Die Lufthansa hat seinen Rückflug aus Buenos Aires annulliert. Der 33-Jährige ruft bei der deutschen Botschaft an, die ihm noch nicht viel sagen kann. Es ist Mittwochfrüh. "Ich bin grade überfordert. Es ist beängstigend", sagt Emanuel Jessel durchs Telefon. Dann kann er nicht weitersprechen, er will ins Zentrum der argentinischen Hauptstadt fahren, zum dortigen Büro der Lufthansa.

In der ganzen Welt sitzen wegen des Corona-Virus bislang Tausende Deutsche fest. Flugverbindungen sind gestrichen. Regierungsmaßnahmen gegen die Pandemie machen einen Urlaub schwierig oder unmöglich. So wie in Argentinien. Bislang haben sich über die Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amtes über 1000 deutsche Staatsbürger von dort gemeldet. Täglich werden es mehr. Die deutsche Botschaft in Buenos Aires hat einen Krisenstab eingerichtet, der die zusätzlichen Anfragen beantworten soll: Worauf sollte ich achten? Muss ich in Quarantäne? Wie komme ich nach Hause?

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Argentinien hat schnell und entschieden gehandelt. Die Regierung verhängte den Gesundheitsnotstand und schickte Einreisende aus Risikoländern wie USA, China, Südkorea und der EU in Quarantäne. Wer sich nicht daran hält, kann ins Gefängnis wandern. Die Linienflüge aus diesen Ländern sind für vorerst 30 Tage ausgesetzt. Dann machte die Regierung die Grenzen dicht und erklärte die Nachbarn Chile und Brasilien ebenfalls zu Risikoländern. Ab Freitag sind zudem Fernreisen untersagt, dann gibt es keine Inlandsflüge, Langstreckenzüge oder -busse mehr.

Reicht das?

Offiziell sind bislang zwei Menschen im Land am Corona-Virus gestorben. Weitere 79 Menschen galten am Dienstag als infiziert. Die Dunkelziffer könnte viel höher sein. Präsident Alberto Fernández hat zwar angekündigt, acht Krankenhäuser im Schnellverfahren zu errichten. Aber reicht das, wenn das Virus die Armenviertel erreichen sollte, die sogenannten Villas Miserias?

Emanuel Jessel ist vor dem Gebäude angekommen und kommt nicht weiter als zum Empfang. Eine Dame drückt ihm einen Zettel mit einer Telefonnummer der Lufthansa in die Hand, so wie anderen Touristen neben ihm. Am Vortag hatte er nach über einer Stunde in der Warteschleife aufgegeben. Der Schauspieler und Sänger war nach Argentinien gekommen für eine zweimonatige Auszeit, war gespannt auf eine neue Welt, lernte Spanisch, tanzte Tango. Nun ist er etwas ratlos, die Emotionen spielen verrückt. "Ich bereite mich auf zwei Szenarien vor", sagt er in einer Nachricht. "Entweder ich fliege in zwölf Stunden zurück oder ich bunkere mich hier für zwei Monate in einer Wohnung ein." Dann könnte das Geld knapp werden.

Fast alle Argentinier arbeiten derzeit zu Hause oder gar nicht, Veranstaltungen sind abgesagt. In der Metropole Buenos Aires, sonst von großem Gewusel geprägt, sind die Straßen so leer wie nie, als hätten sich viele Menschen selbst eine Ausgangssperre auferlegt. Auf der Calle Corrientes, der argentinische Broadway, wo sich Theater an Kino an traditionsreiche Pizzerien italienischer Auswanderer reihen, ist es seltsam ruhig.

Argentiniens Wirtschaft liegt ohnehin schon am Boden, das Land ist hoch verschuldet und versucht derzeit, der Staatspleite zu entgehen. Das Corona-Virus und die so wichtigen Dollareinnahmen aus der Exportwirtschaft könnten nun ausbleiben. Die Lage wird wohl noch dramatischer werden.

"Zum Strand durchschlagen"

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Auch in manchen Supermärkten sind die Mitarbeiter extrem vorsichtig.

(Foto: REUTERS)

Rund 1000 Kilometer westlich von Buenos Aires, in der Großstadt Mendoza am Fuße der Anden, spürt Malte Knauer vom Ausnahmezustand nicht viel: "Es sind eher Details. Mal sehe ich einen warnenden Zettel oder jemand hat eine Atemschutzmaske auf", berichtet er. Aber die geplante dreimonatige Rucksackreise und seinen Rückflug aus Kolumbien kann der 34-Jährige aus Hannover wohl vergessen. "Da sind vier Grenzen dazwischen, von der Vorstellung habe ich mich verabschiedet. Vielleicht schlage ich mich nach Brasilien zum Strand durch, oder ich fliege mit einer der Sondermaschinen nach Hause."

Sorgen um seine Gesundheit macht sich Malte Knauer kaum, aber an Tourismus sei nicht zu denken. Der IT-Spezialist hatte sich aufs Wandern in Anden gefreut. Nun sind die Nationalparks geschlossen. Also vertreiben sich er und seine paar Mitbewohner die Zeit im großen Garten des Hostels. Gutes Wetter, Hängematten und Wein aus der Region sind ihre Helfer. Nachbarn hätten den Hostelbesitzer zwar schon gefragt, was denn mit seinen Gästen sei, und zwei von ihnen steckte die Polizei vorsichtshalber in Quarantäne. Aber sonst witzeln die Einheimischen eher über die Herkunft von Malte Knauer und der anderen. "Ich warte jetzt erstmal ab", sagt er.

Andere sind nicht so entspannt. Wegen der Anfragenflut deutscher Staatsbürger bleibt die Botschaft in Buenos Aires ab dem heutigen Donnerstag für Publikumsverkehr geschlossen, fast alle Mitarbeiter sind mit Krisenmanagement beschäftigt. Inzwischen hat die Lufthansa eine Liste mit Charterflügen veröffentlicht, die Deutsche nach Hause bringen sollen. Aus Buenos Aires soll am Sonntag eine Maschine in Richtung Frankfurt abheben. Als Emanuel Jessel davon erfährt, ist er erleichtert; zweifelt aber noch. "Ein Flugzeug für 1000 Menschen?" Seinen Koffer packt er trotzdem schon.

Quelle: ntv.de